Airbus A321LR (Foto: Steffen Lorenz).
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Air France-KLM forciert Übernahmen in Skandinavien und Südeuropa

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Die europäische Luftfahrtindustrie steht vor einer Zäsur, da die Konsolidierung der großen Player eine neue Dynamik erreicht. Der französisch-niederländische Luftfahrtkonzern Air France-KLM bereitet sich unter der Führung von Konzernchef Ben Smith darauf vor, seine Marktposition durch die Integration zweier weiterer Fluggesellschaften massiv auszubauen.

Im Fokus stehen dabei die skandinavische SAS, bei der eine Mehrheitsübernahme für das zweite Halbjahr 2026 angestrebt wird, sowie die portugiesische Nationalairline TAP Air Portugal, deren Privatisierungsprozess sich derzeit in einer entscheidenden Phase befindet. Nachdem der Konzern im Wettbewerb um die italienische Ita Airways der Lufthansa Group den Vortritt lassen musste, signalisiert die aktuelle Expansionsstrategie den festen Willen, den Anschluss an die großen Rivalen Lufthansa und die IAG-Gruppe nicht zu verlieren. Die strategische Neuausrichtung zielt darauf ab, lukrative Nischenmärkte in Nordeuropa zu sichern und gleichzeitig den Zugang zu wichtigen transatlantischen Drehkreuzen in Lissabon zu erkämpfen.

Integration der skandinavischen SAS in das Skyteam-Netzwerk

Ein zentraler Pfeiler der Wachstumsstrategie von Air France-KLM ist die schrittweise Übernahme der SAS. Bereits im Jahr 2023 sicherte sich der Konzern im Rahmen eines Gläubigerschutzverfahrens der damals insolventen skandinavischen Airline eine Minderheitsbeteiligung von 19,9 Prozent sowie eine Option auf die Mehrheitsübernahme. Diese Option soll nun im Laufe des Jahres 2026 gezogen werden, wobei der Anteil auf 60,5 Prozent aufgestockt werden soll. Verkäufer sind die Finanzinvestoren Castlelake und Lind Invest, während der dänische Staat mit einem Anteil von 26,4 Prozent als wichtiger Partner an Bord bleibt und weiterhin Sitze im Verwaltungsrat besetzt.

Die kommerzielle Integration ist bereits weit fortgeschritten. Seit dem Sommer 2024 kooperieren Air France, KLM und SAS intensiv über Codeshare- und Interline-Vereinbarungen. Ein symbolträchtiger Moment war der Wechsel der SAS von der Star Alliance zur Skyteam-Allianz im September 2024. Mit einer Flotte von 138 Flugzeugen und einem jährlichen Passagieraufkommen von über 25 Millionen Menschen stellt SAS eine bedeutende Verstärkung dar. Besonders attraktiv ist für Air France-KLM die starke Stellung der Airline im wohlhabenden skandinavischen Markt, die es ermöglichen soll, Synergien in den Bereichen Wartung, Einkauf und Kundenbindungsprogramme voll auszuschöpfen.

Rennen um TAP Air Portugal erreicht die finale Bieterphase

Während die Verhältnisse in Skandinavien weitgehend geklärt scheinen, tobt im Süden Europas ein Bieterwettstreit um TAP Air Portugal. Die portugiesische Regierung hat im Juli 2025 den offiziellen Prozess zur Teilprivatisierung von 44,9 Prozent der Anteile neu gestartet. Weitere fünf Prozent sind für die Belegschaft reserviert, womit der Staat vorerst die Kontrolle behält – ein Punkt, der bei potenziellen Investoren aufgrund einer speziellen Abbruchklausel im Verfahren für Irritationen sorgte. Dennoch haben mit Air France-KLM, der Lufthansa Group und der IAG (British Airways, Iberia) die drei Schwergewichte der europäischen Luftfahrt ihr Interesse offiziell bestätigt.

