Ein beispielloser Korruptionsskandal erschüttert die politische und wirtschaftliche Elite Madagaskars. Im Zentrum des Geschehens steht eine mysteriöse Transaktion mit fünf Großraumflugzeugen des Typs Boeing 777-200ER, die provisorische Registrierungen der madagassischen Luftfahrtbehörde erhielten und anschließend, mutmaßlich unter Umgehung internationaler Sanktionen, in den Iran geflogen wurden.
Die Untersuchungen, die von der madagassischen Antikorruptionsbehörde (Direction de Coordination Nationale – DCN) und der Antananarivoer Antikorruptionseinheit (Pôle Anti-Corruption – PAC) geführt werden, haben zu der Verhaftung von 22 Personen geführt, darunter hochrangige Beamte der Zivilluftfahrt und leitende Angestellte von Unternehmen. Die Affäre, die laut der Regierung zu einer „erheblichen Peinlichkeit“ führte, zieht weite Kreise und beleuchtet die dunkle Seite des globalen Flugzeughandels.
Der kriminelle Flugzeugtransfer und die Drahtzieher
Die Ermittlungen konzentrieren sich auf eine Operation, die am 15. Juli ihren Höhepunkt erreichte, als die fünf Boeing 777-Flugzeuge vom Siem Reap New Angkor International Airport in Kambodscha nach verschiedenen Orten im Iran überführt wurden. Die Maschinen, die die provisorischen madagassischen Kennzeichen 5R-RIS, 5R-ISA, 5R-HER, 5R-IJA und 5R-RIJ trugen, waren für die iranische Fluggesellschaft Mahan Air bestimmt. Diese Transaktion ist besonders brisant, da Mahan Air unter strengen internationalen Sanktionen steht, die den Kauf und die Übernahme von Flugzeugen aus westlicher Produktion verbieten. Die mutmaßlichen Täter nutzten die madagassische Luftfahrtbehörde als scheinbaren Zwischenstopp, um die Herkunft und den endgültigen Bestimmungsort der Flugzeuge zu verschleiern.
Unter den 22 inhaftierten Personen befinden sich hochrangige Beamte der madagassischen Zivilluftfahrtbehörde (L’Aviation Civile de Madagascar – ACM) sowie indische Staatsbürger, die mit der Firma Udaan Aviation in Verbindung stehen. Letzteres Unternehmen wurde von den Ermittlungsbehörden als ein wichtiger Mittelsmann bei den Transfers identifiziert. Die Anklagen sind schwerwiegend und reichen von Korruption und Geldwäsche über Urkundenfälschung und Verschwörung bis hin zum Missbrauch von Macht und der Gefährdung der Staatssicherheit. Neun weitere Verdächtige sind weiterhin flüchtig, was darauf hindeutet, dass das Netzwerk der Beteiligten weitläufig ist. Die inhaftierten Verdächtigen wurden auf mehrere Gefängnisse in der Nähe von Antananarivo verteilt, während die Untersuchungen des leitenden Untersuchungsrichters der PAC fortgesetzt werden.
Die Rolle internationaler Akteure und politischer Implikationen
Der Skandal ist nicht auf Madagaskar beschränkt. Die Ermittlungen haben Berichten der madagassischen Zeitungen L’Express de Madagascar und Midi Madagasikara zufolge auch die Unterstützung des US-amerikanischen Federal Bureau of Investigation (FBI) in Anspruch genommen. Diese internationale Beteiligung unterstreicht die globale Tragweite des Falls, der die Umgehung von US-Sanktionen gegen den Iran zum Gegenstand hat. Die Ermittler haben Zeugen befragt, Dokumente geprüft und sind weiterhin dabei, die Verbindungen der Verdächtigen aufzudecken.
Auch auf politischer Ebene hat der Skandal Wellen geschlagen. Der ehemalige Transportminister Valéry Ramonjavelo, der am 29. Juli von seinem Posten entlassen wurde, steht ebenfalls im Fokus der Ermittlungen. Sein Fall fällt jedoch in die Zuständigkeit des Hohen Gerichtshofes von Madagaskar, und eine strafrechtliche Verfolgung erfordert eine parlamentarische Genehmigung. Dies macht die Aufarbeitung der politischen Dimension des Skandals zu einem langwierigen und komplexen Prozess. Die Regierung von Präsident Andry Rajoelina hat sich von der Affäre distanziert und betonte, dass weder der Präsident noch seine Familie darin verwickelt seien. Die Entdeckung der Flugzeuge im Iran wurde als eine große Peinlichkeit für das Land beschrieben, da die Dokumente für die Registrierung der Jets gefälscht worden waren.
Ein Blick hinter die Kulissen des Schattenmarktes
Die Affäre um die fünf Boeings gibt einen seltenen Einblick in den Schattenmarkt für den internationalen Flugzeughandel. In Zeiten strenger Sanktionen und geopolitischer Spannungen sind Fluggesellschaften, die auf schwarzen Listen stehen, gezwungen, kreative Wege zu finden, um ihre Flotten zu erhalten oder zu erweitern. Dies führt zur Entstehung von komplexen Netzwerken aus Mittelsmännern, Strohfirmen und korrupten Beamten, die bereit sind, gegen Bezahlung die notwendigen Papiere zu beschaffen und die Spuren zu verwischen.
Die provisorische Registrierung der Flugzeuge in Madagaskar diente offensichtlich dazu, die Transaktion zu legalisieren und die Flugzeuge auf der Reise in den Iran zu tarnen. Die Flugzeuge mit ihren neuen Kennzeichen wären für die Luftraumüberwachung weltweit als madagassische Maschinen aufgetaucht. Solche Operationen untergraben die Integrität des internationalen Luftfahrtsystems und gefährden die Flugsicherheit. Da es sich bei den Flugzeugen um ausgemusterte Maschinen handelt, ist ihre genaue Wartungshistorie und ihr Zustand nach einem solchen Handel oft undurchsichtig. Dies wirft Bedenken hinsichtlich der Sicherheit für die Passagiere auf, die später in diesen Flugzeugen reisen werden.
Die Aufarbeitung des Falles durch die madagassischen Behörden, unterstützt von internationalen Partnern, sendet ein wichtiges Signal aus. Es zeigt, dass auch kleinere Nationen, die oft als schwache Glieder in der Kette der globalen Finanz- und Handelsregulierung gelten, in der Lage sind, gegen Korruption und kriminelle Netzwerke vorzugehen. Das Ergebnis der Untersuchungen und die abschließenden Urteile werden nicht nur für Madagaskar von Bedeutung sein, sondern auch für die internationale Luftfahrtgemeinschaft, die sich mit den Herausforderungen der Sanktionsumgehung auseinandersetzen muss.