Die brasilianische Fluggesellschaft Azul Airlines hat einen entscheidenden Schritt zur Sanierung ihrer Finanzen vollzogen. Das Unternehmen, das im Mai 2025 Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts beantragt hatte, meldete am 1. November 2025 eine grundlegende Einigung mit dem Ausschuss der ungesicherten Gläubiger (Official Committee of Unsecured Creditors, UCC). Diese Vereinbarung sichert die Unterstützung der Gläubiger für Azuls Reorganisationsplan, der darauf abzielt, den Flugbetrieb fortzuführen und die finanzielle Struktur des Unternehmens nachhaltig zu stärken, anstatt eine Liquidation vorzunehmen.
Die Einigung ist ein bedeutender Meilenstein im komplexen Insolvenzverfahren und legt die Grundlage für den geplanten Ausstieg aus Chapter 11 Anfang 2026. Im Zentrum des Plans stehen die Beschaffung neuer Finanzmittel, eine Optimierung der Flotte sowie ein detailliertes Angebot zur Entschädigung der Gläubiger. Die brasilianische Fluggesellschaft, die im südamerikanischen Luftverkehr eine Schlüsselrolle spielt, befindet sich seit der globalen Pandemie und den damit verbundenen makroökonomischen Herausforderungen, wie Währungsvolatilität und hohe Zinsen, in einer tiefgreifenden Umstrukturierung.
Finanzielle Stabilisierung durch umfassende Maßnahmen
Um den regulären Flugbetrieb aufrechtzuerhalten und die notwendige Liquidität zu sichern, hat Azul im Rahmen des Verfahrens bereits Finanzierungen in Höhe von rund 1,6 Milliarden US-Dollar gesichert. Diese sogenannte Debtor-in-Possession-(DIP)-Finanzierung ist ein gängiges und wichtiges Instrument im Chapter 11, das es Unternehmen in der Restrukturierung ermöglicht, sich frisches Kapital zu beschaffen, um die laufenden Geschäfte zu finanzieren und das Vertrauen der Lieferanten zu erhalten. Unabhängig davon hat sich Azul jüngst zusätzliche 500 Millionen US-Dollar an Finanzmitteln gesichert, was die operative Stabilität weiter unterstützt.
Der Reorganisationsplan sieht zudem die Aufnahme von 950 Millionen US-Dollar an neuem Eigenkapital vor. Diese Finanzspritze soll die Bilanz weiter entlasten und die langfristige finanzielle Stabilität gewährleisten. Analysten weisen darauf hin, dass diese Kapitalerhöhungen, die oft von bestehenden Partnern und finanziellen Unterstützern abgesichert werden, entscheidend sind, um die Schuldenlast, die zum Zeitpunkt der Einreichung des Chapter 11 über 2 Milliarden US-Dollar betrug, zu reduzieren und die notwendige Rekapitalisierung zu erreichen.
Flottenoptimierung und operative Neuausrichtung
Ein weiterer zentraler Pfeiler des Sanierungsplans ist die Optimierung der Flugzeugflotte. Azul plant, 20 nicht ausgelastete Flugzeuge an die Leasinggeber zurückzugeben. Bei diesen Maschinen handelt es sich Berichten zufolge hauptsächlich um ältere Modelle der ersten Generation von Embraer E195-Jets, deren Leasingverträge im Zuge der Restrukturierung neu verhandelt oder beendet werden.
Diese strategische Flottenreduzierung dient nicht nur der Kostenkontrolle, insbesondere im Hinblick auf Leasingraten und Wartungskosten, sondern auch der Netzwerkvereinfachung. Bereits zuvor hatte Azul angekündigt, über 15 Städte und mehr als 50 Routen aus dem Flugplan zu nehmen, um sich auf Strecken mit höheren Margen und einer stärkeren Nachfrage zu konzentrieren. Die Rückgabe der Flugzeuge, von denen viele bereits außer Dienst gestellt waren, soll die Auswirkungen auf die Kunden minimieren und die Betriebskostenstruktur des Unternehmens in Zukunft verschlanken. Dieser Fokus auf die Effizienz der Flotte ist typisch für Luftfahrtunternehmen, die Chapter 11 nutzen, um sich von kostspieligen oder unrentablen Verträgen zu trennen und ihre operativen Abläufe zu modernisieren.
Entschädigung der ungesicherten Gläubiger
Die Einigung mit dem Ausschuss der ungesicherten Gläubiger war entscheidend, da dieser eine bedeutende Rolle im Genehmigungsprozess des Reorganisationsplans spielt. Die Vereinbarung sieht vor, dass die allgemeinen ungesicherten Gläubiger eine Wahl zwischen zwei Entschädigungsoptionen haben:
- Eine Barauszahlung von bis zu 20 Millionen US-Dollar.
- Eine Beteiligung an einem Treuhandfonds (Trust), der zu ihren Gunsten eingerichtet wird.
Azul hat sich verpflichtet, diesem Treuhandfonds Optionsscheine (Warrants) beizusteuern, die bis zu 5,5% des Eigenkapitals des reorganisierten Unternehmens repräsentieren. Darüber hinaus sind leistungsabhängige Zahlungen in Höhe von bis zu 6,5 Millionen US-Dollar jährlich bis 2029 sowie eine Deckung der Verwaltungskosten des Treuhandfonds in Höhe von 2,5 bis 5 Millionen US-Dollar vorgesehen. Die Optionsscheine werden für jene Gläubiger reduziert, die sich für die Barauszahlung statt für die Beteiligung am Trust entscheiden. Diese Struktur soll eine konsensuale und geordnete Lösung ermöglichen, die laut Unternehmensangaben „operativen Betrieb erhält, die Kapitalstruktur stärkt und allen Beteiligten nachhaltigen Wert liefert“.
Fahrplan und Branchenkontext
Azuls Weg durch Chapter 11 ist Teil eines breiteren Musters in der lateinamerikanischen Luftfahrt. Die brasilianische Fluggesellschaft schloss sich anderen großen regionalen Fluglinien wie LATAM, Avianca und dem Konkurrenten GOL an, die in den letzten Jahren ebenfalls das US-Insolvenzrecht genutzt haben, um ihre Finanzen neu zu ordnen und die Schulden aus der pandemiebedingten Nachfragekrise und den makroökonomischen Turbulenzen zu bewältigen.
Der Chapter 11-Prozess ermöglicht es Azul, den Flugbetrieb ohne Unterbrechung fortzusetzen, was für Kunden und die Aufrechterhaltung der Marktposition von größter Bedeutung ist. Die nächsten Schritte im Verfahren sind klar terminiert:
- Am 4. November ist die Offenlegungsanhörung (Disclosure Hearing) vor einem US-Insolvenzgericht in New York geplant, bei der der überarbeitete Plan geprüft wird.
- Anschließend folgt die Abstimmung der Gläubiger über den Plan.
- Die finale Bestätigungsanhörung (Confirmation Hearing) ist für den 11. Dezember angesetzt.
Azul verfolgt das klare Ziel, den Ausstieg aus Chapter 11 in den frühen Monaten des Jahres 2026 zu vollziehen. Die Einigung mit den ungesicherten Gläubigern, nach vorangegangenen Verhandlungen mit Leasinggebern und OEMs, gilt als letzte große Hürde vor der endgültigen Bestätigung des Sanierungsplans durch das Gericht. Das erfolgreiche Durchlaufen dieses Prozesses würde Azul eine wesentlich gesündere Bilanz und eine gestärkte Kapitalstruktur für den Wettbewerb auf dem wachsenden lateinamerikanischen Luftverkehrsmarkt verschaffen.
1 Comment