Die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie schlägt Alarm: Nach ihrer Einschätzung ist die Bundesrepublik derzeit nicht in der Lage, ihre kritische Infrastruktur und militärische Einrichtungen wirksam vor feindlichen Drohnenangriffen zu schützen.
Diese besorgniserregende Diagnose, dargelegt in einem „Brandbrief“ des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) an die Bundesregierung, offenbart gravierende Defizite sowohl bei den verfügbaren technologischen Lösungen als auch im rechtlichen Rahmenwerk. Die unzureichende Kooperation zwischen den zuständigen Behörden verschärfe die Lage zusätzlich, so der Verband. Angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich unbemannter Flugsysteme und ihrer massenhaften Nutzung in aktuellen Konflikten, wie dem Krieg in der Ukraine, fordert die Industrie dringend staatliche Unterstützung bei der Entwicklung und Beschaffung moderner Abwehrtechnologien, um die nationale Sicherheit zu gewährleisten und die Bundeswehr einsatzfähig zu machen.
Akute Schutzlücken: Drohnenabwehr in Deutschland unzureichend
Die jüngste Warnung des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) an die Bundesregierung offenbart eine ernste Schwachstelle in der nationalen Sicherheitsarchitektur. Der Verband stellt fest, daß Deutschland nicht effektiv in der Lage ist, seine eigene Infrastruktur – sowohl zivil als auch militärisch – vor der Bedrohung durch feindliche Drohnen zu schützen. Dieses Urteil basiert auf der Feststellung eines Mangels an geeigneten technologischen Lösungen sowie eines unzureichenden rechtlichen Rahmens, der eine effektive Abwehr ermöglichen würde.
Ein konkretes Beispiel für diese Defizite lieferte der BDLI mit Verweis auf den Militärflughafen Manching. Dort sei es über Wochen hinweg nicht gelungen, illegale Drohnen-Überflüge aufzuklären oder gar zu unterbinden. Solche Vorfälle, insbesondere im Umfeld militärischer Anlagen, sind nicht nur ein Bruch der Sicherheitsbestimmungen, sondern auch ein potentielles Einfallstor für Spionage oder gar Sabotage. Sie verdeutlichen die Schwierigkeit, solche kleinen, aber agilen Flugobjekte zu detektieren und effektiv abzuwehren.
Marie-Christine von Hahn, die Hauptgeschäftsführerin des BDLI, äußerte ihre Besorgnis mit deutlichen Worten: „Dass feindliche Spionagedrohnen oftmals die Polizei-Flugsysteme abhängen, entspricht doch nicht unserem Selbstverständnis als wehrhafter Rechtsstaat.“ Diese Aussage betont die Diskrepanz zwischen dem Anspruch an die nationale Sicherheit und der faktischen Fähigkeit zur Verteidigung gegen eine moderne Bedrohung. Von Hahn fordert daher eine engere Zusammenarbeit der Behörden und zugleich eine staatliche Unterstützung bei der Entwicklung neuer Abwehrtechnologien. Die Komplexität und Unzulänglichkeit der Kooperation zwischen den verschiedenen zuständigen Institutionen zur Drohnenabwehr wird vom Verband als wesentliches Problem benannt.
Die Herausforderung der Drohnenabwehr ist vielschichtig: Sie reicht von der Detektion kleiner Flugobjekte in komplexen Lufträumen über die Klassifizierung (handelt es sich um eine Freizeitdrohne, eine zivile Inspektionsdrohne oder eine Bedrohung?) bis hin zur Neutralisierung. Hierfür sind verschiedene Technologien wie Radar, optische Sensoren, Funkpeilung und elektronische Kampfführung, aber auch kinetische Abwehrsysteme wie Drohnennetze oder Störsender erforderlich. Deutschland, so die Industrie, hinke in der Entwicklung und Implementierung solcher integrierten Systeme hinterher.
Kampfdrohnen und Verteidigungsfähigkeit: Ein Blick über die Landesgrenzen
Der Forderungskatalog des BDLI geht über die reine Abwehr von Drohnen hinaus und thematisiert auch den Nachholbedarf bei der Entwicklung kooperativer Kampfdrohnen (CCA). Diese fortschrittlichen Flugsysteme, die in der Lage sind, in Schwärmen autonom oder semi-autonom zu operieren und mit bemannten Kampfflugzeugen zu kooperieren, sind insbesondere in den Vereinigten Staaten bereits weit fortgeschritten und stehen dort kurz vor der Einführung in die Streitkräfte. Das „Loyal Wingman“-Konzept, bei dem Drohnen als unbemannte Begleiter von Kampfflugzeugen agieren, ist ein Beispiel für diese Entwicklung.
Die deutsche Industrie vertritt die Ansicht, daß solche Kampfdrohnen auch im Ausland beschafft werden müßten, um Deutschland schnell „kriegstüchtig“ zu machen. Dieser Begriff, der in jüngster Zeit im politischen Diskurs an Bedeutung gewonnen hat, verweist auf die Notwendigkeit, die Streitkräfte schnell und umfassend für die Anforderungen moderner Konflikte auszustatten. Die Erkenntnisse aus dem Krieg in der Ukraine, wo der Einsatz von Drohnen das Kampfgeschehen maßgeblich beeinflußt, untermauern die Dringlichkeit dieser Forderung.
