Das US-Verteidigungsministerium hat der Boeing Company einen Vertrag im Wert von nahezu 900 Millionen US-Dollar für die Lieferung von 60 schweren Transporthubschraubern des Typs CH-47F Block II Chinook an Deutschland erteilt.
Diese Bestellung, die im Rahmen eines sogenannten Foreign Military Sales (FMS)-Abkommens abgewickelt wird, ist ein zentrales Element der umfassenden Modernisierung der Bundeswehr und zielt darauf ab, die seit Jahrzehnten genutzte Flotte der veralteten CH-53G Sea Stallion zu ersetzen. Mit dieser Entscheidung sichert sich Deutschland eine zeitgemäße und äußerst leistungsfähige Drehflüglerkapazität, die sowohl für die nationale Verteidigung als auch für die Verpflichtungen innerhalb des Nordatlantikpakts (NATO) von entscheidender Bedeutung ist. Die neuen Hubschrauber werden absehbar die größte einzelne Flottenverstärkung im Bereich des Lufttransports darstellen und Deutschlands Rolle im gemeinsamen Verteidigungsnetzwerk Europas massiv aufwerten. Die Auslieferung der Hubschrauber wird schrittweise erfolgen, mit dem Ziel, die CH-53-Operationen bis zum Jahr 2030 vollständig auslaufen zu lassen.
Massive Investition in die Lufttransportkapazität
Die Beschaffung des CH-47F Block II ist das Ergebnis des langjährigen Programms „Schwerer Transporthubschrauber“ (STH) der Bundeswehr. Die Notwendigkeit, die in die Jahre gekommene CH-53G-Flotte zu ersetzen, war aufgrund von steigenden Wartungsanforderungen und sinkender Verfügbarkeit längst akut geworden. Deutschland zählt neben den Vereinigten Staaten zu den wenigen Nationen, die eine dedizierte Flotte schwerer Transporthubschrauber betrieben haben. Die Aufrechterhaltung dieser Fähigkeit gilt als ein Kernbestandteil der deutschen Streitkräfte.
Der Vertragswert von 900 Millionen Dollar ist ein erster Schritt zur Abdeckung der Kosten für die 60 Hubschrauber sowie für zugehörige Ausrüstung und Dienstleistungen. Insgesamt wird die Beschaffung dieses Projekts, die durch das nach dem Jahr 2022 eingerichtete Sondervermögen für die Bundeswehr finanziert wird, ein mehrfaches dieses initialen Betrags binden. Die Entscheidung für den Chinook fiel nach einer gründlichen Evaluierung verschiedener Optionen, zu der auch der Sikorsky CH-53K King Stallion gehörte. Letztlich sprachen die verbreitete Nutzung des Chinooks in der NATO und die damit verbundene Interoperabilität für das Boeing-Modell.
Die neuen Hubschrauber sollen hauptsächlich beim Hubschraubergeschwader 64 (HSG 64) an den Standorten Holzdorf in Brandenburg und Laupheim in Baden-Württemberg stationiert werden. Diese Stationierung, insbesondere in Holzdorf, unterstreicht die strategische Ausrichtung auf die Ostflanke des Bündnisses, wo schnelle und robuste Transportkapazitäten zur Verlegung von Truppen und Material unerlässlich sind.
Der CH-47F Block II: Technologischer Sprung für die Bundeswehr
Mit der Wahl des CH-47F Block II erhält die Bundeswehr die derzeit modernste Version des seit fast 70 Jahren bewährten Tandem-Rotor-Hubschraubers. Der Block II unterscheidet sich von früheren Varianten durch eine Reihe von Leistungssteigerungen und technischen Neuerungen, die seine Fähigkeiten im schweren Hebebereich deutlich erweitern.
Eine der wichtigsten Neuerungen ist die Überarbeitung des Antriebs und der Tragstruktur. Der Block II wird von zwei leistungsstarken Honeywell T55-GA-714A Turbowellenmotoren angetrieben, die jeweils 4.800 Wellen-PS leisten, was einer Steigerung von rund 20 Prozent gegenüber älteren Versionen entspricht. Diese höhere Leistung ist entscheidend, um die maximale Nutzlast zu erhöhen und gleichzeitig die Betriebsgrenzen (insbesondere bei höheren Temperaturen und in großen Höhen) zu erweitern. Der Chinook kann eine interne oder externe Nutzlast von bis zu 10.886 Kilogramm transportieren und in seiner geräumigen Kabine bis zu 55 voll ausgerüstete Soldaten oder 24 Sanitätstragen aufnehmen.
