Der weltweit führende Hersteller von Regionalflugzeugen, ATR, blickt auf ein finanziell stabiles Geschäftsjahr 2025 zurück und bereitet sich mit weitreichenden Investitionen auf eine deutliche Kapazitätsausweitung vor. Wie das Unternehmen auf einer Pressekonferenz am 18. Februar 2026 in Toulouse bekannt gab, erwirtschaftete der Turboprop-Spezialist im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro.
Trotz massiver Herausforderungen in den globalen Lieferketten, die die Auslieferungszahlen leicht auf 32 Maschinen sinken ließen, verzeichnete ATR eine robuste Auftragslage mit 50 Netto-Bestellungen. Um der steigenden Nachfrage in Märkten wie Nordamerika und Indien gerecht zu werden, reaktiviert das Unternehmen im Mai 2026 eine zweite Endmontagelinie an seinem Standort in Blagnac. Vorstandschefin Nathalie Tarnaud Laude betonte die Zuverlässigkeit des Geschäftsmodells und kündigte an, die jährliche Produktion schrittweise auf 60 Flugzeuge hochzufahren. Mit einer gezielten Optimierung der Fertigungszeiten und einer strategischen Neupositionierung im US-amerikanischen Regionalmarkt will ATR seine Marktführerschaft im Segment der Kurzstreckenmobilität weiter zementieren.
Logistische Hürden und industrielle Expansion
Die Bilanz des Jahres 2025 ist geprägt von einer Divergenz zwischen Marktnachfrage und industrieller Ausstoßkapazität. Während die Auftragsbücher mit 60 Brutto-Bestellungen gut gefüllt waren, konnte ATR lediglich 32 Flugzeuge an Kunden übergeben – drei weniger als im Vorjahr. Nathalie Tarnaud Laude machte hierfür vor allem Engpässe bei Systemlieferanten verantwortlich. Insbesondere Verzögerungen bei der Bereitstellung von Triebwerken und Fahrwerken verhinderten eine höhere Auslieferungsrate. Dennoch wertet die Unternehmensführung das Ergebnis als Erfolg, da das Vertrauen der Kunden ungebrochen sei. Große Einzelaufträge von Uni Air aus Taiwan über 19 Maschinen und der algerischen Staatsairline Air Algérie über 16 Flugzeuge unterstreichen das globale Interesse an der aktuellen 600er-Serie.
Um den Rückstau abzuarbeiten und künftige Bedarfe schneller zu decken, setzt ATR auf eine massive Erweiterung der Infrastruktur. Die Reaktivierung der zweiten Endmontagelinie in Toulouse, die seit 2018 stillgelegt war, markiert einen Wendepunkt in der Produktionsstrategie. Durch diesen Schritt plant das Unternehmen, die Auslieferungen bereits im laufenden Jahr 2026 um 20 Prozent zu steigern. Langfristig soll die Kapazität so stabilisiert werden, dass jährlich 60 fabrikneue Turboprops das Werk verlassen können.
Effizienzsteigerung in der Fertigungskette
Neben der rein physischen Erweiterung der Produktionsflächen steht die Prozessoptimierung im Fokus des Managements. Marion Smeyers, Leiterin des Bereichs Beschaffung und Betrieb, erläuterte die ehrgeizigen Ziele zur Verkürzung der Durchlaufzeiten. Das Ziel ist eine Reduktion der Fertigungsdauer um insgesamt 40 Prozent – gemessen vom Eintreffen der Unterbaugruppen im Werk bis zur endgültigen Auslieferung. Aktuell hat ATR bereits eine Verkürzung um 20 Prozent erreicht. Um die verbleibende Wegstrecke zu bewältigen, arbeitet der Hersteller eng mit seinen Tier-1-Zulieferern zusammen und leistet bei Bedarf finanzielle Unterstützung für kleinere Lieferanten in den unteren Ebenen der Wertschöpfungskette.
Diese operative Straffung ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber regionalen Jets zu sichern. Ein wesentlicher Teil des Geschäftsmodells von ATR basiert darauf, dass rund 70 Prozent der Neubestellungen als Ersatz für ältere Versionen derselben Flugzeugtypen dienen. Die Fähigkeit, diese Flottenerneuerung zeitnah zu bedienen, ist für die Kundenbindung von entscheidender Bedeutung.
