Boeing 777 (Foto: InSapphoWeTrust).
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Defizite in der US-Luftfahrtaufsicht: Prüfbericht bemängelt personelle Engpässe bei der Wartungskontrolle von United Airlines

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Ein aktueller Untersuchungsbericht des Generalinspektors im US-Verkehrsministerium hat gravierende Lücken in der staatlichen Überwachung der Wartungspraktiken bei United Airlines aufgedeckt. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass die Federal Aviation Administration (FAA) derzeit weder über die personellen Kapazitäten noch über die notwendigen Planungskonzepte verfügt, um die technischen Abläufe bei einer der weltweit größten Fluggesellschaften lückenlos zu kontrollieren.

Besonders kritisch wird hervorgehoben, dass Inspektionen teilweise virtuell durchgeführt wurden, um Verzögerungen durch Personalmangel zu kaschieren, anstatt die physische Präsenz vor Ort sicherzustellen. Die Diskrepanz zwischen der wachsenden Flottenstärke von United Airlines und der Anzahl der zugewiesenen Aufsichtsbeamten hat demnach ein Ausmaß erreicht, das die effektive Identifizierung von Sicherheitsrisiken erschwert. Während die Behörde Besserung gelobt, wirft der Bericht grundlegende Fragen zur Stabilität des US-Aufsichtsmodells in Zeiten eines hohen Generationswechsels innerhalb der Belegschaft auf.

Struktureller Personalmangel und hohe Fluktuation

Im Zentrum der Kritik steht die personelle Ausstattung des FAA-Büros, das speziell für die Überwachung des Wartungsprogramms von United Airlines zuständig ist. Die Auditoren stellten fest, dass etwa ein Drittel der Stellen in diesem Bereich unbesetzt ist. Erschwerend kommt eine hohe Fluktuation hinzu, die den Erhalt von Expertenwissen innerhalb der Behörde gefährdet. Laut dem Bericht versäumte es die FAA über Jahre hinweg, eine proaktive Nachfolgeplanung für ausscheidende Mitarbeiter und Pensionierungen zu etablieren. Dies führte dazu, dass die verbliebenen Teams mit einer Arbeitslast konfrontiert sind, die eine umfassende Kontrolle der komplexen Wartungszyklen kaum zulässt.

Ein besonders deutliches Beispiel für das Missverhältnis der Ressourcen ist die Zuweisung von Inspektoren zu den verschiedenen Flugzeugtypen. Während United Airlines mehr als 500 Maschinen des Typs Boeing 737 betreibt, waren diesem Teil der Flotte lediglich vier Inspektoren fest zugewiesen. Im direkten Vergleich dazu wurden für die Überwachung der deutlich kleineren Flotte von 53 Boeing 767 drei Inspektoren abgestellt. Diese statistische Verzerrung verdeutlicht laut den Prüfern, dass die FAA ihre Ressourcen nicht nach dem tatsächlichen Arbeitsaufkommen oder der Flottengröße ausrichtet, sondern nach veralteten Verteilungsschlüsseln agiert.

Virtuelle Inspektionen als Notlösung

Um den gesetzlichen Anforderungen an die Häufigkeit von Kontrollen trotz des Personalmangels gerecht zu werden, griff die FAA vermehrt auf digitale Fernüberprüfungen zurück. Der Bericht des Generalinspektors stuft diese Praxis als unzureichend ein, um komplexe mechanische Risiken oder die Qualität der handwerklichen Ausführung in den Wartungshangars zu beurteilen. Eine physische Inspektion vor Ort sei durch Videocalls oder die Prüfung digitaler Dokumente nicht gleichwertig zu ersetzen. Dass die Behörde diesen Weg wählte, um Statistiken zu schönen, anstatt personelle Verstärkung einzufordern, wird im Audit als systemisches Versagen gewertet.

Die Untersuchung geht auf eine Reihe von Vorfällen im frühen Jahr 2024 zurück. Damals geriet United Airlines durch technische Pannen, darunter verlorene Reifen und Triebwerksprobleme, verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Die FAA reagierte mit einer erhöhten Prüfdichte, doch der aktuelle Bericht legt nahe, dass die Behörde zu diesem Zeitpunkt bereits an ihrer Kapazitätsgrenze operierte und die zusätzliche Last kaum bewältigen konnte.