Zu den weiteren technischen Verbesserungen gehören modernisierte digitale Flugsteuerungssysteme, die die Steuerung präziser und die Arbeitsbelastung der Piloten reduzieren. Der Einsatz von Verbundwerkstoffen und Designverbesserungen macht das Flugwerk gleichzeitig leichter und robuster. Der Chinook erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 310 Kilometern pro Stunde (170 Knoten) und verfügt über eine Reichweite von 740 Kilometern bei einer Dienstgipfelhöhe von 6.100 Metern. Diese Leistungsdaten gewährleisten die geforderte Fähigkeit zur schnellen Verlegung großer Verbände über weite Distanzen innerhalb Europas.
Heather McBryan, Vizepräsidentin und Programmmanagerin von Boeing Cargo Programs, betonte bereits im Vorjahr, dass die erhöhte Nutzlastkapazität und die erweiterte Reichweite des CH-47F Block II es den Betreibern ermöglichen, den sich wandelnden Anforderungen an schwere Transportmissionen weltweit gerecht zu werden. Die Tatsache, dass der Hubschrauber voraussichtlich bis mindestens 2060 im Einsatz bleiben wird, unterstreicht seine Langlebigkeit und die langfristige Planungssicherheit für die Bundeswehr.
Die strategische Rolle in der Bündnisverteidigung
Die Entscheidung Deutschlands, massiv in die Modernisierung seiner Streitkräfte zu investieren, ist eine direkte Konsequenz der veränderten geopolitischen Lage in Europa nach der Invasion Russlands in die Ukraine im Jahr 2022. Die unprovozierte Aggression hat zu einem Paradigmenwechsel in der europäischen Sicherheitspolitik geführt. Deutschland, das die größte einzelne Truppenstärke im europäischen Verteidigungsnetzwerk stellt, hat die Notwendigkeit erkannt, seine Fähigkeiten zur Landes- und Bündnisverteidigung signifikant zu verstärken. Die Investition in die Chinook-Flotte ist ein zentraler Beitrag zu dieser sogenannten Zeitenwende.
Schwere Transporthubschrauber spielen eine entscheidende Rolle in einem dynamischen Konfliktszenario. Sie ermöglichen die schnelle Verlegung von Infanterie, Artillerie, Flugabwehrsystemen und Pionieren über Frontlinien hinweg. Ihre Fähigkeit, beschädigte Infrastruktur, unpassierbare Straßen und zerstörte Schienenwege zu umgehen, ist in einem Bodenkrieg von unschätzbarem Wert. Diese schnelle Reaktionsfähigkeit taktischer Hubschrauber kann im Ernstfall den entscheidenden Unterschied ausmachen.
Die Einführung des CH-47F Block II gewährleistet zudem eine verbesserte Interoperabilität mit den Streitkräften der Vereinigten Staaten und zahlreicher weiterer NATO-Mitglieder, die ebenfalls auf den Chinook setzen. Dies vereinfacht gemeinsame Übungen, multinationale Einsätze und die logistische Unterstützung im Bedarfsfall erheblich. Mit Finnland (2023) und Schweden (2024) sind dem Bündnis zudem zwei weitere militärisch starke Nationen beigetreten, deren Integration in die gemeinsame Verteidigungsstruktur durch standardisierte Großgerätetypen wie den Chinook erleichtert wird.
Die Erneuerung der Drehflügler-Assets der Bundeswehr ist somit nicht nur eine erhebliche Fähigkeitssteigerung für Deutschland, sondern festigt auch die kollektive Stärke der Europäischen Union und der gesamten NATO. Die Hubschrauber werden in Boeings Anlage in Ridley Park, Pennsylvania, gefertigt und stellen eine zuverlässige Plattform dar, die es den deutschen Streitkräften ermöglicht, ihre Verpflichtungen innerhalb des Bündnisses mit modernstem Gerät wahrzunehmen.