Die Entscheidung folgt auf die Bekanntgabe der Berufung am 5. August 2026 durch den Verwaltungsrat der Gesellschaft. Gebremariam übernimmt die Position von Campbell Wilson, der seinen Rücktritt am 7. April 2026 bekannt gegeben hatte.
Der Führungswechsel erfolgt in einer Phase, in der das zur Tata-Gruppe gehörende Luftfahrtunternehmen mit operativen Verflechtungen, finanziellen Verlusten und veränderten internationalen Flugrouten konfrontiert ist.
Der Werdegang und die Bilanz von Tewolde Gebremariam
Tewolde Gebremariam blickt auf eine mehr als 37-jährige Karriere im internationalen Luftfahrtsektor zurück. Er begann seinen beruflichen Weg im Jahr 1985 bei Ethiopian Airlines im Bereich der Frachtabwicklung und stieg über Führungspositionen im Vertrieb in Indien, Saudi-Arabien und den Vereinigten Staaten schrittweise im Unternehmen auf. Von Januar 2011 bis März 2022 leitete er die afrikanische Fluggesellschaft als Konzernchef. Während dieser elfjährigen Amtszeit verfünffachte sich der Jahresumsatz der Gruppe nahezu von etwa 1 Milliarde US-Dollar auf rund 4,5 bis 5 Milliarden US-Dollar.
Die Flotte des afrikanischen Anbieters wuchs unter seiner Führung von 33 auf etwa 130 Flugzeuge, während das Passagieraufkommen vor dem Ausbruch der globalen Pandemie von 3 Millionen auf 12 Millionen Fluggäste pro Jahr anstieg. Neben dem Ausbau der Flotte und des Streckennetzes erweiterte das Unternehmen seine internen Wartungs- und Schulungskapazitäten sowie das Frachtgeschäft. Im März 2022 trat Gebremariam von seiner Funktion bei Ethiopian Airlines aus gesundheitlichen Gründen zurück.
Die Situation bei Air India und das Ende der Amtszeit von Campbell Wilson
Campbell Wilson hatte die Leitung der privatisierten Air India im Juli 2022 übernommen, nachdem der Industriekonzern Tata Sons die bisher staatliche Fluggesellschaft erworben hatte. Wilson steuerte die erste Phase der Umrukturierung, zu der die Zusammenführung verschiedener Konzerntöchter wie Vistara und Air India Express sowie umfangreiche Zusagen für neue Kurz- und Langstreckenflugzeuge gehörten. Dennoch verzeichnete das Unternehmen in der Folgezeit anhaltende finanzielle Defizite. Für das am 31. März 2026 abgelaufene Geschäftsjahr wies Air India ein Jahresdefizit von rund 26.800 Crore Rupien aus.
Zusätzlich belasteten Folgewirkungen eines Flugunfalls im Juni 2025 nahe Ahmedabad den Betrieb und zogen verschärfte Überprüfungen durch die indischen Luftfahrtbehörden nach sich. Wilson hatte den Verwaltungsratsvorsitzenden Natarajan Chandrasekaran bereits im Jahr 2024 darüber in Kenntnis gesetzt, dass er seine Funktion im Laufe des Jahres 2026 abgeben wolle. Er verblieb jedoch im Amt, bis die Nachfolgeregelung abgeschlossen war.
Operative Rahmenbedingungen und internationale Routenführungen
Der indische Luftfahrtsektor sieht sich mit komplexen Rahmenbedingungen konfrontiert. Geopolitische Auseinandersetzungen im Nahen Osten sowie Luftraumsperrungen über Teilen Pakistans veranlassen Air India zu weiträumigen Umfliegungen auf den Verbindungen nach Europa und Nordamerika. Diese Ausweichrouten führen zu längeren Flugzeiten, höherem Treibstoffverbrauch und steigenden Betriebskosten.
Die finanzielle Lage schlägt sich auch bei Anteilseignern nieder. Singapore Airlines, die eine Beteiligung von 25 Prozent an Air India hält, spürt die verzögerte Erreichung der Gewinnzone im Gesamtergebnis. Um den Ausgabensteigerungen entgegenzuwirken, hat das Management von Air India Maßnahmen zur Kostensenkung eingeleitet, darunter das Aussetzen von Gehaltserhöhungen für Führungskräfte sowie die Überprüfung von Verträgen mit externen Dienstleistern.
Perspektiven und Herausforderungen der neuen Unternehmensführung
Der Vorsitzende von Tata Sons und Air India, Natarajan Chandrasekaran, erklärte am 5. August 2026, dass das Unternehmen nach dem Abschluss der grundlegenden Stabilisierung, der Flottenbestellungen und der geschäftlichen Integration nun vor einer Umsetzungsphase stehe. Die Wahl von Gebremariam begründete der Verwaltungsrat mit dessen Erfahrung beim Aufbau von Drehkreuzen, der Bündelung von Wartungseinheiten und der Führung großer Mitarbeiterstäbe.
Gebremariam selbst bezeichnete die Aufgabe als eine Verpflichtung, um die Position der Fluggesellschaft im internationalen Luftverkehr im Einklang mit der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens auszubauen. Fachleute weisen darauf hin, dass die Erneuerung der Kabinenausstattungen, die Vereinheitlichung der Unternehmenskultur, die Einhaltung verlässlicher Flugpläne und das Erreichen schwarzer Zahlen zu den primären Aufgaben der kommenden Jahre zählen.