Herausforderungen durch Outsourcing und Datenzugriff

Ein weiterer kritischer Punkt betrifft den Zugriff der Aufsichtsbehörde auf Echtzeitdaten der Fluggesellschaft. Große Carrier wie United nutzen ein weitreichendes Netzwerk aus eigenen Hubs, externen Wartungsbetrieben und internationalen Dienstleistern. Um Trends und potenzielle Sicherheitsmängel frühzeitig zu erkennen, bevor sie zu Zwischenfällen führen, benötigt die FAA einen unmittelbaren und tiefgreifenden Einblick in die Wartungsdatenbanken des Unternehmens. Der Bericht stellt fest, dass dieser Zugriff oft verzögert oder unvollständig erfolgt, was die präventive Arbeit der Inspektoren behindert.

Da Fluggesellschaften zunehmend Wartungsarbeiten an externe Drittanbieter auslagern, dehnt sich der Verantwortungsbereich der FAA geografisch und organisatorisch immer weiter aus. Ohne eine entsprechende Anpassung der Planungssoftware und der Datenanalyse-Tools hinkt die Behörde der technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Branche hinterher. Der US-Verkehrsminister hat bereits signalisiert, dass die Digitalisierung der Aufsichtsprozesse beschleunigt werden muss, doch ohne das entsprechende Fachpersonal bleiben auch moderne Tools wirkungslos.

Systemkrise in der US-Luftverkehrsaufsicht

Die Erkenntnisse des Generalinspektors fallen in eine Phase, in der die FAA ohnehin unter scharfer Beobachtung steht. Nach den Turbulenzen um die Qualitätskontrollen beim Flugzeughersteller Boeing steht nun die Überwachung der Fluggesellschaften selbst im Rampenlicht. Kritiker werfen der FAA vor, zu eng mit der Industrie verflochten zu sein und bei der Durchsetzung von Reformen ein zu langsames Tempo vorzulegen. Der Bericht untermauert die These, dass die Sicherheit im Luftverkehr nicht allein durch strenge Vorschriften, sondern primär durch deren konsequente und personell unterlegte Kontrolle gewährleistet wird.

Obwohl der Bericht explizit nicht behauptet, dass Maschinen von United Airlines aktuell unsicher seien, warnt er eindringlich vor den langfristigen Folgen einer lückenhaften Aufsicht. Sicherheitslücken entstehen oft schleichend, wenn kleine Mängel aufgrund fehlender Erfahrung der Kontrolleure oder Zeitdruck bei den Inspektionen übersehen werden. Das US-Aufsichtsmodell verlässt sich in hohem Maße auf die Eigenverantwortung der Carrier, doch dieses Vertrauen setzt eine starke und präsente staatliche Kontrolle als Korrektiv voraus.

Reaktionen und geplante Maßnahmen

Die FAA hat auf die Vorwürfe reagiert und angekündigt, ihre Strategien für die Personalplanung und die Überwachung grundlegend zu überarbeiten. Geplant sind unter anderem neue Einstellungsverfahren für qualifizierte Techniker sowie eine verbesserte Ressourcenzuweisung, die sich dynamisch an der Flottenentwicklung der überwachten Airlines orientiert. Zudem sollen Investitionen in die IT-Infrastruktur den Datenaustausch zwischen den Fluggesellschaften und der Behörde optimieren.

Branchenexperten betonen, dass der Wettbewerb um qualifiziertes Personal in der Luftfahrtindustrie derzeit extrem hart ist. Die FAA konkurriert direkt mit den attraktiven Gehältern der privaten Luftfahrtkonzerne um dieselben Spezialisten. Um die vakanten Stellen dauerhaft zu besetzen, müsste die Behörde nicht nur ihre Rekrutierungsprozesse verbessern, sondern auch als Arbeitgeber wettbewerbsfähiger werden. Für die Passagiere bleibt die Hoffnung, dass die nun angestoßenen Reformen ausreichen, um das Vertrauen in die lückenlose staatliche Überwachung des US-Himmels wiederherzustellen.

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