Der deutsche Luftverkehr hinkt im europäischen Vergleich besorgniserregend hinterher, eine Entwicklung, die weitreichende negative Konsequenzen für den Industrie- und Wirtschaftsstandort Deutschland befürchten läßt. Wie der Flughafenverband ADV gemeinsam mit führenden Wirtschafts- und Branchenvertretern in einer aktuellen Analyse aufzeigt, gefährden ausufernde Steuern, Abgaben und Regulierungen die Wettbewerbsfähigkeit des Luftverkehrs und somit die gesamte Konnektivität des Landes.
Die Luftfahrtbranche, die direkt und indirekt 1,5 Millionen Arbeitsplätze sichert und mit über 142 Milliarden Euro maßgeblich zur Wirtschaftsleistung beiträgt, fordert nun dringend Entlastungen und eine wachstumsorientierte Politik. Experten mahnen, daß eine leistungsfähige Luftverkehrsanbindung ein Standortfaktor ersten Ranges sei, der für die Prosperität und internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands unerläßlich ist.
Die alarmierende Realität: Deutschlands Rückstand im Luftverkehr
Die jüngsten Analysen des Flughafenverbandes ADV, unterstützt von namhaften Partnern wie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), verschiedenen Industrie- und Handelskammern (IHKs) sowie dem Deutschen Reiseverband (DRV), zeichnen ein klares Bild: Der Luftverkehr in Deutschland stagniert, während andere europäische Länder ein deutliches Wachstum verzeichnen. „Deutschland wird vom Wachstum des Luftverkehrs in Europa abgekoppelt“, konstatiert ADV-Präsidentin Aletta von Massenbach. Diese Entwicklung sei nicht nur ein Problem für die Luftfahrtbranche selbst, sondern habe „negative Folgen für den Industrie- und Wirtschaftsstandort insgesamt“. Die Warnung ist deutlich: Es muß dringend gegengesteuert werden, um einer weiteren Verschlechterung der Konnektivität wichtiger Wirtschaftsregionen in Deutschland und Europa entgegenzuwirken.
Während beispielsweise Länder wie die Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate massiv in ihre Luftverkehrsinfrastruktur investierten und zu globalen Drehkreuzen aufstiegen, scheinen in Deutschland die Rahmenbedingungen eher hemmend zu wirken. Auch innereuropäisch verlagern sich Verkehre weg von deutschen Flughäfen. Billigfluggesellschaften, die für einen Großteil des Wachstums im europäischen Flugverkehr verantwortlich sind, haben in Deutschland oft mit höheren Betriebskosten und Abgaben zu kämpfen, was sie dazu veranlaßt, Kapazitäten in andere Länder zu verlagern. Dies führt zu einem Rückgang des Angebots an Flugverbindungen und einem Verlust an direkten und indirekten Arbeitsplätzen in der deutschen Luftfahrtindustrie.
Experten sehen einen Hauptgrund für diese Abkopplung in der Last von „ausufernden Steuern, Abgaben und Regulierungen“, die den deutschen Luftverkehr im internationalen Vergleich benachteiligen. Die Luftverkehrssteuer, hohe Gebühren und komplexe bürokratische Prozesse erhöhen die Kosten für Fluggesellschaften und Flughäfen und machen Deutschland als Standort unattraktiver. Dies steht im Gegensatz zu Ländern, die aktiv Anreize für Fluggesellschaften schaffen, ihre Netze auszubauen und neue Routen einzurichten.
Die immense wirtschaftliche Bedeutung des Luftverkehrs
Die Luftfahrt ist weit mehr als nur ein Transportmittel; sie ist ein fundamentaler Pfeiler der deutschen Wirtschaft. Der Luftverkehr gehört zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen des Landes. Insgesamt werden durch die Luftfahrtbranche, einschließlich des luftfahrtbezogenen Tourismus, rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt unterstützt. Diese Zahlen verdeutlichen die breite Verankerung der Branche in der deutschen Arbeitswelt, von Piloten und Flugbegleitern über Wartungstechniker und Flughafenpersonal bis hin zu Mitarbeitern in Reisebüros, Hotels und Zulieferbetrieben.
Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Branche ist enorm: Sie trägt mit über 142 Milliarden Euro zur deutschen Wirtschaftsleistung bei, was etwa 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht. Diese Wertschöpfung wird durch Passagier- und Frachtverkehr, Flughafenbetrieb, Luftfahrzeugbau und -wartung sowie durch den Tourismus generiert, der maßgeblich von einer guten Fluganbindung profitiert.
Mehrere IHK-Vertreter unterstreichen die kritische Rolle der Luftverkehrsinfrastruktur als „Standortfaktor ersten Ranges“. Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf, mahnt: „Kurzum: Wir brauchen einen zukunftsfähigen Luftverkehr für einen leistungsstarken Wirtschaftsstandort.“
Für exportorientierte Branchen ist eine leistungsfähige Luftverkehrsanbindung unerläßlich. Uwe Goebel, Präsident der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, betont, daß „gerade exportorientierte Branchen auf schnelle und zuverlässige Verbindungen angewiesen“ seien. Der Flughafen Münster/Osnabrück sei hier ein „wichtiger Standortfaktor für den Erfolg unserer Unternehmen auf den Weltmärkten.“ Ähnlich äußerte sich Dr. Malte Heyne, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg, der die internationale Vernetzung als maßgeblich für die wirtschaftliche Stärke der Metropolregion Hamburg hervorhebt, insbesondere für eine Wirtschaft, die stark von Außenhandel, Logistik und Industrie geprägt ist.