Marktpotenzial in Nordamerika und Indien
Ein zentraler Pfeiler der Wachstumsstrategie für das nächste Jahrzehnt ist der nordamerikanische Markt. Kommerzdirektor Alexis Vidal sieht dort eine historische Chance: In den kommenden zehn Jahren müssen etwa 300 Regionaljets ersetzt werden. Viele Fluggesellschaften in den USA haben sich in der Vergangenheit von kleineren Flugzeugen abgewandt und setzen vermehrt auf größere Jets, was dazu führte, dass die Anzahl der bedienten Städtepaare von 1.400 auf rund 800 schrumpfte. ATR möchte diese Lücke füllen. Durch den Einsatz ökonomisch effizienter Turboprops könnten viele dieser aufgegebenen Routen wieder rentabel betrieben werden.
Um die traditionelle Skepsis des US-Marktes gegenüber Propellerflugzeugen zu überwinden, setzt ATR auf Referenzkunden wie den Premium-Anbieter JSX. Die positiven Erfahrungen von Passagieren und Fachjournalisten auf Strecken wie zwischen Santa Monica und Las Vegas sollen als Multiplikator dienen. ATR versteht sich hierbei nicht mehr nur als reiner Flugzeugbauer, sondern als Mobilitätsdienstleister, der mittels geolocated Daten Bewegungsmuster analysiert, um Fluggesellschaften neue Geschäftsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Ein weiteres Schwergewicht in der Zukunftsplanung ist Indien. In den nächsten 20 Jahren prognostiziert ATR dort einen Bedarf von mindestens 200 effizienten Regionalflugzeugen. Angesichts der rasanten Expansion des indischen Luftverkehrs und des Aufbaus neuer Regionalflughäfen sieht Vidal ATR in einer exzellenten Position, da es derzeit kaum direkte Konkurrenz für das spezifische Anforderungsprofil des indischen Marktes gebe.
Technologische Evolution und hybride Antriebe
Trotz des Fokus auf das aktuelle Tagesgeschäft investiert ATR massiv in die Technologie von morgen. Im Rahmen des europäischen Clean-Aviation-Programms beteiligt sich der Hersteller an den Forschungsprojekten Heracles und Demetra. Ziel ist die Entwicklung eines ultra-effizienten Regionalflugzeugkonzepts, das auf hybridelektrische Antriebe setzt. In diesem Zusammenhang wird eine ATR 72-600 als fliegender Prüfstand umgerüstet, um die Integration von Hochleistungsbatterien und thermischen Motoren zu testen.
Diese Forschungsarbeiten bilden das technologische Fundament für das Projekt Evo, eine neue Generation von Regionalflugzeugen, die bis Ende 2029 ihren Erstflug absolvieren soll. Eine endgültige Investitionsentscheidung über die Serienreife des Evo-Programms wird ebenfalls für 2029 erwartet, wobei die Indienststellung für das Jahr 2035 anvisiert ist. Für das Unternehmen stellt dieser Entwicklungsschritt die wichtigste Weichenstellung für die langfristige Zukunft dar, um die Effizienz der Turboprop-Plattform auf ein neues technologisches Niveau zu heben.
Der Sekundärmarkt als Indikator für Stabilität
Ein oft übersehener, aber wichtiger Datenpunkt für die Robustheit des ATR-Ökosystems ist der Gebrauchtflugzeugmarkt. Im vergangenen Jahr wechselten weltweit 90 ATR-Maschinen den Besitzer. Diese hohe Aktivität auf dem Sekundärmarkt beweist laut Alexis Vidal den stabilen Restwert der Flugzeuge und die vitale Struktur des Betreibernetzes. Eine starke Nachfrage nach gebrauchten Maschinen stützt indirekt auch den Absatz von Neuflugzeugen, da sie die Finanzierungskosten für Fluggesellschaften und Leasingfirmen kalkulierbarer macht.
Insgesamt präsentiert sich ATR im Frühjahr 2026 als ein Unternehmen, das die pandemiebedingten Verwerfungen hinter sich gelassen hat und nun in eine Phase der industriellen Skalierung eintritt. Mit der Wiedereröffnung der zweiten Montagelinie und der klaren Ausrichtung auf die Wachstumsmärkte in Übersee positioniert sich der französisch-italienische Konzern als unverzichtbarer Akteur für die globale regionale Konnektivität.