Der amerikanische Flugzeughersteller Boeing stellt die Weichen für eine deutliche Steigerung der Produktion seines Langstreckenflugzeugs 787 Dreamliner. Medienberichten zufolge plant der Konzern eine signifikante Erweiterung seines Werkes in Charleston, South Carolina, die es ermöglichen könnte, die monatliche Fertigungsrate weit über die bisherige Maximalzahl von 14 Flugzeugen hinaus zu steigern.
Dies signalisiert Boeings Ambition, die steigende Nachfrage nach Interkontinentalflugzeugen zu bedienen und im Wettbewerb mit Airbus aufzuschließen. Trotz der jüngsten Herausforderungen bei der Qualitätssicherung und den damit verbundenen Auslieferungsproblemen scheint das Management unter der Führung von CEO Kelly Ortberg entschlossen, das 787-Programm zu neuen Höhen zu führen, gestützt auf prall gefüllte Auftragsbücher.
Ambitionierte Pläne für den Dreamliner: Produktion auf Rekordniveau?
Boeing plant nach Informationen des Analystendienstes „Leeham News“, der als konzernnah gilt, einen massiven Ausbau der Produktion seiner 787 Dreamliner in Charleston. Demnach kalkuliert der Flugzeughersteller mit einer Steigerung der monatlichen Fertigungsrate auf bis zu 16 Flugzeuge. Dies wäre eine bemerkenswerte Erhöhung gegenüber der aktuellen Rate von sieben Flugzeugen pro Monat, die Boeing zuletzt erreichte, nachdem die Produktion von fünf Flugzeugen im Monat erhöht wurde. Boeing selbst hat die von „Leeham News“ kolportierte Zahl von 16 Flugzeugen pro Monat nicht offiziell kommentiert, doch Boeing-Chef Kelly Ortberg äußerte sich optimistisch und traut dem Programm auch eine Zehnerrate zu.
Die 787-Produktion hat in den letzten Jahren eine wechselhafte Geschichte erlebt. In den Jahren 2018 und 2019 hatte Boeing die Monatsrate bereits auf 14 Flugzeuge hochgetrieben. Diese Produktion war damals noch auf die Standorte Charleston und das inzwischen geschlossene Stammwerk in Everett verteilt. Der damalige „überschnelle Hochlauf“ brockte der 787-Produktion jedoch massive Qualitätsprobleme ein. Dies führte zu langwierigen Fehlerkorrekturen, die zur Folge hatten, daß Boeing zwischenzeitlich über Monate hinweg keine Dreamliner ausliefern konnte. Diese Herausforderungen stellten nicht nur die Lieferketten auf die Probe, sondern auch das Vertrauen der Kunden und der Aufsichtsbehörden.
Die jetzigen Pläne für eine weitere Produktionssteigerung in Charleston deuten darauf hin, daß Boeing diese Qualitätsprobleme als weitgehend behoben betrachtet und bereit ist, das Tempo wieder anzuziehen. Die Konzentration der 787-Produktion in Charleston, die im Jahr 2021 vollständig abgeschlossen wurde, sollte auch dazu beitragen, die Produktionsprozesse zu straffen und die Effizienz zu steigern. Die Erweiterung des Werkes ist ein klares Signal für Boeings langfristiges Engagement für das 787-Programm und seine Strategie, die steigende Nachfrage im Langstreckensegment zu bedienen.
Globale Nachfrage nach Interkontinentalflugzeugen zieht an
Die optimistischen Produktionspläne Boeings sind eine direkte Reaktion auf eine spürbar anziehende Nachfrage nach Interkontinentalflugzeugen auf dem Weltmarkt. Nach den pandemiebedingten Rückgängen hat sich der globale Luftverkehr, insbesondere auf Langstrecken, erholt. Fluggesellschaften erneuern und erweitern ihre Flotten, um sowohl den Geschäftsreiseverkehr als auch den wachsenden Tourismus zu bedienen.
Auch der europäische Konkurrent Airbus wagt sich im A350-Programm in ähnliche Dimensionen vor. Airbus plant, die monatliche Produktionsrate der A350 bis zum Jahr 2028 auf zwölf Flugzeuge zu erhöhen. Aktuell hält Airbus die Linie aufgrund angespannter Lieferketten konstant bei sechs Flugzeugen pro Monat. Ein erster Ausbauschritt auf zehn Flugzeuge pro Monat soll im Jahre 2026 erfolgen. Diese parallelen Entwicklungen bei den beiden größten Flugzeugherstellern unterstreichen den globalen Trend einer steigenden Nachfrage nach modernen und effizienten Großraumflugzeugen.
Beide Hersteller können sich bei ihren Produktionsausbauten auf prall gefüllte Auftragsbücher stützen. Boeing wies für das 787-Programm zuletzt beeindruckende 1.001 Flugzeuge im Backlog aus. Darunter fallen 696 Bestellungen für die 787-9 und 272 für die größere 787-10. Dies sichert eine langfristige Auslastung der Produktion und gibt dem Konzern die notwendige Planungssicherheit für weitere Investitionen. Airbus hingegen verzeichnet für die A350 derzeit 766 offene Aufträge, darunter 266 für das Topmodell A350-1000. Diese Zahlen verdeutlichen den Bedarf der Fluggesellschaften an neuen Langstreckenflugzeugen, um ältere Modelle zu ersetzen und Kapazitäten auf wachsenden Märkten zu schaffen. Die prall gefüllten Auftragsbücher sind ein starkes Indiz für die Erholung und den Optimismus in der Luftfahrtbranche.
