Inmitten zunehmender geopolitischer Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China hat die indische Fluggesellschaft Air India ihr Interesse an mehreren Boeing 737 Max-Flugzeugen bekundet, die ursprünglich für chinesische Fluggesellschaften vorgesehen waren. Da diese Maschinen infolge politischer und wirtschaftlicher Differenzen nicht ausgeliefert werden, prüft Air India nun die Möglichkeit, kurzfristig auf diese Flugzeuge zuzugreifen, um die eigene Flotte zu erweitern. Ziel ist es insbesondere, die Expansion der Billigflugtochter Air India Express zu beschleunigen und im Wettbewerb mit regionalen Konkurrenten wie IndiGo aufzuholen.
Die Vereinigten Staaten und China befinden sich seit Jahren in einem komplexen wirtschaftlichen Konflikt, der unter anderem zu gegenseitigen Zöllen und handelspolitischen Restriktionen geführt hat. Zuletzt wurde chinesischen Fluggesellschaften faktisch untersagt, neue Boeing-Flugzeuge zu übernehmen. Das betrifft insbesondere Maschinen des Typs 737 Max, die sich bereits in der finalen Fertigstellung befanden. So kehrten am 22. April 2025 zwei Flugzeuge dieses Modells vom Boeing-Werk nahe Seattle zurück, obwohl ihre Übergabe an chinesische Kunden geplant war.
China hatte als Reaktion auf US-Massnahmen umfangreiche Gegenzölle auf amerikanische Produkte eingeführt, darunter auch auf Luftfahrttechnik, mit Sätzen von bis zu 125 Prozent. Dies hat nicht nur wirtschaftliche Auswirkungen, sondern führt auch zu einem Stau bei der Auslieferung fertiger Flugzeuge, die nun zum Teil ungenutzt auf amerikanischen Werksgeländen stehen.
Strategische Überlegungen bei Air India
Für Air India, im Eigentum der Tata Group, ergibt sich hieraus eine strategische Gelegenheit. Das Unternehmen befindet sich in einem umfassenden Transformationsprozess, der eine Modernisierung und deutliche Vergrösserung der Flotte vorsieht. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Tochtergesellschaft Air India Express, die mit einem wachsenden Angebot an Billigflügen insbesondere im innersubkontinentalen und mittleren internationalen Bereich punkten will.
Wie aus Berichten hervorgeht, strebt Air India an, nicht nur die sofort verfügbaren Maschinen zu übernehmen, sondern sich auch künftige Lieferpositionen zu sichern, sollten weitere Auslieferungen an chinesische Kunden dauerhaft blockiert bleiben. Bereits in der Vergangenheit profitierte Air India von ähnlichen Konstellationen: So wurden 41 Boeing 737 Max-Flugzeuge übernommen, deren ursprüngliche Bestellungen von chinesischen Fluggesellschaften nach dem weltweiten Grounding des Typs im Jahr 2019 annulliert worden waren.
Komplexität des Transfers: Kein einfacher Prozess
Die kurzfristige Übernahme von Flugzeugen, die für andere Kunden vorgesehen waren, bringt jedoch Herausforderungen mit sich. In vielen Fällen sind die Maschinen bereits mit spezifischen technischen Konfigurationen versehen – darunter Triebwerke, Kabinenausstattung oder Lackierung. Auch wurden seitens der chinesischen Kunden bereits Anzahlungen geleistet, was eine einvernehmliche Rückabwicklung erforderlich macht.
Für den übernehmenden Käufer wie Air India bedeutet dies, dass neben der eigentlichen Flugzeugübernahme auch die Finanzierung, Versicherung und Personalplanung neu organisiert werden müssen. Insbesondere müssen Flugzeugbesatzungen geschult und Einsatzpläne angepasst werden. Der bürokratische und logistische Aufwand ist entsprechend hoch.
Wachsende Nachfrage im asiatisch-pazifischen Raum
Der Schritt kommt zu einem Zeitpunkt, da die Nachfrage nach Flugreisen im asiatisch-pazifischen Raum weiter steigt. Laut aktuellen Prognosen der International Air Transport Association (IATA) wird Indien in den nächsten zehn Jahren einer der grössten Luftfahrtmärkte der Welt. Der innerindische Flugverkehr verzeichnete im Jahr 2024 ein Wachstum von über 12 Prozent. Für Air India bedeutet dies einen wachsenden Handlungsdruck, Kapazitäten aufzubauen und Marktanteile zu sichern.
Die indische Regierung unterstützt diesen Kurs und verfolgt selbst ehrgeizige Ziele für den Ausbau der nationalen Luftfahrtinfrastruktur. Neue Flughäfen, verbesserte Sicherheitsvorgaben und steuerliche Anreize sollen private und öffentliche Akteure motivieren, ihre Flotten auszubauen und effizienter zu gestalten. Im Zuge dieser Strategie will Air India bis Ende 2025 über 50 Boeing 737 Max in Betrieb haben – ein bedeutender Schritt in Richtung einer schlagkräftigeren Flotte.
Konkurrenz schläft nicht: Malaysia Airlines ebenfalls interessiert
Air India ist mit diesem Vorhaben nicht allein. Auch Malaysia Airlines hat laut Agenturberichten ihr Interesse an kurzfristig verfügbaren Boeing 737 Max bekundet. Die Fluggesellschaft will ihre Kapazitäten ausbauen, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Dies erhöht den Konkurrenzdruck unter den interessierten Käufern und könnte zu einem Bieterwettbewerb führen.