Nach über einem Monat Arbeitsniederlegung hat der amerikanische Luft- und Rüstungskonzern Boeing eine vorläufige Einigung mit der Gewerkschaft International Association of Machinists and Aerospace Workers (IAM) erzielt. Die Einigung betrifft rund 3.200 Mitarbeiter der Rüstungssparte in den Bundesstaaten Missouri und Illinois, die seit Anfang August die Arbeit niedergelegt hatten.
Die Vereinbarung, die nun den Mitgliedern zur Abstimmung vorgelegt wird, sieht eine Laufzeit von fünf Jahren vor und beinhaltet neben Einkommenserhöhungen auch eine Einmalzahlung. Dieser Schritt ist für Boeing von entscheidender Bedeutung, da das Unternehmen in seiner Rüstungssparte mit erheblichen Verzögerungen und Kostenüberschreitungen bei wichtigen Projekten zu kämpfen hat, was die angespannte Lage des Konzerns weiter verschärft.
Hintergründe des Arbeitskampfes
Der Streik, der am 1. August begann, legte die Produktion von Kampfflugzeugen wie der F-15 und verschiedenen Raketensystemen weitgehend lahm. Die Gewerkschaft, die die Beschäftigten in den Werken in St. Charles, Missouri, und Mascoutah, Illinois, vertritt, hatte in den Verhandlungen mit Boeing höhere Löhne und verbesserte Arbeitsbedingungen gefordert. Als der Arbeitskampf begann, versuchte Boeing, die Produktion durch die Einstellung neuer Mitarbeiter und die Nutzung von externen Arbeitskräften aufrechtzuerhalten.
Der Konflikt in der Rüstungssparte ist nicht das erste Mal, daß Boeing mit einem Arbeitskampf konfrontiert war. Im Herbst des Vorjahres hatte ein monatelanger Streik von Zehntausenden von Arbeitern die Produktion von zivilen Flugzeugen wie dem Bestseller-Modell Boeing 737 und dem Langstreckenjet Boeing 777 lahmgelegt. Dieser weitaus größere Arbeitskampf, der die zivile Sparte betraf, endete, als die Beschäftigten einem neuen Vertrag zustimmten, der über vier Jahre ein Einkommensplus von 38 Prozent vorsah.
Die jüngste Einigung mit der IAM ist ein wichtiger Schritt zur Stabilisierung der Produktion in der Rüstungsabteilung. Das neue Abkommen, dessen Details bis zur Abstimmung der Mitglieder noch nicht vollständig veröffentlicht sind, wird nun über fünf Jahre die Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter festlegen. Eine Einigung ohne eine längere und potenziell kostspieligere Auseinandersetzung ist für Boeing von Vorteil.
Folgen für den Konzern: Eine Krise auf breiter Front
Der Streik in der Rüstungssparte ist nur eine von mehreren Herausforderungen, denen sich Boeing derzeit gegenübersieht. Der Konzern steckt seit Jahren in einer tiefen Krise, die durch eine Reihe von technischen Pannen und Qualitätsproblemen in seiner zivilen Luftfahrtsparte ausgelöst wurde. Diese Schwierigkeiten haben das Vertrauen in die Produkte des Unternehmens erschüttert und zu strengeren Kontrollen durch Aufsichtsbehörden wie die FAA (Federal Aviation Administration) geführt.
Auch in der Rüstungssparte kämpft das Unternehmen mit erheblichen Problemen. Mehrere Großprojekte sind von Verzögerungen und massiven Kostenüberschreitungen betroffen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Umrüstung von zwei Boeing 747-Maschinen zu den neuen Präsidentenflugzeugen der Vereinigten Staaten, den Air Force One-Maschinen. Dieses Projekt, das auch als VC-25B bekannt ist, hat das Budget um Milliarden überschritten und liegt deutlich hinter dem Zeitplan zurück. Ein weiteres kritisches Programm ist die Entwicklung des neuen KC-46-Tankflugzeugs, das ebenfalls mit zahlreichen technischen Schwierigkeiten und Kostenproblemen zu kämpfen hat.
Die Einigung mit der Gewerkschaft ist somit nicht nur eine Lösung für einen akuten Arbeitskonflikt, sondern auch ein kleiner Schritt auf dem langen Weg, die Stabilität im gesamten Konzern wiederherzustellen. Eine effiziente Produktion in der Rüstungssparte ist von entscheidender Bedeutung, um die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der US-Regierung zu erfüllen und das angeschlagene Ansehen des Unternehmens wieder zu verbessern.
Ausblick und strategische Bedeutung
Die Abstimmung über die vorläufige Einigung am kommenden Freitag wird von allen Beteiligten mit Spannung erwartet. Ein „Ja“ der Gewerkschaftsmitglieder würde die Produktion in den betroffenen Werken vollständig wieder anlaufen lassen und die Unsicherheit über die Zukunft der Rüstungsprogramme beenden. Für Boeing wäre dies eine dringend benötigte positive Nachricht inmitten einer Reihe von Rückschlägen.
Der Streik hat gezeigt, daß die Beziehungen zwischen dem Management und den Gewerkschaften weiterhin angespannt sind. Die Forderungen nach besseren Einkommen und Arbeitsbedingungen in beiden Sparten – der zivilen wie der militärischen – spiegeln die allgemeine wirtschaftliche Lage wider. Das Management von Boeing muß in den kommenden Jahren einen Weg finden, die Rentabilität des Konzerns zu steigern, während es gleichzeitig die Qualitätsprobleme behebt und die Arbeitsbeziehungen stabilisiert.
Die Einigung mit der IAM ist ein Indiz dafür, daß beide Seiten an einer Lösung interessiert waren, die eine längere Auseinandersetzung vermeidet. Ob die vorgeschlagenen Konditionen für die Mitarbeiter akzeptabel sind, wird sich bei der Abstimmung zeigen. Für Boeing, das sich in einer fortlaufenden Krise befindet, ist jeder Schritt in Richtung Stabilität ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erholung.