Die lettische Nationalfluggesellschaft Air Baltic vollzieht eine grundlegende Umstellung ihrer Unternehmensausrichtung. Unter der Leitlinie, der finanziellen Stabilität den Vorrang vor erneutem Flottenwachstum einzuräumen, hat die Überarbeitung des Geschäftsplans durch die zuständige Aufsichtsarbeitsgruppe am 11. August 2026 grünes Licht erhalten.
Das neue Unternehmenskonzept sieht eine deutliche Reduzierung der aktiven Flugzeugflotte vor sowie das Bestreben, eine Zwischenfinanzierung in Höhe von 225 Millionen Euro zu sichern. Die Arbeitsgruppe war am 16. Dezember 2025 vom lettischen Finanzministerium eingesetzt worden, nachdem die finanziellen Kennzahlen des Verkehrsbetriebs im November 2025 eine Überarbeitung der operativen Struktur erforderlich gemacht hatten. Die Regierung in Riga forderte die Airline auf, ein Konzept zu erarbeiten, das das langfristige Überleben des Unternehmens sichern soll, ohne dass fortlaufend staatliche Finanzhilfen gewährt werden müssen.
Verkleinerung der Flotte und Konzentration auf das Kernnetzwerk
Der verabschiedete Geschäftsplan sieht vor, die bisher auf stetige Vergrößerung ausgerichtete Flottenplanung drastisch anzupassen. Bis Ende des Jahres 2026 soll die Flugzeugflotte, die derzeit aus 54 Maschinen des Typs Airbus A220-300 besteht, auf 36 Einheiten reduziert werden. Für die darauffolgenden Jahre ist ein moderater Wiederanstieg auf etwa 40 Flugzeuge bis zum Jahr 2031 vorgesehen. Trotz des geringeren Fluggerätebestands beabsichtigt Air Baltic, die angebotene Sitzplatzkapazität im Liniendienst durch eine effizientere Nutzung der verbleibenden Flugzeuge auf einem weitgehend stabilen Niveau zu halten.
Inhaltlich bedeutet der Kurswechsel eine Abkehr von früheren Plänen, die im Hinblick auf einen angestrebten Börsengang die Aufstockung der Flotte auf bis zu 100 Flugzeuge vorgesehen hatten. Künftig verzichtet die Gesellschaft auf breite Streckennetzexpansionen und konzentriert sich auf die Vertiefung der Präsenz in bestehenden Märkten. Das Streckennetz wird stärker um den zentralen Heimatflughafen Riga zentriert, wobei Flugfrequenzen vorrangig auf Strecken mit hoher Nachfrage und gesicherter Rentabilität aufgestockt werden. Zudem sollen ausgebaute Kapazitätsvermietungen, sogenannte ACMI-Partnerschaften im Wet-Lease-Geschäft mit anderen europäischen Fluggesellschaften, saisonale Nachfrageschwankungen ausgleichen und die Flottenauslastung ganzjährig absichern.
Restrukturierung der Verbindlichkeiten und Finanzierungsbedarf
Um die laufende Übergangsphase bis zur vollständigen Umsetzung des neuen Geschäftsmodells zu überbrücken, benötigt Air Baltic finanzielle Mittel in beträchtlichem Umfang. Neben der angestrebten Zwischenfinanzierung von 225 Millionen Euro strebt die Gesellschaft die Aufnahme von 100 Millionen Euro an neuem Eigenkapital an. Ein wesentlicher Baustein der bilanziellen Neuordnung ist die geplante Umwandlung bestehender Verbindlichkeiten in Eigenkapitalanteile.
Das Rekapitalisierungskonzept sieht vor, einen Teil der bis 2029 laufenden vorrangigen besicherten Anleihen in Unternehmensanteile umzuwandeln. Der verbleibende Restbetrag der Anleiheschulden soll durch neue, reduzierte Verbindlichkeiten von bis zu 125 Millionen Euro ersetzt werden. Zudem ist die teilweise Eigenkapitalisierung weiterer Verbindlichkeiten aus der Bilanz vorgesehen. Teile dieses Vorhabens bedürfen noch der formalen Zustimmung der Gläubiger. Die Inhaber der bis 2029 laufenden Anleihen wurden aufgerufen, an entsprechenden Abstimmungsverfahren teilzunehmen, deren erste Runde für den 17. August 2026 angesetzt ist. Weitere Abstimmungsdurchgänge sollen im Anschluss folgen.
Operative Ursachen und wirtschaftliche Zielvorgaben
Die Notwendigkeit des Strategiewechsels resultiert aus erschwerten Rahmenbedingungen im europäischen Luftverkehr. Das Geschäft von Air Baltic wurde in den vergangenen Jahren durch die Auswirkungen der geopolitischen Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten beeinträchtigt, die zu Streckenschließungen und Nachfrageverschiebungen im osteuropäischen Raum führten. Darüber hinaus belasteten anhaltende Triebwerksprobleme beim Hersteller Pratt & Whitney den Flugbetrieb, da zeitweise mehrere Flugzeuge des Typs Airbus A220 mangels funktionstüchtiger Triebwerke am Boden gehalten werden mussten.
Der Vorstandsvorsitzende von Air Baltic, Erno Hildén, erklärte zur Neuausrichtung, dass jede erfolgreiche Fluggesellschaft ihre Strukturen an veränderte Marktbedingungen anpassen müsse. Der neue Geschäftsplan setze auf disziplinierte Entscheidungen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu sichern und verlässliche Flugverbindungen anzubieten. Gemäß den Finanzprojektionen des überarbeiteten Plans rechnet das Unternehmen im Jahr 2027 mit einem Jahresumsatz von rund 0,8 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2029 soll der Umsatz auf 0,9 Milliarden Euro steigen und bis 2031 die Marke von 1,0 Milliarde Euro erreichen.
Perspektiven für die Anbindung des baltischen Luftverkehrsmarktes
Die Restrukturierung von Air Baltic besitzt über das Unternehmen hinaus Bedeutung für die Verkehrsinfrastruktur der baltischen Staaten. Als größte Fluggesellschaft der Region nimmt das Unternehmen eine Schlüsselrolle bei der Anbindung Lettlands, Estlands und Litauens an das europäische Festland ein. Die Entscheidung, das Streckennetz auf rentable Kernverbindungen zu verkleinern, könnte auf peripheren Routen zu einem reduzierten Angebot führen, verbessert jedoch die betriebswirtschaftliche Basis des Konzerns.
Die kommenden Wochen bis zum Abschluss der Gläubigerabstimmungen im August 2026 werden zeigen, ob die Anleihegläubiger dem Forderungsverzicht und der Umwandlung von Schulden in Eigenkapital zustimmen. Die Entscheidung der Investoren ist maßgeblich dafür, ob die geplante Zufuhr an frischem Kapital realisiert werden kann und das Unternehmen die Basis für eine eigenständige Konsolidierung ohne laufende Zuwendungen aus dem lettischen Staatshaushalt schafft.