Die Konsolidierung des europäischen Flugmarktes steht weiterhin im Mittelpunkt strategischer Überlegungen großer Luftfahrtkonzerne. In diesem Kontext hat die Air France-KLM-Gruppe die Gespräche über den Erwerb einer Beteiligung an der spanischen Fluggesellschaft Air Europa eingestellt.
Diese Entscheidung wurde von Benjamin Smith, dem Chef des französisch-niederländischen Luftfahrtkonzerns, im Rahmen der Präsentation der Halbjahresergebnisse am 31. Juli 2025 bekanntgegeben. Nach monatelangen Verhandlungen, die seit November 2024 andauerten, konnte keine Einigung mit der Eigentümerfamilie Hidalgo, der Gründerin und Inhaberin des spanischen Reisekonzerns Globalia, erzielt werden. Die Verhandlungen, die bereits der dritte Versuch von Air France-KLM waren, sich an Air Europa zu beteiligen, verdeutlichen die komplexen Hürden bei der Übernahme von Fluggesellschaften und eröffnen nun neue strategische Optionen für andere Mitbewerber wie Lufthansa und Turkish Airlines, die bereits ihre Fühler ausgestreckt haben.
Ein dritter Versuch endet ohne Einigung
Die Verhandlungen zwischen Air France-KLM und Globalia, dem Mutterkonzern von Air Europa, waren von Beginn an von einem Ungleichgewicht in den Bewertungen geprägt. Während die Familie Hidalgo eine 20-prozentige Beteiligung ursprünglich mit 240 Millionen Euro bewertete, was eine Gesamtbewertung von 1,2 Milliarden Euro für die Airline implizieren würde, wurde dieser Wert später auf eine 25-prozentige Beteiligung für denselben Betrag, also eine Gesamtbewertung von rund 960 Millionen Euro, angepaßt. Dagegen bot die Air France-KLM-Gruppe für einen 51-prozentigen Anteil an Air Europa, also für die Mehrheit der Anteile, lediglich 300 Millionen Euro, was die Airline mit nur rund 588 Millionen Euro bewertet hätte. Dieses erhebliche Auseinanderklaffen der Preisvorstellungen war, wie sich nun herausstellte, eine unüberwindbare Hürde, die zu dem endgültigen Abbruch der Gespräche führte.
Der nun gescheiterte Kaufversuch war bereits der dritte seiner Art. Ein erster Anlauf erfolgte bereits im Jahr 2019, wurde jedoch aufgrund des Interesses eines anderen Mitbewerbers, nämlich der Iberia, zurückgestellt. Der zweite Versuch, eine Beteiligung zu erwerben, fand im Jahr 2021 statt und wurde zu jener Zeit sogar durch den amerikanischen Partner von Air France-KLM, Delta Air Lines, unterstützt. Das nunmehrige Scheitern nach monatelangen Verhandlungen unterstreicht die Komplexität und die hohen Anforderungen, die mit der strategischen Expansion auf dem europäischen Markt verbunden sind. Es zeigt, daß eine Einigung nicht nur von den Finanzen, sondern auch von den strategischen Erwartungen und der internen Einschätzung des Unternehmenswertes abhängt.
Die spanische Regierung, die Air Europa während der Pandemie mit 475 Millionen Euro an Staatshilfen gestützt hat, verfolgt die Entwicklungen aufmerksam. Der Ausgang der Verhandlungen war auch für Madrid von Bedeutung, da die Zukunft der Fluggesellschaft und die Rückzahlung der Kredite von den strategischen Entscheidungen der Eigentümerfamilie abhängen.
IAG und die regulatorischen Hürden in Brüssel
Parallel zu den Verhandlungen von Air France-KLM hatte auch die International Airlines Group (IAG), der Mutterkonzern der spanischen Fluggesellschaft Iberia, mehrfach versucht, die Kontrolle über Air Europa zu erlangen. IAG-Chef Luis Gallego hatte für die vollständige Übernahme von Air Europa zunächst ein Gebot von einer Milliarde Euro abgegeben, dieses jedoch später auf 500 Millionen Euro reduziert. Beide Angebote wurden jedoch von der Europäischen Kommission in Brüssel aufgrund von regulatorischen Bedenken blockiert.
