Die Erholung des Luftverkehrsangebots an deutschen Verkehrsflughäfen hinkt der Entwicklung im übrigen europäischen Raum seit den Einschränkungen der Corona-Pandemie spürbar hinterher.
Wie aus einer im Oktober 2026 vorgelegten Datenanalyse des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) hervorgeht, ist die Zahl der ab Deutschland bedienten Direktverbindungen sowie der wöchentlichen Flugfrequenzen im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 deutlich gesunken. Mithilfe eines interaktiven Konnektivitätsatlas veranschaulicht der Dachverband die strukturellen Veränderungen an 26 deutschen Flughäfen. Der BDL führt die Entwicklung vorrangig auf stark gestiegene staatlich festgelegte Standortkosten zurück, darunter die Erhöhung der Luftverkehrsteuer, gestiegene Sicherheitskosten sowie erhöhte Gebühren für die Flugsicherung. In der Folge verlagern internationale Punkt-zu-Punkt-Fluggesellschaften Kapazitäten verstärkt an europäische Standorte mit günstigeren Abgabenstrukturen.
Bilanz der Streckenstreichungen und Frequenzrückgänge seit 2019
Die statistische Auswertung des BDL zeigt eine erhebliche Verschiebung im deutschen Flugplan. Im Jahr 2019 wurden von deutschen Flughäfen insgesamt 1.678 Strecken mindestens einmal pro Woche angeflogen, bei einem Gesamtvolumen von rund 1,7 Millionen Passagierflügen. Für das Jahr 2026 beläuft sich das Angebot voraussichtlich auf 1.544 Strecken und knapp 1,4 Millionen Flüge.
Den 483 Verbindungen, die seit 2019 komplett eingestellt wurden, stehen im selben Zeitraum lediglich 349 neu eingerichtete Routen gegenüber. Auch auf den verbliebenen Verbindungen reduzierten die Fluggesellschaften das Angebot spürbar: Während auf bestehenden Routen rund 120.000 Frequenzen hinzugefügt wurden, entfielen im Gegenzug etwa 370.000 Flüge. Per Saldo ergibt sich ein dauerhafter Verlust an Flugverbindungen und Frequenzen im Gesamtsystem.
Ausdünnung bei innerdeutschen Strecken und europäischen Wirtschaftsmetropolen
Besonders drastisch zeigt sich der Rückgang im innerdeutschen Luftverkehr auf Strecken, die nicht direkt der Anbindung an die beiden großen Drehkreuze Frankfurt am Main und München dienen. Auf diesen sogenannten dezentralen Direktverbindungen wurden seit 2019 rund 55 Prozent der Strecken und 83 Prozent der ursprünglichen Flugfrequenzen gestrichen.
Darüber hinaus fehlen Verbindungen zu wichtigen europäischen Metropolen und Wirtschaftsräumen. So verzeichnet beispielsweise der Flughafen Berlin-Brandenburg den Verlust von Direktverbindungen nach Toulouse, Turin und Belfast, während die Frequenzen zu Zielen wie Glasgow oder Liverpool um fast 90 Prozent reduziert wurden. Auch Städte wie Zürich oder Warschau sind von einzelnen Regionalflughäfen aus seltener oder gar nicht mehr direkt erreichbar. BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang verwies darauf, dass das verbliebene Flugangebot auf vielen Geschäftsreiserouten zeitlich so stark ausgedünnt wurde, dass es den Anforderungen von Tagesreisen aus der Wirtschaft nicht mehr entspricht.
Stabile Segmente im Urlaubs- und Interkontinentalverkehr
Vergleichsweise stabil entwickelte sich hingegen das Angebot auf touristischen Routen. Destinationen im Mittelmeerraum werden von deutschen Flughäfen aus weiterhin in hohem Umfang bedient, da die Nachfrage im Privatreisesektor nach der Pandemie rasch wieder anzog. Punkt-zu-Punkt-Airlines verlagerten dabei einen Teil ihrer Kapazitäten von größeren Verkehrsflughäfen an kleinere Regionalstandorte wie Memmingen, Niederrhein/Weeze oder Karlsruhe/Baden-Baden, die aufgrund geringerer Gebühren ein überdurchschnittliches Wachstum gegenüber 2019 verzeichnen.
Im interkontinentalen Fernverkehr blieb das Angebot an den Drehkreuzen Frankfurt und München im Großen und Ganzen erhalten, wenngleich auch dort das Vorkrisenniveau bei den Gesamtsitzplätzen noch nicht wieder vollständig erreicht wurde. Unabhängig von wirtschaftlichen Standortfaktoren führten zudem geopolitische Ereignisse zu dauerhaften Schließungen im Streckennetz: Aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ruht der gesamte Flugverkehr von und nach Russland, Belarus sowie in die Ukraine.
Debatte über Standortkosten und staatliche Abgaben
Der BDL und weitere Verbände der Luftverkehrswirtschaft fordern von der Bundespolitik Maßnahmen zur Dämpfung der Standortkosten, um eine weitere Abwanderung von Fluggesellschaften zu verhindern. Die im Bundeshaushalt für 2026 vorgesehenen Entlastungen im Umfang von rund 300 Millionen Euro reichen nach Auffassung des Verbandes nicht aus, um die Differenz zu anderen europäischen Ländern auszugleichen. Der BDL fordert unter anderem eine Reduzierung der Luftverkehrsteuer um die Hälfte sowie eine Umverteilung der Kosten für Luftsicherheitskontrollen, um die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Flughäfen im internationalen Vergleich wiederherzustellen.