Der amerikanische Luftfahrt- und Rüstungskonzern Boeing hat seinen im Großraum St. Louis streikenden Mitarbeitern ein nachgebessertes Vertragsangebot vorgelegt. Die Offerte beinhaltet eine Verdoppelung des Zeichnungsbonus auf 6.000 US-Dollar sowie Lohnerhöhungen von insgesamt 24 Prozent über einen Zeitraum von fünf Jahren. Mit der Abstimmung am 12. November 2025 steht die Beilegung des wochenlangen Arbeitskampfes, der zentrale Rüstungsprogramme lahmlegte, unmittelbar bevor. Das Ergebnis ist von entscheidender Bedeutung für die Stabilisierung der Fertigungslinien in Boeings wichtigstem Zentrum für Kampfflugzeuge.
Nach über drei Monaten Arbeitsniederlegung bei den bedeutenden Rüstungsfertigungsstätten von Boeing im US-Bundesstaat Missouri hat das Unternehmen einen neuen Versuch unternommen, den Konflikt mit über 3.200 Mitarbeitern zu beenden. Die in der International Association of Machinists and Aerospace Workers (IAM) Local 837 organisierten Arbeiter hatten ihre Arbeit im August 2025 niedergelegt, nachdem sie eine frühere Vertragsofferte abgelehnt hatten. Der seitdem andauernde Streik hat Teile der Verteidigungsproduktion zum Erliegen gebracht und die Aufmerksamkeit von Regierungsvertretern auf sich gezogen, die das Unternehmen eindringlich aufgefordert hatten, die Löhne und Rentenleistungen zu verbessern.
Das neue Vertragsangebot, das Boeing am 10. November 2025 präsentierte, zielt darauf ab, die Hauptkritikpunkte der Gewerkschaft zu entschärfen. Das Herzstück der verbesserten Offerte ist die Verdoppelung des sogenannten Ratifikationsbonus von ursprünglich 3.000 US-Dollar auf nunmehr 6.000 US-Dollar. Zusätzlich bekräftigte der Konzern die bereits geplanten Lohnsteigerungen, die sich über die Laufzeit des Fünfjahresvertrages auf kumulativ 24 Prozent belaufen sollen. In einer internen Mitteilung an die Belegschaft erklärte Steve Parker, Leiter der Sparte Boeing Defense, Space & Security, dass das neue Paket das durchschnittliche Basisgehalt der betroffenen Mitarbeiter von derzeit rund 75.000 US-Dollar auf 109.000 US-Dollar pro Jahr anheben würde.
Finanzielle Anpassungen und der Weg zur direkten Auszahlung
Um den Sofort-Anteil der Vergütung zu erhöhen, nahm Boeing Änderungen an der Struktur der Zusatzzahlungen vor. Das Unternehmen entfernte einen zuvor enthaltenen, aber erst später fälligen Bindungsbonus (retention bonus) in Höhe von 1.000 US-Dollar sowie mehrere Bestimmungen zu gesperrten Aktien-Einheiten. Diese Umschichtung hatte das Ziel, mehr sofort verfügbare Barmittel in Form des erhöhten Ratifikationsbonus an die Mitarbeiter auszuzahlen.
Die Gewerkschaftsmitglieder der IAM Local 837 wurden über die Einzelheiten des neuen Vorschlags informiert und sind aufgerufen, am 12. November darüber abzustimmen. Die rasche Anberaumung der Abstimmung deutet auf den hohen Druck hin, unter dem beide Seiten stehen, um den langwierigen Arbeitskonflikt zu beenden und die Produktion wieder aufzunehmen. Eine Einigung könnte einen der sichtbarsten Arbeitskonflikte in der US-amerikanischen Luft- und Raumfahrtfertigung in diesem Jahr beilegen.
Forderung nach Parität mit dem Seattle-Vertrag der Vorjahre
Der zentrale Knackpunkt im Arbeitskampf war nicht primär die Lohnhöhe, sondern die betriebliche Altersvorsorge. Die Gewerkschaft forderte ein Abkommen, das in seinen Bestimmungen zur Altersvorsorge mit dem Vertrag vergleichbar ist, den Boeing im vergangenen Jahr mit der Belegschaft in der Region Seattle geschlossen hatte.