Für Air France-KLM wäre der Einstieg bei TAP ein strategischer Meilenstein. Die Airline verfügt über ein einzigartiges Netzwerk nach Brasilien und in die portugiesischsprachigen Länder Afrikas, das vom Drehkreuz Lissabon aus bedient wird. In einem Markt, der durch hohe Nachfrage auf transatlantischen Strecken geprägt ist, bietet TAP einen wertvollen Zugang zu Wachstumsmärkten, die bisher unterrepräsentiert waren. Die Bieter haben nun bis zum 2. April 2026 Zeit, ihre verbindlichen Angebote einzureichen. Dabei wird die Entscheidung der Regierung in Lissabon nicht nur vom Kaufpreis abhängen, sondern auch von der Garantie, das Drehkreuz Lissabon als internationales Portal zu erhalten und weiter auszubauen.

Lufthansa festigt Vormachtstellung in Italien und im Baltikum

Die Expansionsbestrebungen von Air France-KLM finden vor dem Hintergrund einer massiven Konsolidierungswelle statt, die von der Lufthansa Group angeführt wird. Nach der erfolgreichen Übernahme von 41 Prozent der Anteile an der italienischen Ita Airways im Januar 2025 bereitet der deutsche Konzern bereits den nächsten Schritt vor. Geplant ist, die Beteiligung bis Juni 2026 auf 90 Prozent zu erhöhen, wobei eine vollständige Integration bis 2027 angestrebt wird. Dieser Erfolg der Lufthansa im wettbewerbsintensiven italienischen Markt war ein herber Rückschlag für Air France-KLM, die ursprünglich ebenfalls den Zuschlag für Ita erhalten hatten.

Zusätzlich hat Lufthansa ihre Position in Nordosteuropa durch den Einstieg bei der lettischen Air Baltic gefestigt. Diese Entwicklung erhöht den Druck auf Air France-KLM, die nun mit der SAS-Übernahme eine direkte Antwort auf die Expansion der Deutschen im Norden geben. Die EU-Kommission begleitet diese Prozesse kritisch und stellt sicher, dass der Wettbewerb durch strenge Auflagen wie die Abgabe von Start- und Landerechten an den großen Hubs geschützt bleibt. So musste Lufthansa im Zuge des Ita-Deals Abkommen schließen, die es Konkurrenten wie Air France-KLM ermöglichen, Passagiere unter Vorzugsbedingungen zu deren Drehkreuzen in Paris zu befördern.

Ausblick auf ein Jahr der strategischen Weichenstellungen

Das Jahr 2026 markiert einen Wendepunkt für die europäische Luftfahrt. Die Branche steuert laut Prognosen des Weltluftfahrtverbandes IATA auf Rekordgewinne zu, während gleichzeitig operative Engpässe bei der Flugzeugauslieferung durch Boeing und Airbus die Kapazitäten limitieren. Vor diesem Hintergrund wird die Übernahme bestehender Airlines zum entscheidenden Faktor für künftiges Wachstum. Für Ben Smith und Air France-KLM geht es in den kommenden Monaten darum, die behördlichen Hürden für den SAS-Deal zu nehmen und ein überzeugendes Konzept für TAP Air Portugal vorzulegen.

Sollte die Expansion gelingen, würde Air France-KLM seine Wettbewerbsposition gegenüber der Lufthansa Group und IAG signifikant verbessern und das Skyteam-Netzwerk von Skandinavien bis zum Atlantik fest verankern. Die Konsolidierung führt zu immer größeren Airline-Gruppen, die versuchen, durch Größenvorteile und integrierte Flottenplanungen die steigenden Kosten für Personal und Flughafengebühren abzufedern. Die Karten im europäischen Luftraum werden neu gemischt, und die Entscheidung über die Zukunft von TAP Air Portugal im Sommer 2026 dürfte eines der letzten großen Puzzleteile in diesem komplexen Machtspiel sein.

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