Der US-Flugzeughersteller Boeing hat durch eine erweiterte Vergleichszahlung an die US-Regierung eine drohende erneute strafrechtliche Verfolgung im Zusammenhang mit den Abstürzen zweier 737 max-Flugzeuge abgewendet.
Die Vereinbarung, die kürzlich von einem Richter in Texas abgesegnet wurde, verpflichtet den Konzern zu einer weiteren Zahlung von 1,1 Milliarden US-Dollar. Dieser Deal sichert die Fortsetzung des Betriebs, während die zivilrechtliche Aufarbeitung der fatalen Unfälle von Lion Air Flug 610 (Oktober 2018) und Ethiopian Airlines Flug 302 (März 2019) mit insgesamt 346 Todesopfern in Dutzenden weiterer Zivilklagen anhält.
Der ursprüngliche Vergleich mit der US-Regierung aus dem Jahr 2021 stand auf der Kippe, nachdem es Anfang 2024 zu einem weiteren schwerwiegenden Qualitätsmangel an einer 737 max 9 von Alaska Airlines gekommen war, bei der sich eine Rumpfblende im Steigflug löste. Die neue Milliardenzahlung dient dazu, diesen Verstoß gegen die Auflagen des ursprünglichen Deals zu bereinigen. Trotz der Bemühungen um eine administrative Beilegung der strafrechtlichen Angelegenheit bleibt die Forderung der Opferfamilien nach der Einsetzung eines Sonderermittlers zur lückenlosen Aufklärung der Unternehmensführung und der Produktionsprozesse unerfüllt.
Der Absturz als Ausgangspunkt: Zwei Katastrophen und ihre Folgen
Die Abstürze zweier Boeing 737 max-Maschinen innerhalb weniger Monate im Jahr 2018 und 2019 führten zu einem weltweiten Flugverbot des Modells und stürzten Boeing in eine tiefe Vertrauens- und Sicherheitskrise. Bei Ethiopian Airlines Flug 302 kamen am 10. März 2019 alle 157 Insassen ums Leben, darunter die 32-jährige UN-Mitarbeiterin Shikha G. Nur wenige Monate zuvor war eine 737 max von Lion Air unter ähnlichen Umständen abgestürzt.
Beide Unglücke wurden maßgeblich auf ein fehlerhaftes Flugkontrollsystem, das sogenannte Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS), zurückgeführt, das Piloten in kritischen Situationen übersteuerte. Die anschließenden Untersuchungen legten gravierende Mängel in der Entwicklung, der Zertifizierung des Flugzeugs sowie in der Kommunikationspolitik Boeings gegenüber der Aufsichtsbehörde FAA und den Kunden offen.
Die neue Milliardenzahlung zur Vermeidung von Strafverfolgung
Die drohende Strafverfolgung hatte Boeing bereits im Januar 2021 durch eine erste Gesamtzahlung von 2,5 Milliarden US-Dollar abgebogen. Diese Summe umfasste Entschädigungszahlungen, Strafen und Zahlungen an die Fluggesellschaften. Der ursprüngliche Deal sah eine sogenannte Deferred Prosecution Agreement (DPA) vor, die Boeing im Gegenzug für die Erfüllung bestimmter Auflagen vor einer strafrechtlichen Anklage schützte.
Die Panne an der Alaska Airlines 737 max 9 im Januar 2024, bei der sich eine Rumpfblende löste und die erneut gravierende Mängel in der Produktionskontrolle im Werk in Renton aufzeigte, wurde von der US-Regierung als Verstoß gegen die Auflagen der DPA gewertet. Das erneute Qualitätsversagen setzte den Fortbestand des Deals und damit die Immunität Boeings aufs Spiel.
