Die indische Nationalfluggesellschaft Air India evaluiert den Erwerb weiterer Großraumflugzeuge der Hersteller Boeing und Airbus, um ihre internationalen Flugbetriebskapazitäten auszubauen und den Konsolidierungskurs zur Wiedererlangung der profitablen Betriebszone zu beschleunigen.
Wie der neue Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft, Tewolde Gebremariam, am 3. November 2026 auf dem Aviation India and South Asia Summit in Neu-Delhi mitteilte, führt das Unternehmen bereits fortgeschrittene Sondierungsgespräche mit den beiden weltgrößten Flugzeugbauern. Die in Erwägung gezogenen Neuaufträge würden die bestehende Lieferverpflichtung über insgesamt 600 Passagierflugzeuge ergänzen, die 80 Großraummaschinen umfasst. Neben der Flottenerweiterung sieht das Management Anpassungen im internationalen Streckennetz vor. Um den operativen Einschränkungen durch anhaltende Luftraumbeschränkungen im Nachbarland Pakistan auszuweichen, erwägt Air India eine Verlagerung von Langstreckenverbindungen vom Drehkreuz Delhi nach Mumbai sowie den Ausbau von Bengaluru zum dritten Knotenpunkt der Fluggesellschaft.
Erweiterung der bestehenden Großraumflotte und Herstellergespräche
Die Planungen für zusätzliche Flugzeugbestellungen schließen an das im Jahr 2023 unterzeichnete Großauftragspaket an, das Festbestellungen über 470 Maschinen sowie Optionen auf insgesamt 600 Einheiten beinhaltet. Innerhalb dieser Zusage entfallen 80 Maschinen auf das Großraumsegment. Dieses Teilportfolio setzt sich zusammen aus 50 Flugzeugen des Typs Airbus A350, 20 Maschinen der Reihe Boeing 787 Dreamliner sowie 10 Einheiten der Boeing 777X.
Bis Anfang November 2026 wurden rund 10 der 80 bestellten Großraumflugzeuge an die Fluggesellschaft übergeben. Aktuell betreibt Air India eine aktive Langstreckenflotte von 61 Großraummaschinen. Nach Ausführung von Unternehmenschef Tewolde Gebremariam reicht dieser Bestand jedoch nicht aus, um den Marktanteil auf internationalen Strecken gegenüber ausländischen Mitbewerbern im Nahen Osten und in Europa nachhaltig zu steigern. Konkrete Stückzahlen für die neu in Aussicht gestellten Nachbestellungen nannte der Manager vorerst nicht.
Führungswechsel an der Unternehmensspitze und finanzielle Restrukturierung
Tewolde Gebremariam hat die Funktion des Chief Executive Officer bei Air India im Oktober 2026 übernommen. Er folgte auf Campbell Wilson, der das Unternehmen im Anschluss an die Re-Privatisierung durch die Übernahme seitens des Tata-Konzerns im Januar 2022 durch die erste Phase der betrieblichen Umgestaltung geführt hatte. Gebremariam veranlasste vor seiner Berufung nach Indien über ein Jahrzehnt lang die Entwicklung von Ethiopian Airlines zu einer der führenden Luftfahrtgruppen des afrikanischen Kontinents und baute das Drehkreuz Addis Abeba systematisch aus.
Der neue Unternehmensleiter steht vor der Aufgabe, die Betriebskosten der indischen Fluggesellschaft drastisch zu reduzieren. Im abgelaufenen Geschäftsjahr, das im März 2026 endete, wiesen Air India und ihre Tochtergesellschaft Air India Express zusammen einen Nettoverlust von rund 222,4 Milliarden Indischen Rupien (etwa 2,5 Milliarden US-Dollar) aus. Dieser Fehlbetrag bedeutete mehr als eine Verdopplung des Verlustes gegenüber dem vorherigen Geschäftsjahr. Gebremariam bezeichnete das hohe Kostenniveau als primäres Hindernis für den Erreichen der Gewinnzone und kündigte Maßnahmen an, um die Stückkosten an internationale Branchenstandards anzupassen. Die Anteilseigner der Holding – der indische Tata-Konzern mit 75 Prozent sowie Singapore Airlines mit 25 Prozent – verfolgen dabei einen langfristigen Transformationsansatz.
Geopolitische Luftraumeinschränkungen und funktionale Verschiebung der Netzwerkknoten
Ein wesentlicher Auslöser für die anstehenden operativen Netzanpassungen sind die anhaltenden Restriktionen im Luftraum Pakistans. Die Sperrungen und Flugwegbeschränkungen über dem Nachbarland führen bei Abflügen am nördlichen Hauptflughafen Indira Gandhi International in Delhi zu erheblichen Umwegen auf Strecken nach Europa und Nordamerika. Dies resultiert in längeren Flugzeiten, erhöhtem Treibstoffverbrauch und reduzierten Nutzlastkapazitäten.
Um die wirtschaftlichen Nachteile abzufedern, evaluiert das Management eine schrittweise Verlagerung von Langstreckenverbindungen an den weiter südlich gelegenen Chhatrapati Shivaji Maharaj International Airport in Mumbai. Die von Mumbai ausgehenden Flugrouten gen Westen sind deutlich weniger von den pakistanischen Luftraumsperren betroffen. Zudem prüft Air India den gezielten Ausbau des Kempegowda International Airport in Bengaluru zu einem dritten Drehkreuz. Damit soll der Passagierstrom zwischen Südostasien, Indien und Europa effizienter über die eigene Flughafeninfrastruktur geleitet werden.
Wettbewerbsumfeld auf dem indischen Passagiermarkt
Die Initiativen von Air India erfolgen im Kontext eines stark wachsenden, aber zugleich umkämpften Heimatmarktes. Während der Inlandsverkehr in Indien maßgeblich vom Mitbewerber IndiGo dominiert wird, strebt Air India eine stärkere Position im internationalen Umsteigeverkehr an. Durch den Zulauf neuer Kabinenausstattungen und verbesserter Produktstandards versucht der Konzern, Passagierströme zurückzugewinnen, die in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend über Golf-Drehkreuze abgewickelt wurden.
Analysten verweisen darauf, dass die Erreichung der Rentabilität entscheidend davon abhängen wird, ob das Unternehmen die Umstrukturierung der Flotte, die Integration der Tochtergesellschaft Vistara und die Kostensenkungsmaßnahmen im Flugbetrieb parallel zum Ausbau der internationalen Streckennetze erfolgreich umsetzen kann.