Airbus treibt die Entwicklung und Zertifizierung seines neuen Großraumfrachters A350F entschlossen voran und setzt dabei auf einen strikteren Zulassungsprozess als noch bei früheren Passagierflugzeugen.
Der europäische Flugzeughersteller hat bekannt gegeben, dass der A350F nach den neuesten und deutlich umfangreicheren Richtlinien der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) zertifiziert werden soll – namentlich dem Amendment 27 der „Certification Specifications and Acceptable Means of Compliance for Large Aeroplanes (CS-25)“. Diese Entscheidung, die auf den Erfahrungen aus der Zulassung des A321 XLR basiert, hat zu einem früher als üblich gestarteten Testprogramm geführt, um die geplante Erstauslieferung im zweiten Halbjahr 2027 zu sichern.
Mit zwei Testflugzeugen, die in Kürze in die Flugerprobung gehen, und einer bereits umfassenden Serie an Bodentests, positioniert sich Airbus im wettbewerbsintensiven Markt der Großraumfrachter klar gegen seinen Hauptkonkurrenten Boeing. Der A350F zielt darauf ab, die nächste Generation von Frachtflugzeugen anzuführen, indem er hohe Nutzlastkapazitäten und fortschrittliche Technologie bietet.
EASA-Zertifizierung unter verschärften Anforderungen
Der A350F soll nicht nur ein modernes Flugzeug sein, sondern auch ein Vorreiter bei der Einhaltung der aktuellsten Luftfahrtstandards. Während die Passagierversion A350-1000 im Jahr 2017 noch nach Amendment 13 der EASA zugelassen wurde, sieht Airbus für den Frachter die Zertifizierung nach Amendment 27 vor. Diese strengere Vorgabe ist ein direktes Resultat der gestiegenen Ansprüche der Luftfahrtbehörden in den letzten Jahren, wie Airbus-Chefingenieur Joel Rucker betonte.
Die Erfahrungen aus der Zulassung des Langstreckenjets A321 XLR haben dem Hersteller gezeigt, dass die Zertifizierungsprozesse heute deutlich komplexer und zeitaufwendiger sind als noch vor zehn Jahren. Um potenziellen Verzögerungen vorzubeugen, hat Airbus den Zertifizierungsprozess für den A350F rund ein Jahr früher als üblich begonnen.
Airbus strebt eine gleichzeitige Zertifizierung durch die EASA und die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA an. Die Koordination mit den Behörden, deren Kickoff-Meeting mit der FAA bereits vor drei Jahren stattfand, verlief laut Airbus bisher ohne größere Schwierigkeiten. Die angestrebte Zulassung ist für das zweite Quartal 2027 geplant.
Umfangreiches Testprogramm am Boden und in der Luft
Zur Erreichung dieses ambitionierten Zeitplans setzt Airbus auf ein neunmonatiges Flugtestprogramm mit insgesamt zwei Testflugzeugen. Das erste Flugzeug (MSN 700, Kennzeichen F-WXFR) steht in Toulouse kurz vor der Fertigstellung. Die zweite Maschine (MSN 701, Kennzeichen F-WCGO) soll Anfang 2026 in die Endmontage gehen.
Die Flugtests sollen ab dem dritten Quartal 2026 beginnen und insgesamt 410 Flugstunden umfassen:
- MSN 700 (300 Flugstunden): Fokus auf Aerodynamik, Reiseflugleistung, Flatterverhalten, allgemeine Flugeigenschaften sowie Autopilot- und Stauluftturbinentests.
- MSN 701 (110 Flugstunden): Fokus auf spezifische Systeme wie Klimatisierung, Rauchsysteme, Sichtflugstarts, Autopilot und Autolandung.
Parallel zu den Flugtests laufen bereits umfassende Bodentests. Mehr als 30 Teststände sind laut Airbus seit geraumer Zeit in Betrieb. Spezielle Tests für das Beladesystem, bei denen Lade- und Entladevorgänge mit verschiedenen Frachtarten simuliert werden, finden unter anderem in Los Angeles und Bremen statt. In Hamburg wird zudem die Raucherkennung mit einem Hauptdeck in Originalgröße erprobt. Diese frühe und parallele Durchführung von Bodentests ist ein wesentlicher Bestandteil der beschleunigten Zertifizierungsstrategie.
Technische Merkmale und Frachtkapazität
Der A350F basiert auf der A350-1000 Passagierversion und nutzt deren Hauptkomponenten sowie die gleichen Rolls-Royce Trent XWB-97 Triebwerke. Für die Frachterkonfiguration wurde der vordere Rumpfbereich jedoch um fünf Spanten verkürzt. Wie für Frachtflugzeuge üblich, entfallen die Fenster und Passagiertüren, stattdessen verfügt der A350F über eine große Frachttür auf dem Hauptdeck.
Die technischen Leistungsdaten positionieren den A350F an der Spitze des Frachtflugzeugmarktes:
- Maximales Startgewicht (MTOW): 319 Tonnen.
- Nutzlast: 109 Tonnen, wobei eine Variante mit 111 Tonnen Nutzlast ebenfalls geplant ist.
- Gesamtvolumen: 717 Kubikmeter.
- Ladekapazität: 30 Paletten auf dem Hauptdeck und 12 Paletten im Unterdeck.
- Temperaturkontrolle: Das Klimasystem ermöglicht eine Kontrolle der Temperatur zwischen vier und 26 Grad Celsius, eine wichtige Funktion für den Transport temperaturempfindlicher Güter.
Diese Nutzlastkapazität macht den A350F zu einem direkten Konkurrenten der größten verfügbaren Frachtflugzeuge und ermöglicht es Frachtunternehmen, größere Mengen auf Langstrecken zu transportieren.
Wettbewerbssituation und Marktposition
Der Markt für Großraumfrachter wird traditionell von Boeing dominiert. Mit der Einführung des A350F fordert Airbus diesen Status quo nun heraus. Das Unternehmen hat bisher 82 feste Bestellungen von 13 Kunden für den A350F erhalten, was seine starke Marktposition unterstreicht. Zu den jüngsten Aufträgen gehören Bestellungen von Air China Cargo (sechs Maschinen) und Silk Way West (zwei Maschinen).
Diese Bestellungen verschaffen Airbus nach eigenen Angaben einen Marktanteil von 58 Prozent im Segment der Großraumfrachter der nächsten Generation, gegenüber dem Konkurrenten Boeing, dessen 777-8F (Frachtervariante der 777X) bisher 59 Bestellungen von sechs Kunden verzeichnen kann. Dieser Wettbewerb zwischen den beiden Mustern ist intensiv und markiert den Übergang von den vierstrahligen Frachtern der Vorgängergeneration zu modernen, zweistrahligen Mustern.
Der A350F bietet der Luftfrachtindustrie ein modernes und leistungsfähiges Werkzeug, um der steigenden globalen Nachfrage nach Luftfrachtkapazitäten gerecht zu werden, und stellt einen bedeutenden strategischen Erfolg für Airbus im historisch Boeing-dominierten Frachtsektor dar.