Der norwegische Staatsbetrieb Avinor, der für den Betrieb der zivilen Flughäfen in Norwegen verantwortlich ist, hat gemeinsam mit der norwegischen Luftfahrtbehörde Luftfartstilsynet am 28. Oktober 2026 zwei neue Ausschreibungen für alternative Flugzeugkonzepte im regionalen Luftverkehr angekündigt.
Die Verfahren richten sich an internationale Flugzeughersteller, Luftfahrtgesellschaften und Industriebranchen, die technologische Konzepte für den Kurz- und Regionalstreckeneinsatz entwickeln. Die erste Ausschreibung umfasst Regionalflugzeuge mit einer Mindestkapazität von neun Passagiersitzen, die für Reichweiten von unter 1.000 Kilometern ausgelegt sind. Das zweite Ausschreibungsverfahren konzentriert sich auf pilotengesteuerte Fluggeräte mit der Fähigkeit zum senkrechten Starten und Landen (VTOL). Beide Initiativen dienen dazu, die infrastrukturellen, regulatorischen und betrieblichen Anforderungen für künftige Flugzeugmuster an den norwegischen Verkehrsflughäfen unter realen Bedingungen zu testen.
Anforderungsprofile und zeitliche Vorgaben der Ausschreibungsverfahren
Die von Avinor definierten Anforderungsprofile umfassen unterschiedliche Antriebsformen, darunter batterieelektrische Systeme, Wasserstoffantriebe sowie hybridelektrische Verbundsysteme. Die zur Begutachtung eingereichten Flugzeuge müssen sowohl für den kommerziellen Passagiertransport als auch für den Frachtdienst geeignet sein. Ein zentrales Ziel der norwegischen Luftfahrtbehörden besteht darin, die Voraussetzungen für den Bodenbetrieb zu ermitteln. Hierzu zählen die Anforderungen an die Stromnetze, die Lade- und Betankungsinfrastruktur an den Terminals, die Luftraumsteuerung sowie die behördlichen Zertifizierungsprozesse für neuartige Flugzeugklassen.
Für weiter entwickelte VTOL-Muster sieht der Zeitplan der Ausschreibung konkrete Flugdemonstrationen an ausgewählten norwegischen Flughäfen bis spätestens zum Jahr 2028 vor. Interessierte Unternehmen und Konsortien haben die Möglichkeit, ihre Anträge und technischen Unterlagen bis zum 30. November 2026 bei den zuständigen Stellen in Norwegen einzureichen. Nach Ablauf der Frist erfolgt die Evaluierung der Eingaben, um geeignete Partner für die Testphasen an den regionalen Standorten auszuwählen.
Bestehende Testprogramme und Industriepartnerschaften im norwegischen Luftraum
Die aktuellen Ausschreibungen bauen auf bereits laufenden Test- und Forschungsprojekten auf, die der Flughafenbetreiber Avinor in den vergangenen Jahren mit internationalen Industriepartnern initiiert hat. Ein erstes Erprobungsvorhaben wurde im Jahr 2025 in Zusammenarbeit mit dem Hubschrauberbetreiber Bristow Norway und dem US-amerikanischen Luftfahrtunternehmen Beta Technologies abgeschlossen. Im Rahmen dieser Kooperation wurden die operativen Abläufe und die Ladeinfrastruktur für elektrogetriebene Luftfahrzeuge untersucht.
Ein zweites Testprojekt wird derzeit in Kooperation zwischen Bristow Norway und dem US-Entwickler Electra durchgeführt. Dieses Vorhaben konzentriert sich auf die Erprobung von hybridelektrischen Fluggeräten mit kurzen Start- und Landeeigenschaften (STOL). Die praktischen Flugdemonstrationen mit den Fluggeräten von Electra im norwegischen Luftraum sind für das dritte Quartal 2027 angesetzt. Die dabei gewonnenen Messdaten sollen Aufschluss über die Zuverlässigkeit der Systeme unter den klimatischen Bedingungen Nordeuropas geben.
Geografische Rahmenbedingungen und Bedeutung für das norwegische Streckennetz
Das regionale Flugnetz in Norwegen weist aufgrund der Topografie des Landes mit Fjorden, Inselgruppen und Gebirgen eine spezifische Struktur auf. Zahlreiche dezentrale Netzpunkte werden im Rahmen von gemeinwirtschaftlichen Verpflichtungen (Public Service Obligations, PSO) betrieben, da Landverbindungen zeitaufwendig sind. Die Streckenlängen zwischen den Regionalflughäfen liegen häufig unter 300 Kilometern, was diesen Markt für die Erprobung neuer Flugzeuggrößen mit geringerer Sitzplatzkapazität prädestiniert.
Die Luftfahrtbehörde Luftfartstilsynet beabsichtigt, die regulatorischen Rahmenbedingungen schrittweise anzupassen. Durch die frühzeitige Einbindung von Herstellern in Testläufe an den Verkehrsknotenpunkten sollen Standards für die Luftraumintegration und die Sicherheit im Nahbereich von Verkehrsflughäfen erarbeitet werden. Ob und wann die ausgeschriebenen Flugzeugkonzepte in den regulären Linienflugbetrieb übernommen werden, hängt vom Fortgang der Zulassungsverfahren sowie der Bereitstellung der erforderlichen Bodenausrüstung an den jeweiligen Flugplätzen ab.