Boom Supersonic, bekannt für die Entwicklung des Überschall-Passagierflugzeugs Overture, hat einen strategischen und unerwarteten Schritt in den Infrastruktursektor für künstliche Intelligenz (KI) vollzogen.
Das Unternehmen hat seine neue Gasturbine mit dem Namen Superpower vorgestellt, eine 42-Megawatt-Einheit, die direkt aus dem Kerntriebwerk des Überschallflugzeugs, dem Symphony-Motor, abgeleitet ist. Unmittelbar zum Start konnte Boom einen bedeutenden Großauftrag in Höhe von 1,25 Milliarden US-Dollar von Crusoe sichern, einem auf Energieversorgung für KI-Infrastruktur spezialisierten Unternehmen. Dieser Auftrag umfasst 29 Superpower-Turbinen und eine geplante Gesamtleistung von mehr als 1,21 Gigawatt, die zur Energieversorgung von Rechenzentren dienen soll.
Diese Entwicklung geht einher mit einer Finanzierungsrunde in Höhe von 300 Millionen US-Dollar, angeführt von Darsana Capital Partners. Boom gibt an, dass diese Kapitalzufuhr ausreicht, um die Entwicklung des Symphony-Triebwerks abzuschließen und die Zertifizierungsarbeiten für den Überschall-Passagierjet Overture fortzusetzen. Die Erschließung des Energiemarktes mit der Superpower-Turbine schafft somit eine neue, kapitalstarke Einnahmequelle, die direkt die ambitionierten Luftfahrtprojekte des Unternehmens finanziert.
Technologische Synergien zwischen Überschallflug und Rechenzentren
Das Kernelement der Superpower-Turbine ist dasselbe Hochdruckkernstück, das Boom für das Symphony-Triebwerk entwickelt hat. Dieses Triebwerk ist darauf ausgelegt, über lange Zeiträume hohen thermischen Belastungen standzuhalten, was für den Dauerbetrieb im Überschallflug unerlässlich ist. Diese Konstruktionsphilosophie erweist sich nun als ideal für die hohen Anforderungen der Energieerzeugung für Rechenzentren.
KI-Rechenzentren verzeichnen weltweit einen rasanten Anstieg des Energiebedarfs, der in vielen Regionen die Kapazitäten der bestehenden Versorgungsunternehmen übersteigt. Die Superpower-Turbine wurde gezielt für diese Marktanforderung entwickelt. Ein entscheidender Vorteil der Turbine liegt in ihrer Fähigkeit, die volle Nennleistung von 42 Megawatt auch bei hohen Umgebungstemperaturen von über 43 Grad Celsius beizubehalten, ohne einen Leistungsabfall zu erleiden, wie er typischerweise bei anderen Gasturbinentypen bei Hitze auftritt.
Ein weiterer kritischer Punkt ist der Wasserverbrauch. Die Superpower-Einheit benötigt im Betrieb kein Wasser, was eine der größten Einschränkungen für den Ausbau moderner Rechenzentren darstellt, insbesondere in ariden Regionen. Blake Scholl, Gründer und CEO von Boom, betonte, dass die Überschalltechnologie nicht nur schnellere Flüge, sondern nun auch einen Beschleuniger für künstliche Intelligenz darstelle. Die nun gesicherte Finanzierung und der Erstauftrag für Superpower stellen sicher, dass Boom sowohl sein Triebwerk als auch sein Flugzeug liefern kann.
Der Boom der KI-Infrastruktur und die Rolle von Crusoe
Der Partner Crusoe ist ein Unternehmen, das sich auf die Nutzung von Energie aus schwer zugänglichen oder anderweitig nicht genutzten Quellen, wie etwa überschüssigem Erdgas, zur Stromversorgung von Rechenzentren spezialisiert hat. Die Partnerschaft mit Boom zielt darauf ab, die Herausforderungen des stark steigenden Energiebedarfs von KI-Anwendungen zu bewältigen.