Während die Mitarbeiter im Raum Seattle von traditionellen Pensionsplänen profitieren, die feste monatliche Leistungen im Ruhestand garantieren, sind die St. Louis-Mitarbeiter auf beitragsorientierte Pläne angewiesen, deren zukünftige Höhe von den Kapitalmärkten abhängt. Die IAM setzte sich dafür ein, dass die Beiträge des Unternehmens zu diesen Rentenplänen signifikant erhöht werden, um eine bessere finanzielle Absicherung im Alter zu gewährleisten. Die Diskrepanz zwischen den Altersvorsorgeleistungen der unterschiedlichen Boeing-Standorte wurde von der Gewerkschaft als Ungleichbehandlung kritisiert und war ein wesentlicher Motor für den Streik. Die jetzt angepasste Offerte, obwohl sie den Fokus auf Sofortzahlungen legt, musste in irgendeiner Form den Forderungen nach einer besseren Absicherung der Mitarbeiter entgegenkommen, um die notwendige Mehrheit für eine Ratifizierung zu erreichen.
Verzögerungen bei strategisch wichtigen Kampfflugzeugprogrammen
Die Anlagen von Boeing in Missouri sind von zentraler strategischer Bedeutung für die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten. Dort werden einige der wichtigsten aktuellen und zukünftigen Militärflugzeuge gefertigt, darunter die modernen Kampfflugzeuge F-15 Eagle II und F/A-18 Super Hornet sowie der fortschrittliche T-7A Red Hawk Trainer.
Die F-15EX Eagle II ist ein Schlüsselprogramm für die Modernisierung der US Air Force Flotte. Die F/A-18 Super Hornet Linie, obwohl in der Auslaufphase, produziert weiterhin Flugzeuge zur Erfüllung internationaler Bestellungen, was die Zuverlässigkeit Boeings als globaler Partner sicherstellt. Besonders kritisch ist der T-7A Red Hawk Trainer, ein neues Trainingsflugzeug, das die alternde Flotte der Air Force ersetzen soll und auf dem Weg zur vollen Serienproduktion für das amerikanische Militär ist. Der dreimonatige Ausfall in der Fertigung hat zu erheblichen Verzögerungen in diesen Programmen geführt.
Die Auswirkungen des Streiks gingen über reine Produktionspläne hinaus. Die Verzögerungen zogen die Aufmerksamkeit von Gesetzgebern in Washington auf sich. Mehrere Kongressmitglieder hatten Boeing öffentlich aufgefordert, den Arbeitskonflikt schnellstmöglich zu lösen, um die Fertigung und Auslieferung von Militärgütern nicht weiter zu gefährden. Der Konflikt in St. Louis unterstrich somit die kritische Abhängigkeit der nationalen Verteidigungsinfrastruktur von stabilen Arbeitsbeziehungen in Schlüsselunternehmen.
Produktion und Rückkehr zur Arbeit
Der Versuch zur Einigung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Boeing ohnehin große Anstrengungen unternehmen muss, um seine Produktionslinien zu stabilisieren. Das Unternehmen kämpft weiterhin mit Engpässen in den Lieferketten und verstärkten Kontrollen der Fertigungsqualität, die das gesamte Luftfahrtgeschäft des Konzerns belasten. Die rasche Beilegung des Streiks ist daher auch aus Sicht des Managements dringend erforderlich, um nicht noch weitere Instabilität hinzuzufügen.
Ein wichtiger Punkt der neuen Offerte ist die Zusicherung, dass alle streikenden IAM-Mitglieder zu ihren Positionen zurückkehren können, ohne dass einer der während des Ausstandes eingestellten Ersatzarbeiter verdrängt wird. Parker versicherte den Mitarbeitern, dass das Unternehmen zwar in einigen Bereichen nun voll besetzt sei, aber alle IAM-Mitglieder ihre Arbeit wieder aufnehmen würden, sollte das Angebot angenommen werden. Diese Garantie ist ein entscheidendes Zugeständnis, um Vertrauen bei den langjährigen Mitarbeitern wiederherzustellen und einen reibungslosen Übergang zurück zum vollen Betrieb zu gewährleisten.
Sollten die Gewerkschaftsmitglieder dem Vertrag am 12. November zustimmen, könnte die Produktion bereits innerhalb weniger Tage wieder hochgefahren werden. Dies würde das Ende eines wochenlangen Stillstands markieren und Boeing die Möglichkeit geben, die Arbeit an seinen Schlüsselprogrammen im Verteidigungsbereich wieder mit voller Kapazität aufzunehmen.