Um eine Aufhebung der DPA und eine erneute strafrechtliche Verfolgung abzuwenden, stimmte Boeing nun einem erweiterten Vergleich zu, der eine zusätzliche Zahlung von 1,1 Milliarden US-Dollar vorsieht. Von dieser Summe werden 444,5 Millionen US-Dollar in den Entschädigungsfonds für Opferfamilien fließen. Die Absicherung des Deals durch einen Richter in Texas stellt einen operativen Sieg für Boeing dar, da dem Konzern die Unsicherheit einer langwierigen Strafverfolgung erspart bleibt und er sich auf die Behebung der Produktions- und Qualitätsmängel konzentrieren kann.
Die anhaltende zivilrechtliche Aufarbeitung und Entschädigungen
Unabhängig von der Einigung mit der US-Regierung setzen sich die zivilrechtlichen Klagen der Hinterbliebenen fort. Der ursprüngliche Entschädigungsfonds von 500 Millionen US-Dollar, der zur direkten Kompensation der Opferfamilien eingerichtet wurde, wurde durch die neue Einigung auf insgesamt knapp eine Milliarde US-Dollar aufgestockt (unter Einbeziehung der 444,5 Millionen US-Dollar aus der neuen Zahlung). Experten gehen jedoch davon aus, dass auch dieser Betrag kaum ausreichen wird, um alle Ansprüche der betroffenen Familien umfassend zu befriedigen.
Die Komplexität und Tragweite der zivilrechtlichen Verfahren spiegeln sich in den Gerichtsurteilen wider. Im Todesfall der UN-Mitarbeiterin Shikha G. akzeptierte Boeing ein Jury-Urteil in Chicago, das den Hinterbliebenen eine Entschädigung von 28 Millionen US-Dollar zusprach. Mit aufgelaufenen Zinsen beläuft sich die zu zahlende Gesamtsumme auf 35,85 Millionen US-Dollar.
Dutzende weitere Zivilklagen von Familien aus aller Welt laufen noch vor US-Gerichten. Die Höhe der Entschädigungen variiert stark, ist aber im Regelfall im zweistelligen Millionenbereich angesiedelt, was die potenziellen Gesamtkosten für Boeing aus den zivilrechtlichen Verfahren in erhebliche Höhen treibt. Die Anerkennung der Urteile durch Boeing dient dabei auch der Signalwirkung an die noch laufenden Verfahren, um die Geschwindigkeit und die Möglichkeit außergerichtlicher Einigungen zu beschleunigen.
Abgelehnte Sonderermittlung: Kritik der Opferfamilien
Ein zentraler Streitpunkt in der Aufarbeitung der Krise ist die Ablehnung der Forderung der Opferfamilien nach der Bestellung eines Sonderermittlers. Die Hinterbliebenen sahen in einem unabhängigen Ermittler die einzige Möglichkeit, die Entscheidungswege, die Unternehmenskultur und die Kommunikation zwischen Boeing und den Aufsichtsbehörden umfassend und neutral zu durchleuchten. Sie erhoffen sich davon eine lückenlose Aufklärung über die internen Prozesse, die zu den katastrophalen Mängeln führten.
Der Richter in Texas lehnte die Einsetzung eines solchen Sonderermittlers im Rahmen der abgesegneten Vergleichsvereinbarung jedoch ab. Diese Entscheidung stößt bei den Opferfamilien auf erhebliche Kritik und Enttäuschung, da sie befürchten, dass ohne eine unabhängige Instanz wichtige Aspekte der Unternehmensführung und der Rechenschaftspflicht unaufgeklärt bleiben könnten. Die Entscheidung, die strafrechtliche Verfolgung erneut administrativ beizulegen, erlaubt es Boeing, die Kontrolle über die internen Korrekturmaßnahmen zu behalten, ohne sich einer umfassenden staatlichen Untersuchung unterziehen zu müssen, was das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Angehörigen weiterhin belastet. Der erneute Vergleich sichert Boeing die kurzfristige operationelle Stabilität, während die langfristigen Herausforderungen – die Behebung der Qualitätsprobleme und die Wiederherstellung des beschädigten Rufs – weiterhin im Fokus stehen.