Chase Lochmiller, Mitbegründer und CEO von Crusoe, erklärte, sein Unternehmen suche aktiv nach Technologien, welche die Effizienz in der realen Welt steigern und die Bereitstellungszeiten von KI-Infrastrukturen verkürzen können. Angesichts der Tatsache, dass die Arbeitslasten im Bereich der KI explosionsartig zunehmen, ist eine dedizierte und zuverlässige Stromquelle, die schnell implementiert werden kann, von entscheidender Bedeutung. Die 29 bestellten Superpower-Turbinen sollen als exklusive Stromversorger für die nächste Generation der KI-Rechenzentren von Crusoe dienen. Die Fähigkeit der Turbine, sowohl Erdgas als auch Diesel zu verbrennen, bietet zudem die notwendige operative Flexibilität und Ausfallsicherheit.
Der Markt für Rechenzentrumsenergie ist von wachsender strategischer Bedeutung. Große Technologiekonzerne und spezialisierte Infrastrukturanbieter wie Crusoe investieren massiv in eigenständige Energiequellen, da die traditionellen Stromnetze vielerorts an ihre Grenzen stoßen. Analysten schätzen, dass der Energiebedarf von Rechenzentren in den kommenden Jahren um ein Vielfaches steigen wird, getrieben durch den Bedarf an komplexen KI-Berechnungen. Die Nutzung von Triebwerkstechnologie aus der Luftfahrt für diesen Zweck stellt eine innovative Querschnittsstrategie dar.
Finanzierung und Produktionspläne
Die jüngste Finanzierungsrunde in Höhe von 300 Millionen US-Dollar, angeführt von Darsana Capital Partners, untermauert das Vertrauen der Investoren in das duale Geschäftsmodell von Boom. Weitere namhafte Investoren sind Altimeter Capital, ARK Invest, Bessemer Venture Partners, Robinhood Ventures und Y Combinator. Darsana Capital betonte, dass Booms Ansatz, zunächst eine hochleistungsfähige Leistungsturbine auf Basis der Überschalltechnologie zu entwickeln, einen intelligenten und kapitaleffizienten Weg darstellt, um ein bedeutendes amerikanisches Industrieunternehmen aufzubauen.
Das durch den Superpower-Auftrag generierte zusätzliche Einkommen soll direkt in die Entwicklung und Zertifizierung des Symphony-Triebwerks und des Overture-Programms fließen. Die Synergien zwischen den beiden Produkten sind klar: Jede Investition in die Kerntechnologie des Symphony-Motors kommt nun auch dem wachsenden Energiegeschäft zugute.
Boom plant eine deutliche Ausweitung seiner Fertigungskapazitäten in den USA, um die Produktion der Turbinen bis 2030 auf über vier Gigawatt jährlich hochzufahren. Dies signalisiert die Ambition, das Energiegeschäft zu einer tragenden Säule des Unternehmens zu machen. Derzeit befinden sich laut Boom 95 Prozent der Kernteile des ersten Symphony-Prototyps bereits in der Produktion. Die Triebwerkstests sollen 2026 am firmeneigenen Teststandort in Colorado beginnen.
Der Overture-Ausblick
Trotz der Erweiterung in den Energiesektor bleibt die Overture das Hauptprojekt von Boom Supersonic. Das Flugzeug ist als Nachfolger der Concorde konzipiert und soll Passagierflüge mit Überschallgeschwindigkeit ermöglichen. Die gesicherte Finanzierung und die neuen Einnahmequellen aus dem Turbinengeschäft entlasten das Overture-Programm finanziell und geben ihm die notwendige Stabilität, um die anspruchsvolle Entwicklungs- und Zertifizierungsphase zu meistern. Der Auftragsbestand für die Overture umfasst derzeit 130 Flugzeuge, mit festen Bestellungen von großen internationalen Fluggesellschaften wie United Airlines, American Airlines und Japan Airlines. Die erfolgreiche Querfinanzierung durch das Superpower-Projekt könnte als Blaupause für andere ambitionierte Luftfahrtprojekte dienen, die hohe Kapitalanforderungen mit der Kommerzialisierung von abgeleiteten Technologien decken wollen. Die Entscheidung von Boom, eine Luftfahrt-Technologie in einem völlig anderen, aber stark wachsenden Marktsegment einzusetzen, ist ein strategischer Schachzug, der das Unternehmen finanziell stärkt und die technische Leistungsfähigkeit des Symphony-Triebwerks unter Beweis stellt.