Das ambitionierte Langstreckenprojekt Boeing 777-9, der größte zweistrahlige Passagierjet der Welt, hat im komplexen Zulassungsverfahren der US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) einen wichtigen formalen Meilenstein erreicht. Nach Berichten von Fachmedien hat die FAA dem Programm grünes Licht für den Übergang in die dritte von insgesamt fünf Hauptphasen der Flugerprobung, die sogenannte Type Inspection Authorization (TIA) Phase 3, erteilt. Dieser Fortschritt signalisiert eine Verschiebung des Fokus hin zu intensiveren behördlichen Testflügen.
Trotz dieses formalen Erfolges sehen sich Boeing und seine Kunden mit einem erneut verschobenen Zeitplan konfrontiert. Das Unternehmen rechnet nun nicht vor dem Jahr 2027 mit der Auslieferung der ersten Maschinen. Die fortlaufenden Verzögerungen schlagen sich massiv in der Bilanz des Flugzeugherstellers nieder und führen zu einer weiteren Kostenexplosion, die das Programm mit zusätzlichen Belastungen in Milliardenhöhe belegt.
Ein wichtiger Schritt im bürokratischen Prozess
Die Genehmigung der TIA Phase 3 ist ein entscheidendes Etappenziel. In dieser Phase können FAA-Inspektoren und Testpiloten verstärkt an den Flugerprobungen teilnehmen und die gesammelten Daten direkt für die endgültige Musterzulassung (Type Certification) verwenden. Die gesamte TIA-Phase besteht aus der Durchführung von Flugversuchen, die darauf abzielen, die Einhaltung aller Sicherheitsanforderungen zu demonstrieren. Die Freigabe für Phase 3 bedeutet, dass die grundlegenden Flugkontrollen und Systeme der 777-9 nun als ausreichend stabil und reif für die intensivste Prüfungsrunde der Behörde angesehen werden.
Das Zertifizierungsverfahren für die 777-9, die eine grundlegende Überarbeitung des Langstrecken-Bestsellers 777 darstellt, ist seit den Zwischenfällen mit der 737 Max und einer allgemein verschärften Aufsicht der FAA deutlich komplexer und zeitaufwendiger geworden. Nach den jüngsten Turbulenzen bei Boeing hat die Luftfahrtbehörde ihre Kontrollmechanismen massiv verschärft und verlangt umfangreichere Dokumentation und Nachweise für jedes neue System und jede Änderung.
Boeing-Finanzchef Kelly Ortberg erklärte im Oktober vor Investoren, dass die neuerliche Verzögerung nicht auf neue technische Mängel am Flugzeug selbst oder an den Triebwerken zurückzuführen sei. Die Herausforderung liege vielmehr ausschließlich in der Fertigstellung und Genehmigung der umfangreichen Zertifizierungsarbeiten, dem sogenannten „Berg an Arbeit“, der vor dem Programm liege. Die Notwendigkeit, einen enormen Berg an Dokumentation zu erstellen und zu überprüfen, ist der zentrale Engpass, der den Zeitplan immer weiter nach hinten verschiebt.
Kostenexplosion und Produktionsanpassungen
Die Konsequenzen der anhaltenden Verzögerungen sind für den US-Flugzeugbauer erheblich. Boeing sah sich gezwungen, eine zusätzliche Belastung in Höhe von 4,9 Milliarden US-Dollar vor Steuern in seiner Quartalsbilanz zu verbuchen. Diese Rekordsumme spiegelt die Verluste wider, die durch die längere Entwicklungszeit, Anpassungen der Produktionspläne und möglicherweise Kompensationszahlungen an die Kunden entstehen.
Die Gesamtbelastung für das 777X-Programm, zu dem neben der 777-9 auch die zukünftige Frachtversion 777-8F gehört, hat sich damit Berichten zufolge auf geschätzt 15 bis 17 Milliarden US-Dollar summiert, seit das Programm 2013 gestartet wurde und ursprünglich bereits 2020 in Dienst gestellt werden sollte. Die Fluggesellschaften, die auf die 777-9 warten, müssen ihre Flottenplanungen entsprechend anpassen und ältere Maschinen länger im Dienst halten.
