Der Freischütz in Bregenz (Foto: Bregenzer Festspiele / Karl Forster).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Bregenzer Festspiele 2024: Neuinterpretation von „Freischütz“ begeistert und polarisiert

Werbung

Die Bregenzer Festspiele 2024 boten mit Philipp Stölzls Inszenierung von Carl Maria von Webers „Freischütz“ ein faszinierendes, bildgewaltiges Spektakel, das mit Filmästhetik und kühnen Regieentscheidungen das Publikum spaltete.

In einer beeindruckenden Winterlandschaft auf der ikonischen Seebühne wurde Webers romantische Oper zum Fantasy-Film auf der Bühne, der mit vielen Überraschungen und Interpretationen aufwartete. Stölzl, bekannt für seine innovative Bühnenarbeit, ließ die Grenzen zwischen Theater und Film verschwimmen und schuf ein unvergessliches Gesamterlebnis. Doch nicht alle Opernpuristen fanden Gefallen an der radikalen Neuinterpretation.

Die Inszenierung begann mit einem düsteren Knalleffekt: Noch bevor die Ouvertüre richtig einsetzte, zeigte Stölzl ein tragisches „Unhappy Ending“, in dem Max, der tragische Held der Oper, seine Braut Agathe erschießt und dafür gehängt wird. Doch der Abend entwickelt sich als eine Rückblende, gelenkt vom Teufel Samiel, der das Geschehen sarkastisch und ironisch kommentiert. Diese dramaturgische Wendung gibt der Aufführung eine filmische Struktur, in der der Teufel nicht nur als Bösewicht, sondern auch als humorvoller Erzähler auftritt.

Beindruckende Winterlandschaft auf der Bühne

Die eigentliche Hauptrolle der Inszenierung spielte jedoch die Bühne. Stölzl und sein Team verwandelten die Seebühne in eine faszinierende Winterlandschaft, die an ein düsteres Märchen erinnert. Inspiriert von Pieter Brueghel und Hogsmeade aus den „Harry Potter“-Filmen, erschuf Stölzl eine detailreiche Szenerie aus schneebedeckten Hügeln, windschiefen Häusern, Baumskeletten und Eisschollen. Besonders beeindruckend war eine Flutkatastrophe, die die ohnehin schwer geprüfte Dorfgemeinschaft noch weiter in den Abgrund trieb. Diese visuelle Opulenz war ein wahres Highlight und sorgte für großes Staunen im Publikum.

Stölzls Inszenierung war aber nicht nur eine Augenweide, sondern auch ein technisches Meisterwerk. Besonders die berüchtigte Wolfsschluchtszene, die traditionell von mystischen und gespenstischen Elementen geprägt ist, wurde mit allen Mitteln moderner Bühnentechnik aufgepeppt. Dabei standen Lichteffekte, Videoprojektionen und pyrotechnische Effekte im Vordergrund. Besonders beeindruckend war der Auftritt des „Wilden Heeres“, einer Gruppe marodierender Horden, die im Mythos des Freischütz verwurzelt sind.

Der Freischütz in Bregenz (Foto: Bregenzer Festspiele / Anja Köhler).

Musikalische Überraschungen

Musikalisch setzte Stölzl ebenfalls auf unkonventionelle Wege. Die Partitur von Carl Maria von Weber wurde kräftig gekürzt und umgestellt, um dem filmischen Konzept zu entsprechen. So ließ er beispielsweise das C-Dur-Jubelfinale der Ouvertüre weg und sprang direkt in den „Viktoria!“-Chor. Zusätzlich fügte er eine Geräuschkulisse aus Vogelgezwitscher und Donnergrollen hinzu, die an Edgar-Wallace-Filme erinnerte. Auch Soundtrack-Elemente wie Akkordeon und Kontrabass fanden ihren Weg in die Aufführung, trugen jedoch wenig zur Gesamtwirkung bei.

Diese Inszenierung ging jedoch weit über die Musik hinaus. Stölzl griff tief in die Handlung ein, veränderte Dialoge und Gesangstexte nach eigenem Gutdünken. Max war in dieser Version kein Jäger, sondern ein Amtsschreiber, der bereits von Anfang an nicht als Meisterschütze auftrat. Der Nebenbuhler Kilian, eigentlich eine Nebenfigur, wurde zum forsch auftretenden Rivalen von Max. Die größte Überraschung war wohl die Modernisierung der Frauenfiguren: Agathe, von Nikola Hillebrand gesungen, und ihre treue Freundin Ännchen, dargestellt von Katharina Ruckgaber, entwickelten eine enge Beziehung, die in einer Art „Thelma und Louise“-Moment gipfelte, der die Möglichkeit andeutete, dass die beiden Frauen gemeinsam fliehen könnten.

Trotz dieser kühnen Änderungen überzeugte das Ensemble in vielen Momenten. Nikola Hillebrand steigerte sich von einer eher schwachen „Leise, leise“-Arie zu einer ergreifenden Cavatine im dritten Akt. Mauro Peter als Max traf die Naivität der Figur, kämpfte jedoch in den Höhen mit der Klangfülle seines Tenors. Christoph Fischesser als Kaspar konnte stimmlich nicht ganz die Gefährlichkeit vermitteln, die der Bösewicht der Oper verlangt. Hingegen war Katharina Ruckgaber als Ännchen ein absoluter Publikumsliebling, die mit einem klaren, sauberen Sopran glänzte und ihre erste Arie zu einem Wasserballett sang.

Mozart und Beethoven wagnerisiert

Dirigent Enrique Mazzola, der die Wiener Symphoniker leitete, entschied sich dafür, Weber als Weiterentwicklung von Mozart und Beethoven zu interpretieren, anstatt die Musik zu wagnerisieren. Diese Entscheidung führte zu einer soliden, wenn auch manchmal unscheinbaren musikalischen Darbietung, die jedoch im Zusammenspiel mit Stölzls szenischer Dominanz etwas in den Hintergrund rückte.

Als heimlicher Star des Abends erwies sich Moritz von Treuenfels in der Rolle des Samiel. Sein teuflischer Conferencier verlieh der Inszenierung humorvolle Leichtigkeit, auch wenn manche Kritiker anmerkten, dass Stölzl ihm zu viele gereimte Textpassagen zugestand, die gelegentlich redundant wirkten.

Insgesamt war Stölzls „Freischütz“ ein visuell und szenisch beeindruckendes Spektakel, das mit seiner modernen, filmischen Ästhetik und radikalen dramaturgischen Eingriffen überraschte. Für Liebhaber der klassischen Oper mag es zu gewagten Interpretationen gekommen sein, doch für das breite Publikum war es ein spannendes, mitreißendes und stellenweise überwältigendes Erlebnis. Trotz einiger weniger Buh-Rufe gab es am Ende enthusiastischen Jubel für eine Inszenierung, die die Bregenzer Festspiele 2024 in vielerlei Hinsicht prägte und einen markanten Höhepunkt in der Geschichte dieses renommierten Festivals setzte.

Der Freischütz in Bregenz (Foto: Bregenzer Festspiele / Anja Köhler).
Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung