Die lettische Nationalfluggesellschaft Air Baltic hat zusammen mit ausgewählten Tochtergesellschaften ein freiwilliges Verfahren zur finanziellen Restrukturierung nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts beim zuständigen Bundeskonkursgericht für den Südlichen Distrikt von New York eingeleitet. Die Fluggesellschaft strebt über dieses gerichtliche Verfahren eine Umstrukturierung ihrer Verbindlichkeiten und eine Neuausrichtung der Kapitalstruktur an.
Während der Dauer des Restrukturierungsprozesses läuft der operative Flugbetrieb ohne Unterbrechung weiter. Alle bestehenden Buchungen, Flugpläne und Kundendienstleistungen behalten ihre Gültigkeit. Zur Sicherung der Liquidität und zur Aufrechterhaltung des laufenden Geschäftsbetriebs hat das Unternehmen eine Finanzierungszusage über ein sogenannten Debtor-in-Possession-Darlehen in Höhe von 350 Millionen Euro erhalten. Der Abschluss des gerichtlichen Umstrukturierungsverfahrens ist für Juni 2027 geplant.
Mechanismus des Chapter-11-Verfahrens und operative Weiterführung
Das Restrukturierungsverfahren nach Chapter 11 des US-amerikanischen Insolvenzrechts ermöglicht es Unternehmen, ihren Geschäftsbetrieb unter der Aufsicht eines US-Bundesgerichts fortzuführen, während zeitgleich Verhandlungen mit Gläubigern über den Abbau und die Neustrukturierung von Verbindlichkeiten geführt werden. Für Air Baltic bietet dieser rechtliche Rahmen Schutz vor Gläubigerzugriffen, insbesondere durch Flugzeugleasinggeber und Anleiheinhaber. Die Führung des Unternehmens verbleibt während des Verfahrens beim bestehenden Vorstand sowie beim Aufsichtsrat.
Andrejs Martinovs, Aufsichtsratsvorsitzender von Air Baltic, erklärte, dass die Einleitung des Verfahrens nach eingehender Prüfung verschiedener Handlungsoptionen erfolgte. Ziel sei es, verlässliche Vereinbarungen mit den Gläubigern zu treffen und die Gesamtverbindlichkeiten der Gesellschaft maßgeblich zu reduzieren. Der Vorstand hat die Anweisung, die Anbindung Lettlands und der baltischen Staaten an den internationalen Luftverkehr ununterbrochen aufrechtzuerhalten. Auch Rückerstattungen, Entschädigungsansprüche sowie die Einlösung von Fluggutscheinen und Kundenkreditkarten sollen nach den bestehenden Unternehmensrichtlinien weiterbearbeitet werden.
Finanzierungsstruktur und Konditionen des DIP-Darlehens
Zur Überbrückung des Restrukturierungszeitraums hat sich Air Baltic eine Neufinanzierung in Form eines Debtor-in-Possession-Kredits gesichert. Das Volumen dieser Finanzierung beläuft sich auf 350 Millionen Euro. Arrangiert wurde die Kreditfazilität von der Investmentgesellschaft Strategic Value Partners. Als Geldgeber fungieren ein Konsortium internationaler Finanzinstitute, darunter Barclays, Hayfin Capital Management, Morgan Stanley, Oaktree Capital Management sowie Strategic Value Partners.
Der vereinbarte Zinssatz für das bereitgestellte Kapital setzt sich aus dem Referenzzinssatz SOFR zuzüglich eines Aufschlags von acht Prozentpunkten zusammen, was einer effektiven Verzinsung von derzeit etwa 12 Prozent entspricht. Das Unternehmen wird in den kommenden Tagen die erforderlichen gerichtlichen Genehmigungen beim zuständigen US-Gericht beantragen, um auf die Mittel zugreifen zu können. Zusammen mit den Einnahmen aus dem laufenden Ticketverkauf soll diese Finanzierung die Zahlungsfähigkeit von Air Baltic während des gesamten Verfahrens sicherstellen.
Hintergründe der Finanzlage und Nutzung internationaler Instrumente
Die Inanspruchnahme von Chapter 11 durch Nicht-US-Fluggesellschaften stellt in der internationalen Luftfahrtbranche ein erprobtes Verfahren dar. In den vergangenen Jahren nutzten unter anderem die skandinavische SAS, die brasilianische GOL sowie nordamerikanische Fluggesellschaften wie Delta Air Lines, United Airlines und American Airlines diesen rechtlichen Rahmen. Da wesentliche Verträge von Air Baltic, darunter Flugzeugleasingverträge, Anleihen und Treibstofflieferverträge, nach internationalem Recht verfasst sind und auf US-Dollar- oder Euro-Basis abgewickelt werden, bietet das US-Verfahren die Möglichkeit, diese Verbindlichkeiten in einem einzelnen gerichtlichen Prozess zu gebündeln.
Erno Hildén, Präsident und VorstandsfeSource der Airline, betonte, dass die Maßnahme notwendig sei, um die Effizienz des Betriebes im Rahmen eines überarbeiteten Geschäftsplans zu steigern. Das Unternehmen arbeitet während des Verfahrens mit der Anwaltskanzlei Milbank LLP sowie der Rechtsanwaltskanzlei COBALT zusammen. Als Finanzberater und Investmentbanker wurde das Beratungsunternehmen Seabury Global Aviation Advisors beauftragt. Die operative Informationsübermittlung und die Einreichung von Gerichtsdokumenten erfolgt über den spezialisierten Dienstleister Epiq Corporate Restructuring.
Perspektiven für den baltischen Luftfahrtmarkt
Die lettische Fluggesellschaft Air Baltic nimmt eine zentrale Rolle im Passagier- und Frachtverkehr der drei baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen ein. Neben dem Hauptdrehkreuz am Flughafen Riga betreibt die Gesellschaft weitere Basen in Tallinn und Vilnius. Die Durchsetzung des Restrukturierungsplans soll bis Sommer 2027 abgeschlossen sein und die Verschuldung der Fluggesellschaft auf ein Niveau senken, das aus den laufenden Einnahmen bedient werden kann.
Sollten die Verhandlungen mit den Leasinggebern und Gläubigern erfolgreich verlaufen, strebt das Unternehmen den Austritt aus dem Schutzschirmverfahren mit einer neu strukturierten Bilanz an. Die kommenden Monate werden zeigen, wie die Verhandlungen über die Leasingraten der Flugzeugflotte und die Reduzierung der bestehenden Kapitalmarktverbindlichkeiten verlaufen.