Die italienische Nationalfluggesellschaft ITA Airways sieht sich aufgrund der anhaltenden Triebwerksprobleme beim Hersteller Pratt & Whitney mit erheblichen finanziellen Einbußen konfrontiert. Das Unternehmen beziffert den geschätzten Schaden über die nächsten fünf Jahre auf 150 Millionen Euro. Der tägliche Ausfallschaden beläuft sich nach Schätzungen der Airline auf rund 82.000 Euro. Hintergrund ist der notwendige Austausch und die Inspektion von Triebwerken des Typs PW1000, was derzeit fast ein Drittel der Flotte des Unternehmens stilllegt. Die Fluggesellschaft prüft derzeit rechtliche Schritte gegen den Triebwerkshersteller, um die Verluste geltend zu machen.
Die betroffenen Triebwerke der PW1000-Serie, auch bekannt als Geared Turbofan (GTF), sind für ihre höhere Treibstoffeffizienz bekannt, stehen jedoch seit Längerem im Zentrum einer umfangreichen Rückrufaktion. Pratt & Whitney, eine Tochtergesellschaft von RTX Corporation, hatte festgestellt, dass bestimmte Triebwerksteile aus einer fehlerhaften Pulverlegierung gefertigt wurden, was zu mikroskopisch kleinen Verunreinigungen führen kann. Dies erfordert eine außerplanmäßige Entfernung und Inspektion der betroffenen Komponenten, insbesondere der Hochdruckturbinenscheiben, die im schlimmsten Fall zu einem Triebwerksausfall führen können.
Für ITA Airways, die eine Flotte von 101 Flugzeugen betreibt, ist die Situation besonders prekär. Die PW1000-Triebwerke kommen bei insgesamt 52 Flugzeugen der Airline zum Einsatz. Aktuell sind 22 Flugzeuge, was etwa 28 Prozent der Gesamtflotte entspricht, aufgrund dieser Triebwerksproblematik außer Betrieb. Die Stilllegung dieser signifikanten Anzahl von Flugzeugen beeinträchtigt die operative Planung massiv und zwingt das Unternehmen zur Stornierung von Flügen und zur Reduzierung von Frequenzen. Die überwiegende Mehrheit der betroffenen Flugzeuge bei ITA Airways sind die modernen Mittelstreckenjets der Airbus A320neo-Familie, insbesondere die A320neo und A321neo, sowie möglicherweise einige A220-Modelle, die ebenfalls mit den betroffenen Triebwerksvarianten ausgestattet sind.
Geschätzter Schaden und rechtliche Erwägungen
Die bezifferte Schadenssumme von 150 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren spiegelt die vielfältigen Kosten wider, die durch die erzwungene Bodenhaltung entstehen. Zu diesen Kosten gehören nicht nur entgangene Umsätze aus stornierten Flügen und die damit verbundenen Kosten für die Umbuchung von Passagieren oder Kompensationszahlungen. Hinzu kommen erhebliche Betriebskosten, etwa für die Anmietung von Ersatzflugzeugen im Rahmen von Wet-Lease-Vereinbarungen, um den Flugplan so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. Auch die Kosten für die Lagerung der nicht flugfähigen Maschinen und die Logistik rund um den Triebwerksaustausch und die Wartungsintervalle fallen ins Gewicht.
Die tägliche Belastung von 82.000 Euro verdeutlicht die Dringlichkeit der Situation. Die strategische Entscheidung von ITA Airways, die PW1000-Triebwerke in großem Umfang in ihre Flotte zu integrieren, war ursprünglich von der Aussicht auf niedrigere Betriebskosten und eine verbesserte Treibstoffeffizienz getragen. Die aktuellen Probleme kehren diesen Vorteil jedoch in einen massiven Nachteil um. Die Überlegung, den Triebwerkshersteller Pratt & Whitney auf Schadensersatz zu verklagen, ist ein deutliches Zeichen für die Frustration der Airline angesichts der Dauer und des Ausmaßes des Problems. Sollte es zu einer Klage kommen, würde sich ITA Airways in eine wachsende Gruppe von Fluggesellschaften einreihen, die Schadensersatz für Betriebsunterbrechungen und die Kosten für Ersatzteile und Reparaturen fordern.
Auswirkungen auf den globalen Flugverkehr
Das Triebwerksproblem von Pratt & Whitney betrifft nicht nur ITA Airways. Weltweit sind zahlreiche Fluggesellschaften und Hunderte von Flugzeugen, die mit GTF-Triebwerken ausgestattet sind, von den notwendigen Inspektionen betroffen. Große Fluggesellschaften in Nordamerika, Europa und Asien kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen, was zu einer globalen Kapazitätsverknappung bei Kurz- und Mittelstreckenflügen führt.
Die Herausforderung für Pratt & Whitney liegt in der schieren Anzahl der zu inspizierenden Triebwerke und den daraus resultierenden langen Warteschlangen. Der Hersteller hat bereits angekündigt, die Produktionskapazitäten für die Ersatzteile und die Überholung deutlich zu erhöhen, räumte aber ein, dass der Prozess zur vollständigen Behebung des Problems mehrere Jahre in Anspruch nehmen wird. Für Fluggesellschaften bedeutet dies, dass sie ihre langfristigen Flotten- und Einsatzplanungen auf der Grundlage eines reduzierten Flugzeugbestandes vornehmen müssen. Einige Analysten sprechen bereits von einer strukturellen Reduktion der globalen Flugkapazität in den kommenden Jahren, solange die Triebwerke nicht wieder vollständig in Betrieb genommen werden können.
Operative und finanzielle Komplexität der Luftfahrtbranche
Der Fall von ITA Airways illustriert die finanzielle und operative Anfälligkeit der Luftfahrtindustrie gegenüber Problemen in der Lieferkette und bei wichtigen Zulieferern. Fluggesellschaften sind auf die Zuverlässigkeit von Triebwerksherstellern angewiesen, da Triebwerke zu den teuersten und wichtigsten Komponenten eines Flugzeugs gehören. Eine Störung in diesem Bereich kann die Wirtschaftlichkeit eines gesamten Flugbetriebs gefährden.
Für ITA Airways, die sich in einer Phase der Neuausrichtung und Konsolidierung befindet, stellen die zusätzlichen Kosten eine erhebliche Belastung dar. Die Airline, die aus der Insolvenz der Alitalia hervorgegangen ist, bemüht sich um den Aufbau eines stabilen und wettbewerbsfähigen Betriebs. Die Triebwerksprobleme kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Luftfahrtbranche versucht, sich von den Auswirkungen der globalen Pandemie zu erholen und die steigende Nachfrage zu bedienen. Die Notwendigkeit, einen Großteil der modernen Flotte am Boden zu lassen, konterkariert die Bemühungen um eine Steigerung der operativen Effizienz und des Marktanteils in einem hart umkämpften Umfeld. Die Entscheidung über eine Klage gegen Pratt & Whitney wird daher nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine strategische Dimension für die Zukunft von ITA Airways haben.