Auch für die Hauptstadtregion ist die Konnektivität entscheidend. Vizepräsident Robert Rückel von der IHK Berlin erklärt: „Die Hauptstadtregion Deutschlands muß aus der ganzen Welt gut erreichbar sein: Von europäischen Hauptstädten genauso wie von den Metropolen der Welt. Konnektivität ist ein entscheidender Faktor für die Prosperität der heimischen Wirtschaft, für die Ansiedlung von neuen Unternehmen, für Erfolg im Tourismus, bei Messen und Kongressen.“ Er schließt daraus, daß „die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auch maßgeblich von der Wettbewerbsfähigkeit des Luftverkehrs abhängt.“
Der Luftverkehr als Motor für Tourismus und Innovation
Neben seiner Rolle als wichtiger Wirtschafts- und Logistikfaktor ist der Luftverkehr auch ein zentraler Pfeiler der Reisewirtschaft und somit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für Deutschland. Norbert Fiebig vom Deutschen Reiseverband (DRV) hebt hervor, daß „Urlaubs- und Geschäftsreisen Arbeitsplätze in Reisebüros, bei Veranstaltern, Airlines und an Flughäfen sichern.“ Er warnt davor, daß „wenn politische Entscheidungen das Fliegen immer teurer und unattraktiver machen, wir nicht nur die individuelle Reisefreiheit einschränken, sondern den Geschäftserfolg einer ganzen Branche beeinträchtigen.“ Fiebig fordert „attraktive, bezahlbare Flugverbindungen – für Menschen, Märkte und Wohlstand.“
Die Reisebranche, die maßgeblich vom Luftverkehr abhängt, ist ein wichtiger Arbeitgeber und generiert erhebliche Umsätze durch Hotellerie, Gastronomie, lokale Dienstleistungen und Kulturangebote. Eine schwächelnde Fluganbindung kann daher ganze Tourismusregionen treffen und Arbeitsplätze gefährden. Deutschland, als Land mit einer hohen Reiseaffinität seiner Bürger und als beliebtes Ziel für internationale Touristen und Geschäftsreisende, ist auf eine leistungsfähige und bezahlbare Luftverkehrsinfrastruktur angewiesen.
Darüber hinaus ist die Luftfahrt auch ein Innovationsmotor. Dr. Markus Fischer, DLR-Bereichsvorstand Luftfahrt, betont: „Die Luftfahrt ist nicht nur ein sehr wichtiger Verkehrsträger, sondern ein Innovationsmotor für den Wirtschaftsstandort Deutschland.“ Dies betrifft nicht nur die Entwicklung neuer Flugzeuggenerationen und Technologien, sondern auch Forschung und Entwicklung in Bereichen wie Digitalisierung, Flugsicherung und Materialien. Die Luftfahrtindustrie ist ein High-Tech-Sektor, der kontinuierlich in Forschung und Entwicklung investiert, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Eine Schwächung des Luftverkehrsstandorts könnte daher auch negative Auswirkungen auf die Innovationskraft Deutschlands haben.
Forderungen an die Politik: Entlastung und wachstumsorientierte Strategie
Angesichts der dargestellten Herausforderungen und der immensen wirtschaftlichen Bedeutung des Luftverkehrs formulieren die Verbände und Wirtschaftsvertreter klare Forderungen an die Politik. ADV-Präsidentin Aletta von Massenbach faßt die Kernanliegen zusammen: „Die Politik steht in der Verantwortung, die Rahmenbedingungen für einen zukunftsfähigen Luftverkehrsstandort Deutschland aktiv zu gestalten.“
Die Hauptforderungen umfassen:
- Begrenzung der finanziellen Belastungen: Eine Reduzierung der „ausufernden Steuern und Abgaben“ für Fluggesellschaften und Passagiere ist unerläßlich. Dazu gehört die Überprüfung und Anpassung der Luftverkehrssteuer sowie anderer Abgaben, die die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Flughäfen und Fluggesellschaften im Vergleich zu Nachbarländern beeinträchtigen.
- Erhalt und Ausbau der Leistungsfähigkeit der Flughäfen: Die Flughafeninfrastruktur muß gepflegt und, wo nötig, erweitert werden, um den wachsenden Anforderungen des modernen Luftverkehrs gerecht zu werden. Dies umfaßt nicht nur Start- und Landebahnen, sondern auch Terminalkapazitäten, Frachtanlagen und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.
- Gezielte Stärkung der Konnektivität: Es bedarf einer aktiven Politik, die den Ausbau des Streckennetzes fördert, insbesondere interkontinentale Verbindungen, die für den globalen Handel und Tourismus von entscheidender Bedeutung sind. Dies könnte durch Anreizsysteme für Fluggesellschaften oder eine strategische Routenentwicklung geschehen.
- Klare Signale für Zukunftsinvestitionen: Unternehmen in der Luftfahrtbranche benötigen Planungssicherheit und ein investitionsfreundliches Klima. Eine verläßliche und wachstumsorientierte Luftverkehrspolitik ist entscheidend, um private Investitionen in neue Flugzeuge, moderne Flughafeninfrastruktur und innovative Technologien zu fördern.
Die Verbände betonen, daß nur mit einer solchen proaktiven und unterstützenden Politik Deutschland seine Rolle als global vernetzter Wirtschafts-, Tourismus- und Zukunftsstandort behaupten kann. Andernfalls droht eine weitere Erosion der Wettbewerbsfähigkeit und ein langfristiger Schaden für die deutsche Wirtschaft. Die Debatte um die Zukunft des Luftverkehrs in Deutschland ist somit nicht nur eine Branchenfrage, sondern eine zentrale Herausforderung für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung des Landes.