Gleichzeitig besteht die heimische Industrie auf ihrer Einbindung in den Beschaffungsprozeß. Sie will ihre eigenständige Forschung beibehalten und mindestens Teile dieser Systeme selbst produzieren. Dies soll die technologische Souveränität Deutschlands sichern und die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten reduzieren. Dazu seien die Einhaltung von Nato-Standards und eine verstärkte Industrieförderung notwendig. Die Integration von Drohnensystemen in die Verteidigungsstrategie erfordert nicht nur die Beschaffung, sondern auch die Entwicklung eigener Fähigkeiten in Design, Produktion und Wartung.
Dringender Schutzbedarf für die Litauen-Brigade: Lehren aus dem Ukraine-Krieg
Die Warnung des BDLI nimmt auch direkten Bezug auf konkrete militärische Erfordernisse. Kurzfristig benötige die Bundeswehr dringend moderne taktische Drohnensysteme für die im Aufbau befindliche Brigade in Litauen. Diese Brigade, die bis 2027 vollständig einsatzbereit sein soll, umfaßt rund 4.800 Soldatinnen und Soldaten sowie 200 Zivilbeschäftigte. Die Stationierung dieser Brigade an der Ostflanke der Nato unterstreicht die gewachsene Bedeutung der kollektiven Verteidigung im Bündnis.
Der Verband weist ausdrücklich auf den massenhaften Einsatz von Drohnen im Ukraine-Krieg hin. Dort haben Drohnen, von einfachen Quadrocoptern bis zu komplexen Überwachungs- und Angriffsmodellen, eine zentrale Rolle in der Aufklärung, Zielerfassung und sogar im direkten Kampf gespielt. „Zum Schutz dieser 4.800 Soldatinnen und Soldaten sowie 200 Zivilbeschäftigten benötigt die Bundeswehr dringend einen modernen, drohnengestützten Aufklärungs- und Wirkungsverbund“, so die Forderung des BDLI. Dies umfaßt nicht nur Abwehrsysteme, sondern auch eigene offensive und Aufklärungsdrohnen, die in der Lage sind, Informationen zu sammeln und gegebenenfalls Ziele zu bekämpfen. Die Fähigkeiten zur Drohnenkriegführung sind zu einem unerläßlichen Bestandteil moderner Streitkräfte geworden.
Die Ausstattung der Litauen-Brigade mit solchen Systemen ist nicht nur eine Frage der operativen Effizienz, sondern auch des Schutzes der eingesetzten Truppen. Angesichts der Erfahrungen aus aktuellen Konflikten, bei denen die Luftüberlegenheit oft durch den Einsatz unbemannter Systeme entschieden wird, ist eine adäquate Drohnenfähigkeit für jede moderne Armee unverzichtbar.
Herausforderungen bei der zivilen Drohnenintegration: Ein europäischer Flickenteppich
Über die militärischen Aspekte hinaus beleuchtet der Industrieverband auch die Herausforderungen bei der Integration ziviler Drohnen in den Luftraum. Hier sieht der BDLI einen „Flickenteppich unterschiedlicher Genehmigungsverfahren“ in den einzelnen Ländern der Europäischen Union. Diese Uneinheitlichkeit behindert die wirtschaftliche Nutzung von Drohnen erheblich.
Zivile Drohnenanwendungen reichen von der Inspektion von Infrastruktur (Brücken, Windturbinen), über die Landwirtschaft (Pflanzenanalyse), bis hin zur Logistik und Filmproduktion. Für eine erfolgreiche wirtschaftliche Nutzung sei es unerläßlich, daß es einheitliche Verfahren und technologiegetriebene Verbesserungen der Infrastruktur gebe. Dies betrifft nicht nur die Genehmigungsprozesse, sondern auch die Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Luftraummanagements für unbemannte Flugsysteme (U-Space). Ein fragmentierter Regulierungsrahmen bremst Innovationen und erschwert es Unternehmen, grenzüberschreitende Dienste anzubieten. Die Harmonisierung der Vorschriften auf EU-Ebene wäre ein wichtiger Schritt, um das volle Potential der zivilen Drohnentechnologie auszuschöpfen und Europa als führenden Standort für diese Industrie zu etablieren. Eine solche Entwicklung würde auch Synergien mit militärischen Systemen ermöglichen, beispielsweise bei der Entwicklung von Sensorik und autonomen Navigationsfähigkeiten. Der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) hat mit seinem eindringlichen Appell an die Bundesregierung gravierende Schwachstellen in Deutschlands Fähigkeit zur Drohnenabwehr offengelegt. Sowohl technologische Mängel als auch ein unzureichender rechtlicher und kooperativer Rahmen werden als kritisch bewertet. Die Forderung nach staatlicher Unterstützung bei der Entwicklung und Beschaffung moderner Abwehrsysteme und kooperativer Kampfdrohnen sowie die dringende Ausstattung der Bundeswehr-Brigade in Litauen mit Drohnentechnologie spiegeln die aktuellen Bedrohungsszenarien und die Lehren aus internationalen Konflikten wider. Gleichzeitig unterstreicht der Verband die Notwendigkeit einer Harmonisierung der zivilen Drohnenregulierung in der EU, um das wirtschaftliche Potential dieser Technologie voll ausschöpfen zu können.