Herausforderungen bei der 737 Max und der Qualitätskontrolle
Während Boeing große Pläne für die 787 hegt, bleibt das krisengebeutelte Programm der 737 Max eine anhaltende Herausforderung. Boeing-Chef Kelly Ortberg hat zwar auch hier einen ambitionierten Hochlaufplan auf 52 Flugzeuge pro Monat abgesteckt, doch die Realität sieht derzeit anders aus. Die US-Luftfahrtaufsicht FAA führt das wichtigste Boeing-Programm nach einer Serie von Pannen und anhaltenden Qualitätsproblemen in der Produktion an „kurzer Leine“. Ortberg gab zuletzt an, daß sich die monatliche Fertigungsrate der 737 Max „in den niedrigen Dreißigern“ bewege.
Die 737 Max war in den letzten Jahren von zwei tödlichen Abstürzen im Jahre 2018 und 2019 überschattet, die weltweit zu einem mehr als 20 Monate dauernden Flugverbot führten. Diese Ereignisse offenbarten gravierende Mängel in der Software und den Sicherheitszertifizierungsprozessen von Boeing. Seit der Wiederzulassung des Flugzeugtyps im Jahre 2020 steht Boeing unter strenger Beobachtung der FAA und anderer internationaler Luftfahrtbehörden.
Die jüngsten Vorfälle, wie der explosive Dekompressionsvorfall einer Alaska Airlines 737-9 im Januar 2024, bei dem ein Türstopfen fehlte, haben die Bedenken hinsichtlich der Qualitätssicherung bei Boeing erneut verstärkt. Die NTSB, die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde, machte Boeing für das Fehlen entscheidender Bolzen verantwortlich und kritisierte die mangelnde Überprüfung im Produktionsprozeß. Solche Vorkommnisse zwingen Boeing, sich intensiv mit seinen Fertigungsprozessen und der Qualitätskontrolle auseinanderzusetzen, was den geplanten Hochlauf der Produktion der 737 Max zusätzlich erschwert. Die kontinuierliche Aufsicht durch die FAA und die Notwendigkeit, das Vertrauen der Kunden und der Öffentlichkeit zurückzugewinnen, sind entscheidende Faktoren für die Zukunft dieses wichtigen Boeing-Programms.
Wettbewerb und Strategie im Flugzeugbau
Die Entwicklungen bei Boeing und Airbus spiegeln den intensiven Wettbewerb im Flugzeugbau wider, insbesondere im Segment der Langstreckenflugzeuge. Beide Hersteller sind bestrebt, ihre Marktanteile zu sichern und von der globalen Nachfrage zu profitieren. Die Investitionen in Produktionskapazitäten sind daher von entscheidender Bedeutung.
Boeings Strategie, die 787-Produktion in Charleston zu konsolidieren und dort massiv auszubauen, zielt darauf ab, die Effizienz zu steigern und die Lieferzeiten für die Kunden zu verkürzen. Die 787-Familie ist ein wichtiger Pfeiler im Produktportfolio von Boeing und bietet eine Reihe von Varianten (787-8, 787-9, 787-10), die verschiedene Reichweiten- und Kapazitätsanforderungen abdecken.
Airbus hingegen setzt auf die A350-Familie, die ebenfalls in verschiedenen Größen erhältlich ist und als direkter Konkurrent zur 787 und Boeings 777 dient. Die Schwierigkeiten in den Lieferketten, die beide Hersteller betreffen, zeigen jedoch, daß der Hochlauf der Produktion eine komplexe Aufgabe ist, die eine enge Koordination mit Zulieferern und eine robuste Qualitätssicherung erfordert. Die globale Luftfahrtindustrie beobachtet gespannt, wie Boeing und Airbus ihre ehrgeizigen Produktionsziele erreichen werden, während sie gleichzeitig die höchsten Sicherheits- und Qualitätsstandards aufrechterhalten müssen.
Boeings Pläne zur Erweiterung des 787-Werks in Charleston und die Ambitionen, die monatliche Produktionsrate des Dreamliners drastisch zu erhöhen, sind ein klares Zeichen für das Vertrauen des Konzerns in die Erholung der Luftfahrtbranche und die steigende Nachfrage nach Langstreckenflugzeugen. Gestützt auf volle Auftragsbücher und im Wettbewerb mit Airbus, der ebenfalls seine A350-Produktion steigern will, scheint Boeing bereit, die Herausforderungen früherer Qualitätsprobleme zu überwinden. Während das 787-Programm optimistisch in die Zukunft blickt, bleibt das 737 Max-Programm aufgrund anhaltender Qualitätsprobleme und strenger Aufsicht durch die FAA eine Baustelle. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Boeing seine ambitionierten Produktionsziele erreichen und gleichzeitig das Vertrauen in seine Fertigungsqualität vollständig wiederherstellen kann.