Der deutsche Lufthansa-Konzern erwägt, seine milliardenschweren Bestellungen von Boeing-Flugzeugen künftig über die Schweiz abzuwickeln. Dieser strategische Schachzug, der laut Berichten des „Tages-Anzeigers“ eine Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Regierung vorsieht, zielt darauf ab, das chronische Handelsdefizit zwischen den Vereinigten Staaten und der Schweiz zu verringern und damit die Wahrscheinlichkeit drohender US-Strafzölle zu minimieren.
Die Pläne, deren Einzelheiten von allen Beteiligten noch unter Verschluß gehalten werden, könnten den Erwerb von rund 100 Flugzeugen im Wert von 21 Milliarden Schweizer Franken umfassen. Die Swiss, eine Tochtergesellschaft des Lufthansa-Konzerns, steht bei den Verhandlungen mit US-Vertretern im Zentrum der diplomatischen Bemühungen. Die Maßnahme verdeutlicht die zunehmende Politisierung des globalen Handels und die Notwendigkeit für große Unternehmen, sich aktiv in Handelsfragen zu engagieren, um ihre langfristigen Geschäftsinteressen zu sichern.
Ein diplomatischer Spagat: Die Rolle der Swiss und der Schweizer Regierung
Der „Tages-Anzeiger“ berichtete, daß Swiss-Chef Jens Fehlinger in der vergangenen Woche an einem Treffen in Washington teilnahm, an dem auch die Schweizer Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter und Wirtschaftsminister Guy Parmelin beteiligt waren. Sie führten Gespräche mit hochrangigen US-Regierungsvertretern, darunter Außenminister Marco Rubio. Ziel war es, die Handelsbeziehungen zwischen den USA und der Schweiz zu erörtern und mögliche Lösungen für die angespannte Lage zu finden.
Ein Sprecher der Swiss bestätigte die Gespräche und betonte, daß es insbesondere um „die Rahmenbedingungen für die Einfuhr von Flugzeugen“ gegangen sei. Man habe „mögliche Optionen für den Lufthansa-Konzern, für Swiss, aber auch für die USA und amerikanische Unternehmen“ diskutiert. Die Details der Verhandlungen blieben den Regierungsbehörden vorbehalten.
Dieser diplomatische Einsatz zeigt, wie ernst die Lage in Bern genommen wird. Die Schweizer Regierung ist besorgt über die Handelspolitik der Vereinigten Staaten und die mögliche Verhängung von Zöllen, die die Schweizer Wirtschaft hart treffen könnten. Ein Großteil der Schweizer Exporte in die USA, darunter pharmazeutische Produkte, Uhren und Maschinen, könnte von solchen Maßnahmen betroffen sein. Die Boeing-Flugzeugbestellung des Lufthansa-Konzerns könnte somit als eine Art diplomatisches Instrument genutzt werden, um das Handelsbilanzdefizit optisch zu senken, ohne daß die Vereinigten Staaten tatsächlich zusätzliche Flugzeuge bauen müßten.
Ein cleverer Schachzug zur Umgehung von Handelsbarrieren
Der geplante strategische Umweg über die Schweiz ist nicht die erste Überlegung dieser Art seitens der Lufthansa. In der Vergangenheit hatte der Konzern bereits ähnliche Schritte in Betracht gezogen, um mögliche Gegenzölle der Europäischen Union (EU) zu umgehen. Das jetzige Vorhaben zielt jedoch auf eine andere Konfliktlinie ab: das Handelsdefizit der USA mit der Schweiz.
Der Plan sieht laut Zeitungsbericht vor, daß die Lufthansa-Gruppe rund 100 Boeing-Maschinen, die in den nächsten sieben Jahren erwartet werden, nicht wie bisher üblich über Leasingfirmen in Tiefsteuergebieten wie Malta oder Irland beschaffen, sondern die Abwicklung über die Schweiz organisieren soll. Der Wert dieser Bestellungen wird auf rund 21 Milliarden Schweizer Franken geschätzt. Die Flugzeuge selbst würden nicht zwingend in der Schweiz stationiert, da sie für andere Fluggesellschaften des Konzerns, wie etwa Lufthansa oder Eurowings, vorgesehen seien. Damit hätte der Plan keine direkten Auswirkungen auf die Flotte der Swiss.
Die Lufthansa-Gruppe, die grundsätzlich ein starkes Interesse an einer langfristigen wirtschaftlichen Erfolgsbilanz ihrer Tochtergesellschaft Swiss hat, sieht in diesem Manöver eine Win-Win-Situation:
- Die US-Handelsstatistik würde durch die hohen Importwerte der Flugzeuge aus den Vereinigten Staaten in die Schweiz geschönt.
- Die Schweiz könnte drohende Strafzölle abwenden oder deren Ausmaß verringern.
- Der Lufthansa-Konzern würde die Flugzeuge wie geplant erhalten, ohne die Risiken von Handelskonflikten in Kauf nehmen zu müssen.
Die Maßnahme unterstreicht, daß die Beschaffung von Flugzeugen in der heutigen Zeit nicht nur eine rein wirtschaftliche, sondern auch eine diplomatische und politische Dimension hat. Die Handelsspannungen, die sich unter der neuen US-Regierung verstärkt haben, zwingen internationale Konzerne dazu, ihre Beschaffungs- und Vertriebswege neu zu überdenken.
Hintergründe des Handelskonfliktes: Ein globales Problem
Die Verhandlungen zwischen der Schweiz und den USA sind im Kontext einer breiteren US-Handelspolitik zu sehen, die auf eine Verringerung von Handelsdefiziten abzielt. Seit einiger Zeit kritisiert die amerikanische Regierung, daß viele Länder, darunter auch Deutschland und die Schweiz, einen Handelsüberschuß gegenüber den USA aufweisen. Diese Ungleichgewichte werden oft als unfair empfunden und führen zu Forderungen nach Zöllen und anderen Handelsbarrieren.
Die USA, die sich selbst als Verfechter des Freihandels sehen, setzen die Instrumente der Handelspolitik verstärkt ein, um die heimische Industrie zu schützen und das eigene Handelsdefizit zu korrigieren. Für Länder wie die Schweiz und Deutschland, die stark vom Export abhängig sind, stellen solche Maßnahmen eine erhebliche Bedrohung für die eigene Wirtschaft dar.
In der Vergangenheit gab es bereits mehrfach Konflikte zwischen der EU und den USA über Subventionen für Flugzeughersteller wie Airbus und Boeing. Diese Streitigkeiten führten zu Strafzöllen in Milliardenhöhe. Die jetzige Situation, in der ein deutscher Konzern über seine Schweizer Tochtergesellschaft einen drohenden Handelskonflikt zwischen den USA und der Schweiz zu entschärfen versucht, ist ein Beispiel für die komplexen und miteinander verflochtenen globalen Handelsbeziehungen. Die Gespräche in Washington sind ein deutliches Zeichen dafür, daß die Lösung solcher Konflikte nicht mehr allein von den Regierungen abhängt, sondern auch die aktive Beteiligung von großen multinationalen Unternehmen erfordert. Die Lufthansa-Gruppe, als einer der größten Kunden von Boeing außerhalb der USA, hat in diesem diplomatischen Spiel eine wichtige Rolle zu spielen. Die endgültige Entscheidung über die Abwicklung der Boeing-Bestellungen wird nicht nur die Bilanzen des Konzerns beeinflussen, sondern auch einen Präzedenzfall für die Bewältigung von Handelskonflikten in einer zunehmend protektionistischen Welt schaffen.