Das Future Combat Air System, Europas ambitioniertestes und kostspieligstes Rüstungsprojekt, steht vor dem Scheitern. Die Spannungen innerhalb des Konsortiums – bestehend aus Deutschland, Frankreich und Spanien – sind offen eskaliert. Airbus, einer der zentralen Industriepartner, hat dem französischen Partner Dassault Aviation, dem Hersteller des Rafale-Kampfjets, öffentlich einen Rückzug aus dem Projekt nahegelegt.
Auslöser ist der anhaltende Streit um die technologische Führung und die Verteilung der industriellen Arbeitspakete. Dassault Aviation, angeführt von ceo Eric Trappier, beansprucht seit Monaten die Richtlinienkompetenz für sich und blockiert damit den Fortgang des 100 Milliarden Euro schweren Rüstungsprogramms.
Airbus-Chef Guillaume Faury ließ seiner Frustration am Mittwochabend nach Vorlage der Quartalsbilanz in Toulouse freien Lauf. „Unser Partner hat sehr offen gezeigt, dass er mit den vereinbarten Arbeitspaketen im Programm unzufrieden ist, und fordert etwas ein, was nicht dem entspricht, was vereinbart wurde“, erklärte Faury. Er fügte hinzu: Wenn Dassault „in dieser Konstellation“ nicht weitermachen wolle, „steht es ihnen frei, sich aus fcas zurückzuziehen“. Diese unverhohlene Aufforderung markiert den bisherigen Höhepunkt eines monatelangen Tauziehens, das die politische und industrielle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich fundamental in Frage stellt.
Maximalforderungen und das „Enfant Terrible“ im Konsortium
Das Festhalten von Dassault an der unangefochtenen technologischen Programmführung ist der Hauptgrund für die Stagnation von fcas. Trappier hatte bereits im September erneut deutlich gemacht, dass er die Expertise seines Unternehmens über die der Partner stellt. „Die Deutschen können sich beschweren, aber hier wissen wir, wie das geht“, beanspruchte Trappier die industrielle Vormachtstellung.
Dassault gefällt sich seit Monaten in der Rolle des Enfant Terrible des Konsortiums. Experten sehen die Ursache für dieses Verhalten in der französischen Politik, die Trappier bislang gewähren ließ. Für Frankreich ist fcas essenziell, um die nationale Souveränität im militärischen Flugzeugbau zu sichern und die Schlüsselkompetenzen nach dem Ende der Rafale-Produktion zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Die französische Seite drängt zudem darauf, ein weiteres französisches Unternehmen „sehr umfangreich“ an dem Projekt zu beteiligen, was die Verhandlungen über die Aufteilung der Arbeitspakete weiter erschwert. Bundeskanzler Merz hatte diese Querelen bereits im August kommentiert und festgestellt, dass dies „die Sache nicht einfacher“ mache. Das ursprüngliche Ziel des fcas-Programms war es, einen Nachfolger für den deutschen Eurofighter und den französischen Rafale zu entwickeln und damit eine gemeinsame europäische Lösung für die Luftkampffähigkeit ab 2040 zu schaffen. Das Scheitern würde die Verteidigungszusammenarbeit beider Länder massiv beeinträchtigen.
Deutschland bereitet Exit-Strategie vor: Die Alternativen GCAP und Saab
Die anhaltende Blockadehaltung Dassaults hat auf deutscher Seite zu ernsthaften Überlegungen über eine Exit-Strategie geführt. Aus Regierungskreisen verlautet, dass die Bundesregierung bereits Alternativszenarien für das Rüstungsprogramm in Erwägung zieht. Ein Abbruch von fcas könnte zu Industriepartnerschaften mit anderen europäischen Ländern führen, insbesondere mit Großbritannien oder Schweden. Eine endgültige Klärung der Position Deutschlands und Frankreichs soll bis Jahresende erfolgen.
Diese potenziellen Alternativen sind bereits durch andere europäische Rüstungsinitiativen vorgezeichnet:
- GCAP (Global Combat Air Programme): Großbritannien und Italien treiben zusammen mit Japan die Entwicklung eines eigenen Kampfjet-Großprojekts voran, das als Nachfolger des Eurofighters und des japanischen Mitsubishi f-2 geplant ist. Dieses Projekt, das von BAE Systems, Leonardo und Mitsubishi Heavy Industries geleitet wird, positioniert sich als direkter Konkurrent zu fcas. Bei einem Ausstieg Deutschlands aus fcas wäre eine Anlehnung oder sogar ein Beitritt zu gcap eine logische Option.
- Eurofighter-Konsortium: Ein weiteres Branchengerücht spekuliert, dass das ursprüngliche Eurofighter-Konsortium (Airbus, BAE Systems, Leonardo) ohne die französische Beteiligung selbst einen Nachfolger entwickeln könnte. Da BAE Systems und Leonardo jedoch bereits an gcap beteiligt sind, erscheint die Schaffung einer weiteren, dritten Kampfjet-Entwicklungslinie in Europa unwahrscheinlich.
- Saab als Joker: Im Falle eines Scheiterns von fcas wird auch über eine stärkere Einbindung des schwedischen Flugzeugherstellers Saab spekuliert. Saab ist der Hersteller des erfolgreichen Gripen-Kampfflugzeugs und verfügt über umfangreiche Kompetenzen im Bereich der militärischen Luftfahrt. Eine technologische Zusammenarbeit mit Schweden könnte für Deutschland einen unabhängigen Weg in die nächste Generation der Luftkampfsysteme eröffnen.
FCAS: Ein Konsortium mit weiteren Schlüsselakteuren
Die Krise bei fcas betrifft nicht nur die Hauptpartner Airbus (Deutschland/Spanien) und Dassault (Frankreich). Das Konsortium umfasst weitere wichtige Akteure, deren Arbeit und Investitionen nun auf dem Spiel stehen:
- Antrieb: Die Entwicklung des Triebwerks liegt in den Händen eines Joint Ventures aus dem französischen Safran und dem spanischen Triebwerksspezialisten ITP Aero.
- Sensorik und Elektronik: Auch deutsche Spezialisten wie der Radarkonzern Hensoldt sind an der Entwicklung von Technologiedemonstratoren beteiligt, die für die nächste Generation von Luftkampfsystemen entscheidend sind.
- Indra Sistemas: Der spanische Partner Indra spielt eine wesentliche Rolle bei der Systemintegration und der Entwicklung von Sensoren und Kommunikationstechnologien.
Die Verzögerungen bei der Einigung über die Arbeitspakete betreffen alle Ebenen des Projekts und verzögern die Freigabe wichtiger Finanzmittel für die nächste Phase der Entwicklung. Ohne eine schnelle Lösung drohen die Industriepartner ihre technologische Führungsposition zu verlieren und die Entwicklung von Schlüsselkomponenten auf eigene Faust oder in alternativen Kooperationen vorantreiben zu müssen, was die Kosten vervielfachen und die Idee eines gemeinsamen europäischen Systems endgültig zunichtemachen würde.
Die offene Konfrontation durch Airbus-Chef Faury ist ein deutliches Zeichen an die politischen Entscheidungsträger in Paris und Berlin, dass eine politische Intervention zur Beilegung des industriellen Machtkampfes unvermeidlich ist, wenn fcas gerettet werden soll.