Die Vereinigten Bühnen Wien wagen sich mit „Maria Theresia – Das Musical“ an eine der komplexesten und prägendsten Figuren der österreichischen Geschichte. Das im Ronacher uraufgeführte Werk stellt sich nicht nur dem historischen Gewicht der ersten weiblichen Monarchin der Habsburgermonarchie, sondern auch dem unvermeidlichen Vergleich mit früheren VBW-Erfolgen, insbesondere dem Kultmusical Elisabeth. Intendant Christian Struppeck und sein Kreativteam präsentieren eine moderne Inszenierung, die bewusst mit den Konventionen des Historienmusicals bricht, um eine „Kaiserin der Popkultur“ zu erschaffen.
Das Ergebnis ist ein bildgewaltiges, fast dreistündiges Spektakel, das technische Opulenz und einen modernen Soundmix aus Rap, Pop und klassischen Musicalsounds vereint. Die Produktion ist ein ambitioniertes Unterfangen, das sich zwischen der tiefen historischen Erzählung von Macht, Liebe und Reform und dem Wunsch nach einem zeitgemäßen, dynamischen Bühnenerlebnis bewegt. Wo das Stück an visueller Kraft und darstellerischer Intensität überzeugt, lässt es in der musikalischen Profilierung und der psychologischen Durchdringung der Hauptfigur gelegentlich Wünsche offen. Es ist ein glänzendes, bisweilen überfrachtetes Denkmal für eine Frau, die in einer von Männern dominierten Welt ihren eigenen Weg ging – und die Frage aufwirft, wie viel Authentizität für die Inszenierung einer Ikone geopfert werden darf.
Ein historisches Erbe im zeitgenössischen Gewand
Das Musical widmet sich der zentralen Herausforderung Maria Theresias: der Übernahme eines maroden Reiches im Angesicht europäischer Mächte, die ihre Herrschaft von Anfang an infrage stellten. Die historische Maria Theresia (1717–1780) war bekannt für ihren strategischen Weitblick, ihre weitreichenden Reformen und ihre Rolle als liebende Ehefrau und Mutter von sechzehn Kindern. Das Buch des Musicals, dessen Autoren die Gratwanderung zwischen Fakt und Fiktion meistern mussten, komprimiert die vierzigjährige Regentschaft zu einem packenden Drama, das die Konfliktlinien schärft. Um Spannung zu erzeugen und die Figur für ein modernes Publikum zugänglich zu machen, nehmen sich die Macher jedoch weitreichende künstlerische Freiheiten.
Der militärische und politische Konflikt mit Friedrich II. von Preußen, dem Antagonisten der Kaiserin, wird in eine fast schon romantisch-toxische Rivalität überführt, ein emotional aufgeladenes Duell, das über die historischen Gegebenheiten hinausgeht. Diese Fokussierung auf das Duell zweier historisch bedeutender Figuren bietet zwar dramaturgisches Feuer, läuft aber Gefahr, die tatsächliche Komplexität der theresianischen Reformen und die Rolle Franz Stephans von Lothringen als Mitregent und Ehemann zu vereinfachen. Die Produktion verfolgt unmissverständlich das Motto: „Der Mann des Jahrhunderts – das war eine Frau!“ und zielt darauf ab, Maria Theresia als progressive, entschlossene Visionärin darzustellen, die ihren „Mann stehen“ musste. Obwohl historische Ungenauigkeiten in Musicals gängige Praxis sind, ist die Ambivalenz der Kaiserin, die zwischen aufgeklärtem Absolutismus und strengem Katholizismus rang, nur angedeutet. Das Stück inszeniert weniger eine Biografie als vielmehr das Entstehen einer Legende.

