Deutschland: Die türkischen Leiharbeiter kommen zu spät

Flughafen München (Foto: Michael Fritz).
Flughafen München (Foto: Michael Fritz).

Deutschland: Die türkischen Leiharbeiter kommen zu spät

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In Deutschland werden große Hoffnungen darin gesetzt, dass Mithilfe von Leiharbeitern aus der Türkei das momentane Chaos, das an vielen Airports herrscht, behoben werden kann. Allerdings können nur sehr wenige während der Hauptreisezeit eingesetzt werden, denn Schulungen und Sicherheitsüberprüfungen müssen absolviert werden.

Bereits die erste Ankündigung, dass man eine türkische Leiharbeitsfirma an der Hand habe, die quasi sofort rund 2.000 Flughafen-Facharbeiter, die über alle notwendigen Ausbildungen und Bescheinigungen verfügen, sorgte bei Brancheninsidern für Kopfschütteln. Woher will denn eine türkische Zeitarbeitsfirma so viele Menschen hernehmen, die quasi „schlüsselfertig“ an deutsche Airports vermittelt werden können? Und logische Folgefrage: Warum arbeiten diese nicht in ihrer Heimat? Es ist ja nicht so, dass die türkischen Flughäfen Personal im Überfluss haben. Das Gegenteil ist der Fall, denn auch in diesem Staat werden händeringend Luftfahrt-Mitarbeiter gesucht.

Nach und nach kommt ans Licht, dass es tatsächlich um viele Leiharbeiter aus der Türkei geht, jedoch stimmen die Realität und die ursprünglichen Ankündigungen nicht so ganz überein. Dazu kommen auch rechtliche und bürokratische Umstände: Auch wenn man entsprechende Schulungen bzw. Sicherheitsüberprüfungen in der Türkei hat, so sind diese in Deutschland nur wenig wert, da insbesondere letztere neu gemacht werden muss. Vorschrift ist Vorschrift und daran ändert auch nichts, dass sich die deutsche Bundesregierung nach anfänglichem Zögern für den Einsatz des Leihpersonals aus der Türkei ausspricht.

Arbeitgeber müssen mindestens 14,25 Euro pro Stunde bezahlen

Die deutsche Bundesagentur für Arbeit hat nun grundsätzlich grünes Licht gegeben, aber gleichzeitig auch verfügt, dass mindestens 14,25 Euro pro Arbeitsstunde bezahlt werden müssen. Weiters müssen die tariflich vorgesehenen Zuschläge bezahlt werden und die Arbeitgeber haben für die Dauer des Einsatzes, der auf vorerst drei Monate befristet bewilligt werden kann, eine angemessene Unterkunft zur Verfügung stellen.

Sofort können sich die türkischen Leiharbeiter nicht auf den Weg nach Deutschland machen, denn die deutsche Bürokratie hat da etwas dagegen. Zunächst muss jeder für sich ein so genanntes Arbeitsvisum beantragen. Dazu sind allerhand Unterlagen über die Botschaft einzureichen. Die Regierung erklärt zwar, dass man die Verfahren beschleunigen möchte, aber nach dem Motto „Coffee to Go“ läuft es nicht. Die Wartezeit beträgt in etwa drei Wochen, wobei damit zu rechnen ist, dass es aufgrund der Vielzahl der Anträge eher länger dauern wird.

Angenommen der Leiharbeiter reicht seine Papiere, die er für das Arbeitsvisum benötigt, heute an. Dann kann er so Ende Juli/Anfang August 2022 mit der Genehmigung rechnen. Je nachdem welchen Job er dann ausüben wird, ist mit einer Einschulungszeit von drei bis sechs Wochen zu rechnen. Auch die für die Arbeit notwendige Sicherheitsüberprüfung ist noch zu absolvieren. Zählt man die gesamte Vorlaufzeit zusammen, so ergibt sich rasch das Ergebnis, dass die Hauptreisezeit (Sommerferien) dann schon wieder vorbei ist.