Finanzchef Jesus Malave erläuterte, dass ein Hauptgrund für die Kosten in der Notwendigkeit liege, die Produktionspläne anzupassen. Der Fokus liege nun darauf, weniger Flugzeuge vor der endgültigen Zulassung zu bauen, um stattdessen einen langfristig tragfähigen und stabilen Produktionsplan zu etablieren. Eine solche Strategie ist ein Indiz dafür, dass Boeing versucht, die finanziellen Risiken zu minimieren und eine Wiederholung der massiven Nacharbeiten an fertiggestellten, aber noch nicht zugelassenen Flugzeugen zu vermeiden.
Auswirkungen auf Erstbetreiber und den Markt
Die erneute Verschiebung bis 2027 trifft insbesondere den Erstkunden Lufthansa, der eine maßgebliche Rolle bei der Einführung des neuen Langstreckenmusters spielen sollte. Die Lufthansa hatte die 777-9 für die Modernisierung ihrer Langstreckenflotte und die Einführung ihrer neuen Kabinengeneration, „Allegris“, fest eingeplant. Die deutsche Fluggesellschaft hat bereits signalisiert, dass sie die 777-9 bis 2027 nicht in ihre Flugpläne aufnimmt. Dies zwingt die Airline, kostspielige Zwischenlösungen zu finden, um die Kapazitätslücke zu füllen und die in die Jahre kommende Flotte, insbesondere die vierstrahligen Boeing 747 und Airbus A340, weiterhin zu ersetzen.
Im Langstreckensegment ist die Boeing 777-9 das direkte Konkurrenzmodell zum Airbus A350-1000. Obwohl die 777-9 mit 76,72 Metern Länge das längste Passagierflugzeug der Welt sein wird und eine höhere Passagierkapazität sowie mehr Frachtraum bietet, profitiert Airbus von der anhaltenden Verzögerung des Konkurrenzmodells. Der A350-1000, der seit 2018 im Dienst ist, kann seine Marktpräsenz ohne den direkten Wettbewerb der 777-9 weiter ausbauen.
Airbus reagiert auf die Marktdynamik und die mögliche künftige Lücke im Kapazitätssegment. Die Europäer haben die maximale Passagierkapazität des A350-1000 bereits auf bis zu 480 Sitze erhöhen lassen und denken laut über eine noch längere Version, den A350-2000, nach. Die Verzögerung der 777-9 ermöglicht es Airbus, diesen lukrativen Markt für sehr große zweistrahlige Jets länger zu dominieren. Angesichts der Tatsache, dass die A350-Familie auf einem technologisch neueren Rumpf aus Verbundwerkstoffen basiert, sehen einige Beobachter langfristige Effizienzvorteile, die Boeings Aluminium-basiertes 777-Design nur schwer aufholen kann.
Obwohl die TIA Phase 3 einen positiven Schritt darstellt, bleibt ein erheblicher Aufwand für die abschließenden Zertifizierungsarbeiten. Die vollständige Musterzulassung ist ein hochkomplexes, datengestütztes Verfahren, das in der neuen Regulierungsumgebung der FAA noch mehr Zeit in Anspruch nehmen wird als in der Vergangenheit. Boeing muss die volle Funktionsfähigkeit und Sicherheit aller Systeme unter Beweis stellen, insbesondere der neuartigen einklappbaren Flügelspitzen, die es dem gigantischen Jet ermöglichen, auf Standard-Gates zu parken. Die erneute Zielverschiebung auf 2027 ist ein starkes Indiz dafür, dass Boeing der Realität des gestiegenen bürokratischen Aufwands und der strengeren behördlichen Überwachung Tribut zollt. Die Fertigstellung der Zertifizierungsarbeiten ist ein Wettlauf gegen die Zeit und die akkumulierten Kosten. Die Glaubwürdigkeit des Programms und das Vertrauen der Kunden hängen maßgeblich davon ab, ob Boeing diesen neuen Zeitplan halten und das Flugzeug sicher und vollumfänglich dokumentiert in den Dienst stellen kann.