Inszenierung zwischen Barockprunk und LED-Kinetik
Das Bühnenbild von Morgan Large ist zweifellos das beeindruckendste und aufwendigste Element der gesamten Produktion. Es handelt sich um eine dynamische, kinetische Konstruktion, die permanent in Bewegung ist und die ständigen Schauplatzwechsel – vom Hof über das Schlachtfeld bis zum Boudoir – nahtlos ermöglicht. Ein zentrales Element ist die innovative Verwendung von LED-Technik und Videoprojektionen, die nicht nur Kulissen ersetzen, sondern auch emotionale Zustände und die Wucht historischer Ereignisse visualisieren. Metallische Gerüste, die an einen industriellen oder düsteren Untergrund erinnern, vermitteln phasenweise einen modernen, fast dystopischen Touch und stellen einen starken Kontrast zum sonst erwarteten Barockprunk dar.
Diese visuelle Opulenz, unterstützt durch ein komplexes Lichtdesign, generiert einen Sog, der das Publikum von Szene zu Szene mitreißt. Die Kostüme von Aleksandra Kica unterstreichen die moderne Lesart. Sie sind eine bewusste Mischung aus Gegenwart und Historie, in der sich pompöse Roben mit modernen Schnitten, leuchtenden Farben und, auffälligerweise, Turnschuhen verbinden. Dieser Stilbruch ist beabsichtigt, um die historische Figur aus der Verstaubtheit zu holen und sie als zeitlose „Kaiserin der Popkultur“ zu etablieren. Technisch betrachtet ist die Inszenierung hochprofessionell und spektakulär. Die Choreografien von John Hol sind flott, präzise und nutzen die gesamte Ensemblegröße aus, um die Masse und das Chaos von Hofintrigen und Kriegen darzustellen. Lediglich ein kurzer technischer Ausfall während der Premiere zeigte die Komplexität des Aufbaus, konnte aber die Spielfreude des Ensembles und die Begeisterung des Publikums nicht trüben.

Klanglandschaften der Macht – Die Musik der Väter und Söhne
Die Komposition von Dieter und Paul Falk, Vater und Sohn, zeichnet sich durch einen modernen, musikalischen Eklektizismus aus. Das Komponisten-Duo hat eine Partitur geschaffen, die sich aus verschiedenen Genres bedient: von klassischen Musical-Balladen, über rockige Ensemblenummern mit pulsierenden Beats bis hin zu Elementen aus Rap und Hip-Hop. Dieser Ansatz spiegelt den Versuch der Inszenierung wider, Geschichte und Zeitgenössisches miteinander zu verschmelzen. Die Musik ist handwerklich solide arrangiert und bietet den Darstellern ausreichend Raum zur stimmlichen Entfaltung. Allerdings zeigt sich hier eine der Hauptkritikpunkte an der Produktion:
Trotz der Vielseitigkeit und des modernen Sounds fehlt es der Musik an einem unverwechselbaren Profil und an den großen, sofort eingängigen Ohrwürmern, die oft den Erfolg großer VBW-Eigenproduktionen definieren. Viele Stücke sind schnell wieder vergessen und wirken wie ein Potpourri aus gängigen Musical-Standards. Besonders die Verwendung von Rap-Passagen für Dialoge oder innere Monologe sorgte für geteilte Meinungen. Während einige Zuschauer diese Elemente als mutig und zeitgemäß empfanden und eine Brücke zur Jugend sahen, wirkten sie auf andere Kritiker bisweilen ermüdend oder deplatziert im Kontext eines historischen Epos. Der Sound der Produktion ist daher weniger eine musikalische Revolution als vielmehr eine gelungene, aber nicht immer kohärente Collage, die ihr Ziel erreicht, die Handlung mit Energie und Dynamik voranzutreiben. Die musikalische Leitung sorgt jedoch für eine durchweg hohe Qualität der Darbietung des Orchesters.