Die Befürchtungen der Wettbewerbshüter der Europäischen Union betrafen vor allem eine mögliche monopolistische Stellung von IAG auf den inner-spanischen Strecken. Eine Übernahme hätte IAG, die bereits die Marktführer Iberia und Vueling in ihrem Portfolio hat, eine marktbeherrschende Position im spanischen Flugverkehr verschafft, was den Wettbewerb und die Auswahl für die Passagiere eingeschränkt hätte. Die spanische Wettbewerbsbehörde und die EU-Kommission haben sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch über solche Pläne geäußert.
Derzeit hält IAG bereits eine 20-prozentige Beteiligung an Air Europa, die jedoch nicht die operative Kontrolle über das Unternehmen beinhaltet. Diese Beteiligung wurde im Rahmen einer früheren Einigung erworben, war aber offensichtlich nicht ausreichend, um die strategischen Ziele der IAG vollständig zu erreichen. Die fortwährenden Schwierigkeiten von IAG bei der Übernahme von Air Europa zeigen, daß selbst eine starke Marktposition und finanzielle Ressourcen nicht ausreichen, um die strengen Auflagen der Wettbewerbsbehörden zu überwinden.
Neue Akteure am Horizont: Lufthansa und Turkish Airlines treten auf den Plan
Mit dem Rückzug von Air France-KLM sind neue strategische Optionen für die Eigentümer von Air Europa entstanden. Kurz nach der Bekanntgabe des Scheiterns der Verhandlungen haben sich zwei weitere große europäische Akteure in Stellung gebracht: die deutsche Lufthansa und Turkish Airlines. Beide Fluggesellschaften haben Angebote an Globalia übermittelt, um eine Beteiligung an Air Europa zu erwerben.
Das Interesse von Lufthansa an einer Übernahme ist naheliegend. Der Konzern, der bereits die Carrier Austrian Airlines, Swiss, Eurowings und Brussels Airlines betreibt, hat in den letzten Jahren immer wieder versucht, seine Position in Südeuropa zu stärken. Die Übernahme der italienischen ITA Airways, die seit längerem verhandelt wird, ist ein Beispiel dafür. Eine Beteiligung an Air Europa würde es Lufthansa ermöglichen, ihre Präsenz auf dem spanischen Markt erheblich auszubauen, das Streckennetz zu erweitern und die Abhängigkeit von den traditionellen Märkten zu verringern.
Auch das Interesse von Turkish Airlines ist strategisch motiviert. Die türkische Fluggesellschaft, die in den letzten Jahren ein beeindruckendes Wachstum hingelegt hat, versucht, ihre Position als internationales Drehkreuz zwischen Europa, Asien und Afrika weiter zu festigen. Eine Beteiligung an Air Europa würde Turkish Airlines den Zugang zu einem wichtigen spanischen Markt und dessen Anbindung an Lateinamerika verschaffen, was die globale Reichweite des Unternehmens erheblich steigern könnte.
Die Entscheidung von Globalia, nun mit Lufthansa und Turkish Airlines zu verhandeln, zeigt, daß das Unternehmen die Konkurrenz nutzen möchte, um den bestmöglichen Preis und die besten Konditionen für seine Anteile zu erzielen. Es bleibt abzuwarten, welcher dieser neuen Akteure letztendlich den Zuschlag erhalten wird und welche regulatorischen Hürden in diesem Prozeß zu überwinden sind.
Ein komplexes Spiel um Marktanteile
Das Scheitern der Übernahmeverhandlungen von Air France-KLM mit Air Europa ist ein weiteres Kapitel in einem komplexen Spiel um die Marktanteile im europäischen Flugverkehr. Der Luftverkehrsmarkt ist hart umkämpft, und die großen Konzerne sind bestrebt, durch Übernahmen und Beteiligungen ihre Position zu festigen und Wachstum zu generieren. Die regulatorischen Vorgaben der Europäischen Union und die unterschiedlichen Preisvorstellungen der Eigentümer machen diese Prozesse jedoch zu langwierigen und oft ergebnislosen Unterfangen.
Für Air Europa und die Eigentümerfamilie Hidalgo beginnt nun eine neue Phase der Unsicherheit. Die Wahl zwischen Lufthansa und Turkish Airlines wird nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine strategische Entscheidung sein, die die Zukunft der spanischen Airline und ihre Position im globalen Flugverkehr maßgeblich bestimmen wird. Für die europäische Luftfahrtindustrie insgesamt bleiben strategische Übernahmen ein wichtiges Thema, dessen Ausgang die Landschaft des Flugverkehrs in den kommenden Jahren maßgeblich formen wird.