Die amerikanische Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) hat dem Flugzeughersteller Boeing nach über einem Jahr intensiver Aufsicht und strenger Kontrollen die Erlaubnis erteilt, die Produktion seiner 737 Max-Flugzeugfamilie wieder zu steigern.
Die von der FAA seit Anfang 2024 verhängte Obergrenze von 38 Flugzeugen pro Monat wurde aufgehoben, was dem Unternehmen einen schrittweisen Anstieg auf 42 Jets pro Monat ermöglicht. Dieser Schritt markiert einen wichtigen, wenn auch vorsichtigen Meilenstein für Boeing auf dem Weg zur Normalisierung des Geschäftsbetriebs und der Bewältigung eines Auftragsbestands von über 4600 Maschinen. Die Produktionsbeschränkung war nach dem Vorfall mit Alaska Airlines Flug 1282 verhängt worden, bei dem Anfang 2024 während des Fluges ein Rumpfteil abbrach, und hatte eine umfassende Überprüfung der Fertigungsprozesse und der Qualitätskontrolle bei Boeing ausgelöst. Die FAA bekräftigte, dass die erhöhte Aufsicht am Produktionsstandort in Renton, Washington, weiterhin aufrechterhalten wird.
Lockerung der Beschränkungen nach intensiver Überwachung
Die Entscheidung der FAA, die Produktionsbeschränkung anzuheben, folgt einer langen Phase der verschärften regulatorischen Aufsicht. Seit dem kritischen Vorfall an Bord des Alaska Airlines Fluges 1282, bei dem ein sogenannter Türpfropfen (door plug) im Flug herausgerissen wurde, hatte die FAA die Fertigungspraktiken von Boeing und die Koordination mit Zulieferern, insbesondere mit Spirit AeroSystems, einem Hauptlieferanten für Flugzeugrümpfe, genauestens geprüft.
Die FAA hat nach eigenen Angaben umfangreiche Inspektionen des gesamten Montagesystems bei Boeing durchgeführt. Diese Überprüfungen zielten darauf ab festzustellen, ob das Unternehmen in der Lage ist, die Sicherheits- und Qualitätsstandards auch bei einem erhöhten Produktionsvolumen zu gewährleisten. Boeing selbst wertet die nun erteilte Genehmigung als einen Fortschritt in der Verbesserung seiner internen Sicherheits- und Qualitätsmanagementsysteme. Das Unternehmen versprach, den Weg methodisch fortzusetzen, geleitet von den Prinzipien der Sicherheit, Stabilität und Transparenz. Obwohl die FAA die Beschränkung gelockert hat, wird sie die Aufsicht und die Produktionsüberwachung im Boeing-Werk in Renton, Washington, auch während der Hochlaufphase beibehalten.
Bedeutung für das Auftragsbuch und die Finanzen
Die schrittweise Anhebung der Produktionsrate auf 42 Flugzeuge pro Monat ist für Boeing von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Der Hersteller sitzt auf einem massiven Auftragsbestand von mehr als 4600 unerfüllten Bestellungen für die 737 Max-Familie. Die lange andauernden Produktionsbeschränkungen hatten zu erheblichen Engpässen bei der Auslieferung geführt und die finanzielle Situation des Konzerns belastet.
Eine höhere Produktionsrate ist ein entscheidender Faktor für die Verbesserung des Cashflows von Boeing. Da Flugzeuge typischerweise erst bei der Auslieferung vollständig bezahlt werden, ist die Fähigkeit des Unternehmens, Bestellungen termingerecht abzuarbeiten, direkt mit seiner Liquidität verbunden. Die gesteigerte Produktion ermöglicht es Boeing, einen größeren Teil seiner Auftragsrückstände in Umsatz umzuwandeln und damit die finanziellen Auswirkungen der vorangegangenen Qualitätsmängel und Auslieferungsverzögerungen abzufedern.
Experten aus der Branche sehen in der Maßnahme zwar ein positives Signal für die Kapitalmärkte, betonen aber, dass eine nachhaltige Erholung von der dauerhaften Leistung des Lieferantennetzwerks abhängen wird. Die Lieferkette, insbesondere Spirit AeroSystems, das die Rümpfe der 737 Max liefert, stand in den vergangenen Jahren selbst im Fokus wegen Komponentenengpässen und Nacharbeiten, die den Produktionsfluss bei Boeing störten.
Auswirkungen auf Fluggesellschaften und den Lieferplan
Für die Fluggesellschaften weltweit, die dringend neue Maschinen benötigen, um ihre Flotten zu modernisieren oder das Wachstum zu unterstützen, bietet die höhere Produktionsrate eine Lockerung der Lieferengpässe. Viele Airlines hatten in den letzten Jahren ihre Expansionspläne aufgrund der verzögerten Auslieferungen der 737 Max anpassen müssen.
Die Erhöhung auf 42 Jets pro Monat ist jedoch nur ein vorsichtiger Schritt. Boeing strebt langfristig eine Produktionsrate von 50 oder mehr Flugzeugen pro Monat an. Branchenbeobachter gehen davon aus, dass die Fluggesellschaften eine spürbare Entlastung der Lieferketten erst Anfang 2026 oder später erleben werden. Der Hochlauf wird schrittweise erfolgen und unter der kontinuierlich strengen Aufsicht der FAA stehen. Dies bedeutet, dass Boeing Stabilität und Qualität über Geschwindigkeit stellen muss.
Der erneute Start der Steigerung des Produktionsvolumens muss unter Beweis stellen, dass Boeing seine internen Prozesse nachhaltig verbessert hat. Die Erholung der Reputation bei den Kunden und der breiteren Öffentlichkeit hängt maßgeblich davon ab, ob in der kommenden Phase der Hochproduktion keine weiteren Qualitätsprobleme mehr auftreten. Die Luftfahrtindustrie blickt daher mit einer Mischung aus Optimismus und Skepsis auf die kommenden Monate, in denen Boeing beweisen muss, dass es die hohen Anforderungen der FAA dauerhaft erfüllen kann.
Hintergrund der strengen Aufsicht
Der scharfe Eingriff der FAA Anfang 2024 war die direkte Reaktion auf den Vorfall mit dem Alaska Airlines Flug 1282. Nach diesem Ereignis, das glücklicherweise glimpflich endete, hatte die FAA nicht nur ein Produktionslimit verhängt, sondern auch eine beispiellose Überprüfung der Fertigungslinien und Qualitätssicherungssysteme von Boeing angeordnet. Die behördliche Untersuchung hatte gravierende Mängel in der Qualitätskontrolle des Unternehmens aufgedeckt. Es wurden Fälle dokumentiert, in denen Mitarbeiter nachlässig gearbeitet oder vorgeschriebene Inspektionsverfahren umgangen hatten.
Die erhöhte Aufsicht durch die FAA stellte nicht nur eine kurzfristige Reaktion dar, sondern signalisierte einen grundlegenden Wandel im regulatorischen Umgang mit dem Flugzeughersteller. Über viele Jahre hinweg hatte die FAA Boeing einen großen Teil der Zertifizierungs- und Inspektionsaufgaben selbst überlassen. Nach den Vorfällen rund um die 737 Max sah sich die Behörde gezwungen, die Zügel wieder deutlich anzuziehen und eine direkte, physische Präsenz in den Produktionsstätten zu etablieren. Die nun erfolgte Genehmigung zur leichten Steigerung ist daher nicht als Rückkehr zur alten Praxis zu verstehen, sondern als Anerkennung eines ersten, kontrollierten Fortschritts des Herstellers unter strengster behördlicher Überwachung.