Im Zentrum des Sturms – Darstellerische Leistungen
Die Besetzung ist der stabilisierende Pfeiler des Musicals. In der Titelrolle brilliert die Niederländerin Nienke Latten, die die immense Aufgabe meistert, die Kaiserin über drei Stunden hinweg zu verkörpern. Latten besticht durch ihre starke Bühnenpräsenz und eine kraftvolle, klare Stimme, die die vokalen Anforderungen souverän erfüllt. Sie überzeugt vor allem in den Szenen, in denen sie die Macht und den unbeugsamen Willen der Monarchin darstellt. Ihr gelingt es, Maria Theresia als Repräsentantin des Reiches eindrucksvoll auf die Bühne zu bringen. Ein Kritikpunkt, der in vielen Rezensionen genannt wird, betrifft die emotionale Distanz, die ihre Darstellung zeitweise vermittelt. Der innere Konflikt zwischen der politischen Pflicht und der persönlichen Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, insbesondere in der Beziehung zu ihren Kindern, kommt nicht immer mit der notwendigen psychologischen Tiefe zum Tragen, was jedoch auch auf die Schnelldurchlauf-Art der Geschichtserzählung zurückzuführen ist.
Ihr Ehemann, Franz Stephan von Lothringen, wird von Fabio Diso zurückhaltend, aber charmant und glaubwürdig gespielt. Diso verleiht dem oft unterschätzten Gemahl eine feine emotionale Tiefe, besonders in den ruhigeren Momenten, auch wenn seine Rolle als männlicher Gegenpart zu Theresia und Friedrich oft in den Hintergrund gedrängt wird. Gesanglich liefert er eine solide Leistung, die das Ensemble harmonisch ergänzt.
Der eigentliche darstellerische Höhepunkt für viele Kritiker ist Moritz Mausser als Friedrich II. von Preußen. Mausser, der bereits durch seine Darstellung in Rock Me Amadeus bekannt ist, liefert eine diabolische und ausdrucksstarke Performance. Seine Rolle ist die dankbarste des Stücks: Er dient nicht nur als militärischer Rivale, sondern auch als emotionaler Spiegel der Kaiserin und erhält einen Sub-Plot um seine verbotene Liebe. Mausser nutzt diese Ambivalenz stimmlich kraftvoll, präzise und mit einem feinen Gespür für Dynamik. Er verkörpert den Antagonisten mit einer schauspielerischen Intensität, die die Bühne dominiert und ihm zu den einprägsamsten Soli verhilft. Sein Friedrich II. ist der interessanteste Charakter, der die ansonsten stark auf Maria Theresia zentrierte Erzählung mit notwendiger Schärfe versieht.

Bilanz einer neuen Ära des Historienmusicals
„Maria Theresia – Das Musical“ ist in seiner Gesamtheit ein Statement der Vereinigten Bühnen Wien: Es ist der Versuch, das historische Epos neu zu definieren und es von den Schatten früherer Produktionen zu lösen. Die Produktion setzt auf Dynamik, visuelle Überwältigung und einen modernen Zugang, um auch ein junges Publikum anzusprechen, das vielleicht durch Serien wie Bridgerton an eine zeitgenössische Interpretation historischer Stoffe gewöhnt ist. Die Uraufführung war ein Erfolg, der bereits im Vorverkauf Rekorde aufstellte und vom Premierenpublikum mit frenetischem Jubel und stehenden Ovationen gefeiert wurde.
Das Musical ist handwerklich makellos, hoch budgetiert und visuell eindrucksvoll. Es bietet großes Unterhaltungstheater, das die Besucher emotional mitreißt. Die Frage, die jedoch bleibt, ist, ob in der Jagd nach der „Kaiserin der Popkultur“ die historische Tiefe und die psychologische Zerrissenheit der Maria Theresia ausreichend gewürdigt werden. Anstatt Ambivalenz zu zeigen, feiert das Musical die Heldin, was dem Stück eine klare Linie verleiht, aber auch die Möglichkeit einer tiefgründigeren Auseinandersetzung mit der Herrscherin des 18. Jahrhunderts schmälert. Es ist kein revolutionäres, aber ein mutiges und spektakuläres Bühnenerlebnis, das die Tradition der Wiener Eigenproduktionen fortsetzt und in der österreichischen Kulturlandschaft einen festen Platz einnehmen wird. Es ist ein glänzender Erfolg für alle, die ein mitreißendes, energiereiches und optisch atemberaubendes Musical-Erlebnis suchen, das Geschichte auf eine frische, wenn auch vereinfachte Weise, neu erzählt.
