Die Lufthansa Group festigt ihre Vormachtstellung auf dem europäischen Luftverkehrsmarkt durch einen bedeutenden strategischen Zuwachs. Wie der Konzern am 12. Mai 2026 offiziell bestätigte, wird das Unternehmen die Mehrheit an der italienischen Nationalfluggesellschaft ITA Airways übernehmen.
Durch die Ausübung einer vertraglich vereinbarten Option erwirbt die Lufthansa weitere 49 Prozent der Anteile vom italienischen Staat für einen Kaufpreis von 325 Millionen Euro. Damit steigt die Beteiligung des deutschen Luftfahrtriesen von bisher 41 Prozent auf insgesamt 90 Prozent. Dieser Schritt markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Sanierung der italienischen Zivilluftfahrt und gliedert ITA Airways fest in das Markenportfolio der Lufthansa Group ein, zu dem bereits Fluggesellschaften wie Swiss, Austrian Airlines und Brussels Airlines gehören. Die vollständige Übernahme der verbleibenden zehn Prozent ist für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen, womit die Lufthansa die uneingeschränkte Kontrolle über den für sie strategisch zweitwichtigsten Auslandsmarkt nach den USA erlangt.
Integration in das globale Netzwerk der Lufthansa Group
Die Entscheidung zur Mehrheitsübernahme kommt für Branchenkenner nicht unerwartet, da sie den logischen Abschluss einer seit Jahren vorbereiteten Konsolidierungsstrategie bildet. Bereits mit dem Einstieg als Minderheitsaktionär hatte die Lufthansa klargestellt, dass das Ziel die vollständige Integration der Nachfolgegesellschaft von Alitalia ist. Auf operativer Ebene ist dieser Prozess bereits weit fortgeschritten. Ein maßgeblicher Meilenstein war der formale Beitritt von ITA Airways zur Star Alliance am 31. März 2026. Damit wurde die jahrelange Bindung an das konkurrierende SkyTeam-Bündnis endgültig beendet, was weitreichende Auswirkungen auf die globalen Verkehrsströme und die Hub-Struktur in Europa hat.
Begleitend zum Allianz-Wechsel wurden zentrale Kundenschnittstellen harmonisiert. So gab ITA Airways ihr eigenes Treueprogramm Volare auf und integrierte ihre Kunden in das Miles & More System der Lufthansa. Auch am Boden wurden Tatsachen geschaffen: Seit Anfang 2026 nutzt die italienische Fluggesellschaft an den deutschen Drehkreuzen Frankfurt und München die exklusiven Terminals der Lufthansa, was die Umsteigeprozesse für Passagiere optimiert und Synergien bei der Abfertigung ermöglicht. Jörg Eberhart, der Vorstandsvorsitzende von ITA Airways, bewertete den Schritt als Vertrauensbeweis in die bisherige operative Entwicklung des Unternehmens unter deutscher Führung.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und regulatorische Hürden
Der Kaufpreis von 325 Millionen Euro für die Aufstockung auf 90 Prozent basiert auf einer komplexen Bewertungsmethode, die bereits beim ersten Einstieg der Lufthansa im Jahr 2023 festgelegt wurde. Die italienische Regierung unter Premierministerin Giorgia Meloni betrachtet den Verkauf als Erfolg, da das Kapitel der verlustreichen staatlichen Luftfahrt damit endgültig geschlossen werden kann. Für die Lufthansa bedeutet der Zuwachs eine erhebliche Stärkung ihrer Präsenz im Mittelmeerraum, einem Markt mit hoher Nachfrage im Geschäftsreise- und Premiumsegment.
Trotz der Einigung zwischen Rom und Frankfurt ist das Geschäft noch nicht endgültig abgeschlossen. Der Vollzug der Transaktion wird für das erste Quartal 2027 erwartet, steht jedoch unter dem Vorbehalt strenger wettbewerbsrechtlicher Prüfungen. Sowohl die Europäische Kommission als auch das US-Justizministerium müssen der Übernahme zustimmen. Die Kartellwächter in Brüssel achten dabei insbesondere auf die Sicherung des Wettbewerbs auf transatlantischen Routen sowie auf Kurzstreckenverbindungen zwischen Italien und Zentraleuropa. Es ist damit zu rechnen, dass die Lufthansa Group im Gegenzug für die Genehmigung bestimmte Start- und Landerechte an den Flughäfen Mailand-Linate und Rom-Fiumicino an Wettbewerber abtreten muss.
Italien als strategischer Eckpfeiler der Konzernstrategie
Die Bedeutung Italiens für die Lufthansa kann kaum überschätzt werden. Das Land weist nach den USA das höchste Volumen an Geschäftsreisen und touristischen Verkehren für den Konzern auf. Mit der Integration von ITA Airways sichert sich die Lufthansa den direkten Zugriff auf das Drehkreuz Rom-Fiumicino, das künftig als südliches Tor für Verbindungen nach Afrika und Lateinamerika fungieren soll. Dies entlastet die nördlichen Drehkreuze und bietet dem Konzern neue Wachstumsoptionen in Märkten, die bisher schwerpunktmäßig von Konkurrenten wie Air France-KLM oder der IAG-Gruppe bedient wurden.
Zusätzlich zur geographischen Komponente profitiert die Lufthansa von einer modernisierten Flotte. ITA Airways hat in den vergangenen Jahren massiv in Flugzeuge der Airbus-A320neo-Familie sowie in Langstreckenmaschinen vom Typ Airbus A350 investiert. Diese moderne Flottenstruktur reduziert die operativen Kosten und erhöht die Zuverlässigkeit im Flugbetrieb. Durch den gemeinsamen Einkauf von Ersatzteilen, Versicherungen und Treibstoff sowie die Zusammenlegung der IT-Infrastruktur erwartet die Lufthansa Group jährliche Synergieeffekte im dreistelligen Millionenbereich.
Ausblick auf die zukünftige Markenarchitektur
Wie sich ITA Airways langfristig im Konzernverbund positionieren wird, ähnelt dem erfolgreichen Modell der Swiss oder Austrian Airlines. Die Marke soll ihre italienische Identität behalten, um die lokale Kundenbindung zu wahren, während die administrativen und strategischen Funktionen zunehmend in Frankfurt gebündelt werden. Das italienische Streckennetz wird enger mit den Flugplänen der anderen Gruppengesellschaften verzahnt, um eine maximale Auslastung der Maschinen zu erreichen.
Die Luftfahrtbranche beobachtet diesen Konsolidierungsschritt genau. In einem Marktumfeld, das durch steigende Infrastrukturkosten und harten Wettbewerb geprägt ist, setzen große Konzerne zunehmend auf Skaleneffekte. Die Lufthansa Group unterstreicht mit der ITA-Übernahme ihre Ambition, der dominierende Akteur im europäischen Luftraum zu bleiben. Sollten die regulatorischen Genehmigungen wie geplant erteilt werden, wird ITA Airways ab 2027 als voll integriertes Mitglied der Gruppe agieren und damit eine neue Ära in der italienischen Luftfahrtgeschichte einläuten, in der wirtschaftliche Stabilität und internationale Anbindung im Vordergrund stehen.