Arbeitseinsatz bis maximal 6. November 2022 befristet

Das deutsche Arbeitsamt hat noch eine weitere Hürde eingebaut. Und zwar ist der Arbeitseinsatz in Deutschland nur bis vorerst November 2022 genehmigt. Der Großteil der potenziellen Einsatzzeit wird aber schon von Bürokratie, Schulungen und Überprüfungen aufgefressen. Umgekehrt sollte man sich auch in die Situation der potentiellen Leiharbeiter versetzen: Lohnt es sich überhaupt für ein paar Wochen in Deutschland zu arbeiten und das mit dem Risiko, dass man im November 2022 wieder in die Heimat zurück muss und dort dann arbeitslos ist? Genau dieser Umstand könnte die Jobs aus Sicht der türkischen Arbeiter schlichtweg unattraktiv machen. Es ist völlig egal woher man kommt: Es geht um Menschen und keine Cola-Automaten. Diese sind in erster Linie an stabilen Jobs bei fairer Bezahlung interessiert. Ein paar Wochen in Deutschland arbeiten, aber keine Zukunftsperspektive (was ist nach November 2022?) zu haben, ist schlichtweg nicht stabil und durchaus auch unfair.

Laut einer Erklärung der Bundesagentur für Arbeit ist die Zustimmung auf türkische Staatsbürger ganz bestimmter Berufsgruppen beschränkt. Konkret bedeutet das, dass die Leiharbeiter nur als Fahrer, Lader, Check-in-Agent und als Serviceagent für die Passagierabfertigung eingesetzt werden. Von „Sicherheitsmitarbeitern für die Sicherheitskontrollen“ ist keine Rede. Maximal bis 6. November 2022 darf das Leihpersonal eingesetzt werden. Aus anderen Nicht-EU-Ländern dürfen momentan keine Arbeiter angeworben werden.

Fraport rechnet mit Einsatz nicht vor September 2022

Ein weiterer Umstand kam am Donnerstag ans Licht. Der Bundesverband der Arbeitgeber teilte mit, dass die Flughäfen und Bodenverkehrsdienstleister bislang einen Bedarf von etwa 1.000 Leiharbeitern angemeldet hätten. Die Zahl ist erheblich niedriger als noch vor ein paar Wochen von Branchenvereinigungen kommuniziert, denn damals war die Rede davon, dass mindestens 2.000 Beschäftigte benötigt werden.

Spannend ist auch, dass der Arbeitgeberverband und der Flughafenbetreiber Fraport unterschiedliche Angaben darüber machen wann denn nun die „helfenden Hände aus der Türkei“ erstmalig eingesetzt werden können. Die Organisation spricht davon, dass man davon ausgeht, dass die ersten im August 2022 anfangen werden. Fraport hingegen scheint die luftfahrtspezifischen Umstände genau zu kennen und spricht davon, dass es nicht vor September 2022 der Fall sein wird. Also nach der Haupturlaubszeit.

Dadurch ist klar, dass viele deutsche Urlauber nur wenig bis gar nichts vom Einsatz der türkischen Leiharbeiter haben werden, denn im Juli und August 2022 werden diese dem heutigen Informationsstand nach noch nicht in großem Umfang zur Verfügung stehen. Auch ist völlig unklar, ob es der Leiharbeitsfirma überhaupt gelingt 1.000 bis 2.000 türkische Staatsbürger zu finden, die eine so kurze Zeit ohne langfristige Perspektive in Deutschland arbeiten wollen.

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Jan Gruber ist Leitender Redakteur von Aviation.Direct. Zuvor war er seit 2012 in selbiger Funktion bei AviationNetOnline (vormals Austrian Aviation Net) tätig. Er ist auf Lowcost-Carrier, Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region und tiefgehende Recherchen spezialisiert.

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