Die lettische Fluggesellschaft Air Baltic befindet sich im Rahmen ihres nach US-amerikanischem Recht geführten Insolvenzverfahrens nach Chapter 11 in einer entscheidenden Phase der betrieblichen Umgestaltung.
Der gewählte Gläubigerausschuss hat beim zuständigen Insolvenzgericht im Bundesstaat New York die Beauftragung mehrerer internationaler Beratungsgesellschaften angezeigt. Das geht aus den jüngst eingereichten Gerichtsdokumenten hervor. Mit den Mandaten für die Branchenberatung Alton Aviation, die Anwaltskanzlei Willkie Farr & Gallagher sowie die Investmentbank Jefferies reagieren die Gläubiger auf die anhaltende Finanzkrise des lettischen Flagcarriers. Die Experten sollen die Finanzprognosen, die kurzfristige Liquidität sowie den angepassten Restrukturierungsplan der Fluggesellschaft einer Überprüfung unterziehen. Ein zentraler Punkt der Analysen betrifft die geplante Verkleinerung der Flotte von bisher 54 auf vorübergehend 36 Flugzeuge des Typs Airbus A220-300. Parallel dazu dient die Einbindung der Investmentbank Jefferies dazu, die Interessen der Gläubiger bei der eventuellen Fortführung von Verhandlungen mit potenziellen Neuinvestoren oder Übernahmekandidaten zu vertreten. Trotz der finanziellen Schieflage bekräftigte die deutsche Lufthansa-Gruppe, die eine Minderheitsbeteiligung von zehn Prozent an der Airline hält, die Absicht, die operative Partnerschaft im Wetlease-Geschäft fortzusetzen.
Hintergründe des Chapter-11-Antrags und Ursachen der Liquiditätskrise
Die Einleitung des Restrukturierungsverfahrens nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts beim Insolvenzgericht in New York erfolgte im September 2026. Das US-amerikanische Verfahren ermöglicht es Unternehmen, den Flugbetrieb unter gerichtlicher Aufsicht fortzuführen, während Verbindlichkeiten neu verhandelt und Verträge angepasst werden. Air Baltic geriet ab dem zweiten Quartal 2026 in eine akute finanzielle Engpasssituation, als die Fälligkeiten von hochverzinslichen Anleihen mit steigenden Betriebsausgaben zusammentrafen.
Neben der hohen Zinslast für ausstehende Unternehmensanleihen belasteten stark gestiegene Kerosinpreise die Ertragslage des Unternehmens. Zudem führten anhaltende Triebwerksprobleme bei den Triebwerken vom Typ Pratt & Whitney PW1500G, die auf der gesamten A220-Flotte verbaut sind, zu ungeplanten Ausfallzeiten und hohen Aufwendungen für Ersatzkapazitäten. Da Air Baltic als Erstkunde und Großbetreiber der A220-300 in hohem Maße von der Verfügbarkeit dieses Flugzeugtyps abhängig ist, schlug die kerosin- und wartungsbedingte Kostensteigerung direkt auf das betriebliche Gesamtergebnis durch.
Umfang der Beratermandate und Neuausrichtung der Flottenplanung
Der vom New Yorker Insolvenzgericht eingesetzte Gläubigerausschuss setzt bei der Bewertung der Sanierungschancen auf eine dreigleisige Beratung. Die Spezialisten der Unternehmensberatung Alton Aviation erhalten den Auftrag, die künftige Flotten- und Kapazitätsplanung neutral zu bewerten. Im Mittelpunkt steht die Ankündigung von Air Baltic, die aktive Flotte bis Ende 2026 von ursprünglich 54 Maschinen auf vorübergehend 36 Einheiten des Typs Airbus A220-300 zu reduzieren. Erst im weiteren Verlauf der Jahre soll die Flottengröße wieder auf einen Zielwert von maximal 40 Flugzeugen anwachsen.
Die rechtliche Vertretung der Gläubigerinteressen gegenüber dem Gericht und der Unternehmensführung übernimmt die Kanzlei Willkie Farr & Gallagher. Die US-Investmentbank Jefferies hat den Auftrag erhalten, Optionen für die Kapitalstruktur zu erarbeiten. Hierzu gehört die Prüfung von Übernahmeangeboten oder die Beteiligung neuer Eigenkapitalgeber. Das Mandat erstreckt sich darauf, sicherzustellen, dass eventuelle Neuinvestitionen nicht zu Lasten der bestehenden Forderungen der Anleihegläubiger strukturiert werden.
Rolle der Lufthansa-Gruppe und Bedeutung des Wetlease-Geschäfts
Eine wesentliche Komponente im Geschäftsmodell von Air Baltic stellt die Zusammenarbeit mit der deutschen Lufthansa-Gruppe dar. Die Lufthansa hält seit einer Kapitalerhöhung im Vorfeld der Börsengang-Pläne einen Zehn-Prozent-Anteil an der lettischen Gesellschaft. Für die Lufthansa dient Air Baltic als wichtiger Partner im Rahmen von Wetlease-Vereinbarungen (Miete von Flugzeugen einschließlich Besatzung, Wartung und Versicherung). Die A220-300 von Air Baltic kommen regelmäßig im Europaverkehr der Lufthansa sowie ihrer Tochtergesellschaften Eurowings und Swiss zum Einsatz, um Auslastungsspitzen abzudecken.
Trotz der Eröffnung des Chapter-11-Verfahrens teilte die Lufthansa-Gruppe mit, an der operativen Partnerschaft festzuhalten. Das Wetlease-Geschäft sichert Air Baltic feste, stetige Einnahmen, die von den marktüblichen Ticketverkaufsschwankungen im Eigenvertrieb unabhängig sind. Für die Gläubiger bildet das Aufrechterhalten der Partnerschaft mit Lufthansa eine wichtige Grundlage für die Erstellung eines tragfähigen Zahlungsplanes.
Ausblick auf den Sanierungsprozess und geopolitische Rahmenbedingungen
Die Verhandlungen vor dem Insolvenzgericht in New York werden voraussichtlich bis weit in das Jahr 2027 andauern. Air Baltic steht vor der Aufgabe, den Restrukturierungsplan so zu gestalten, dass das Unternehmen ohne erneute staatliche Beihilfen aus Lettland auskommt, da die Europäische Kommission die wettbewerbsrechtlichen Rahmenbedingungen für Beihilfen im Luftfahrtsektor strikt handhabt. Der baltische Heimatmarkt verzeichnet seit Jahren veränderte Nachfrageströme, da die Route gen Osten durch den Ukraine-Krieg eingeschränkt bleibt.
Die geplante Verkleinerung der Flotte auf 36 Flugzeuge erfordert Anpassungen beim Streckennetz ab Riga, Tallinn und Vilnius. Während defizitäre Punkt-zu-Punkt-Verbindungen gestrichen werden, soll der Fokus verstärkt auf hochfrequenten Hauptstrecken und dem Wetlease-Einsatz für Drittgesellschaften liegen. Das Urteil der Gläubiger und des Insolvenzgerichts über den vorgelegten Geschäftsplan wird in den kommenden Monaten darüber entscheiden, ob Air Baltic die Sanierung in Eigenverwaltung erfolgreich abschließen kann.