Ein umfangreicher Whistleblower-Bericht an den Permanent Subcommittee on Investigations (PSI) des US-Senats hat eine neue Debatte über die Sicherheit der Boeing 787-Flotte ausgelöst. Im Fokus steht der Absturz von Flug AI171 am 12. Juni 2025 kurz nach dem Start in Ahmedabad, Indien.
Das Dossier legt detailliert dar, dass die betroffene Maschine mit dem Kennzeichen VT-ANB über ihre gesamte Dienstzeit hinweg von massiven elektrischen Störungen und Systemfehlern betroffen war. Den vorliegenden Dokumenten zufolge könnten sowohl der Hersteller als auch beteiligte Aufsichtsbehörden kritische Sicherheitsbedenken unterschätzt oder nicht ausreichend kommuniziert haben. Ziel der parlamentarischen Untersuchung ist es nun, die Vorwürfe latenter Defekte zu prüfen und zu bewerten, inwieweit diese Probleme die globale Luftverkehrssicherheit beeinflussen. Der Fall rückt erneut die Wartungsprotokolle und die Transparenz innerhalb der kommerziellen Luftfahrt in das Zentrum des öffentlichen Interesses, während internationale Ermittler weiterhin nach der endgültigen Absturzursache suchen.
Die Historie technischer Defekte der Maschine VT-ANB
Die dem Untersuchungsausschuss vorliegenden Wartungs- und Konstruktionsunterlagen, die teilweise von der Foundation for Aviation Safety (FAS) zur Verfügung gestellt wurden, zeichnen ein beunruhigendes Bild der betroffenen Boeing 787-8. Seit ihrer Indienststellung im Jahr 2014 kam es bei diesem spezifischen Flugzeug wiederholt zu schwerwiegenden Fehlfunktionen in der Bordelektrik. Die Aufzeichnungen belegen eine Serie von ausgelösten Schutzschaltern, Kurzschlüssen und gefährlichen Überhitzungsereignissen. Besonders hervorzuheben ist ein Vorfall im Januar 2022, bei dem ein Brand in der Hauptstromverteilung (P100 Primary Power Panel) ausbrach, der einen kompletten Austausch der gesamten Einheit erforderlich machte.
Der Whistleblower-Bericht klassifiziert diese Vorfälle als latente Defekte – verborgene Mängel, die im regulären Betrieb zunächst unauffällig bleiben können, sich jedoch über die Jahre zu katastrophalen Systemausfällen summieren. Die Dokumente werfen die Frage auf, ob die Häufung dieser Fehler als Warnzeichen für ein systemisches Versagen der elektrischen Architektur des Flugzeugtyps hätten gewertet werden müssen. Während die indische AAIB (Aircraft Accident Investigation Bureau) in ihrem ersten vorläufigen Bericht noch keine abschließende Bewertung vorgenommen hat, betont die Eingabe an den Senat, dass die Missachtung solcher Warnsignale eine Normalisierung von Abweichungen darstellt, die historisch bereits mehrfach zu schweren Luftfahrtunglücken geführt hat.
Kontroverse um Cockpit-Eingriffe und menschliche Faktoren
Ein kontroverser Aspekt der aktuellen Untersuchungen betrifft die Handlungen der Besatzung unmittelbar vor dem Absturz. Robert Sumwalt, ehemaliger Vorsitzender der US-Transportsicherheitsbehörde NTSB, wies darauf hin, dass erste Daten darauf hindeuten, dass die Kraftstoffzufuhrschalter im Cockpit manuell betätigt wurden. Diese Erkenntnis führt zu einer Debatte darüber, ob ein technisches Versagen die Piloten zu diesen Handlungen zwang oder ob es sich um eine fatale Fehlentscheidung handelte. Experten warnen jedoch davor, die Verantwortung vorschnell allein beim Personal zu suchen.
Die beim PSI eingereichten Unterlagen ziehen Parallelen zur Aufarbeitung der Zwischenfälle mit der Boeing 737 Max. Dort wurde kritisiert, dass eine Kultur der Schuldzuweisung gegenüber den Piloten dazu diente, tiefgreifende technische Mängel und unzureichende Dokumentationen zu verschleiern. Im Fall von Flug AI171 wird nun geprüft, ob die massiven elektrischen Probleme der VT-ANB die Systeme so stark beeinträchtigten, dass die Besatzung keine Chance hatte, die Situation korrekt einzuschätzen. Die psychologische Komponente des Normalization of Deviance spielt hierbei eine zentrale Rolle: Wenn technische Defekte zum Alltag gehören, sinkt die Sensibilität für die daraus resultierenden existenziellen Risiken.
Systemische Implikationen für die weltweite Dreamliner-Flotte
Obwohl die Boeing 787 als eines der modernsten und technologisch fortschrittlichsten Verkehrsflugzeuge der Welt gilt, steht sie nicht zum ersten Mal wegen ihrer elektrischen Systeme unter Beobachtung. Bereits kurz nach der Markteinführung sorgten Probleme mit den Lithium-Ionen-Batterien für ein zeitweises weltweites Flugverbot. Die aktuellen Enthüllungen könnten nun eine umfassende internationale Neubewertung der Zuverlässigkeit des elektrischen Gesamtsystems auslösen. Der PSI-Bericht empfiehlt daher dringend eine Überprüfung der gesamten Flotte sowie eine lückenlose Offenlegung aller bisherigen Fehlerprotokolle durch die Betreiber und den Hersteller.
Die Luftfahrtindustrie steht vor der Herausforderung, verborgene technische Risiken in hochkomplexen Systemen rechtzeitig zu identifizieren. Der Senatsausschuss untersucht in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Aufsichtsbehörden. Es steht der Vorwurf im Raum, dass die Meldekette zwischen Fluggesellschaften, Herstellern und Regulierungsstellen lückenhaft sei. Strenge Überwachungsstandards und eine proaktive Identifizierung von Systemrisiken könnten durch die Ergebnisse dieses Verfahrens weltweit verschärft werden, um die Rechenschaftspflicht der Akteure zu erhöhen.
Ausblick auf die regulatorischen Konsequenzen
Die kommenden Monate werden für die Bewertung der 787-Flotte entscheidend sein. Sollte der US-Senat zu dem Schluss kommen, dass Boeing oder die Fluggesellschaften kritische Informationen zurückgehalten haben, drohen nicht nur juristische Konsequenzen, sondern auch eine erhebliche Beeinträchtigung des öffentlichen Vertrauens in die Luftfahrtsicherheit. Die Untersuchung findet in einer Zeit statt, in der die Branche ohnehin unter verstärkter Beobachtung hinsichtlich ihrer Qualitätskontrollen steht.
Abschließend lässt sich festhalten, dass der Absturz von Air India Flug 171 eine weitreichende Prüfung der industriellen Standards für die Meldung technischer Mängel ausgelöst hat. Während die technische Analyse der Wrackteile in Indien fortgesetzt wird, liefert der politische Prozess in Washington die notwendigen Impulse für eine Reform der Sicherheitsaufsicht. Die Ergebnisse der PSI-Anhörungen werden maßgeblich beeinflussen, wie künftig mit latenten Defekten in der kommerziellen Luftfahrt umgegangen wird und welche Transparenzpflichten für Hersteller von Hochtechnologie-Flugzeugen gelten.