Flughafen Saarbrücken (Foto: EPei).
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Deutschland: Trotz Wachstum bleibt die Inlandskonnektivität kritisch

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Die deutsche Luftverkehrswirtschaft steht vor einer Herausforderung: Obwohl der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) für die Winterperiode von November dieses Jahres bis April 2026 ein Wachstum des gesamten Sitzplatzangebots um drei Prozent auf rund 111,2 Millionen Plätze prognostiziert, bleibt die Erholung im internationalen Vergleich verhalten.

Das Angebot in Deutschland erreicht damit lediglich 86 Prozent des Vorkrisenniveaus von 2018/2019. Im Gegensatz dazu verzeichnet der europäische Luftverkehr eine deutlich dynamischere Entwicklung, übertrifft das Referenzniveau mit einem Wachstum von fünf Prozent und einer Gesamtauslastung von 113 Prozent. Die Diskrepanz zwischen der Erholung der internationalen Strecken und dem anhaltenden Schrumpfen des innerdeutschen Luftverkehrs wirft kritische Fragen zur Konnektivität und zur zukünftigen Struktur des nationalen Luftverkehrssystems auf.

Deutliche Unterschiede in der Erholungsdynamik

Der Bericht des BDL beleuchtet eine zunehmende Kluft in der Erholungsgeschwindigkeit der Luftfahrtmärkte. Während der deutsche Markt mit einem moderaten Wachstum kämpft, zeigen die europäischen Punkt-zu-Punkt-Fluggesellschaften eine herausragende Stärke und erreichen 137 Prozent des Referenzniveaus von 2018/2019. Dies deutet auf eine Verlagerung des Reisemarktes hin zu direkten Verbindungen abseits der traditionellen Drehkreuze und eine schnelle Kapazitätsausweitung durch Carrier, die auf den reinen Direktverkehr spezialisiert sind.

Innerhalb des deutschen Marktes zeigt sich das Sitzplatzangebot auf europäischen Kurz- und Mittelstrecken mit 91 Prozent noch signifikant unter dem Vorkrisenwert, trotz eines Wachstums von drei Prozent. Die Hauptwachstumstreiber in diesem Segment sind primär touristischer Natur: Strecken nach Ost- beziehungsweise Südosteuropa sowie Nordafrika verzeichnen deutliche Zuwächse. Demgegenüber stagnieren oder schrumpfen wirtschaftlich relevante Routen in andere europäische Regionen. Dies deutet auf eine anhaltende Vorsicht bei Geschäftsreisen oder eine Verschiebung der Präferenzen in diesen Sektoren hin.

Das Langstreckenangebot nähert sich mit 98 Prozent fast dem Vor-Pandemie-Niveau an, wobei die Wachstumsdynamik jedoch insgesamt nachgelassen hat. Eine Ausnahme bildet der Mittlere Osten und Zentralasien, wo ein Wachstum von elf Prozent verzeichnet wird. Dieser Zuwachs ist nicht nur auf Direktverbindungen, sondern auch auf den zunehmenden Umsteigeverkehr über Nicht-EU-Drehkreuze zurückzuführen. Das Angebot nach Nordamerika verzeichnet hingegen einen leichten Rückgang um drei Prozent.

Dramatischer Rückgang im innerdeutschen Verkehr

Das alarmierendste Segment ist der innerdeutsche Verkehr. Hier setzt sich der Negativtrend fort: Das Angebot schrumpft gegenüber dem Vorjahr um ein weiteres Prozent und erreicht damit lediglich 47 Prozent des Niveaus von 2018/2019. Dieser massive Rückgang, der das Ergebnis jahrelanger Kürzungen und Angebotsverlagerungen ist, beeinträchtigt die nationale Konnektivität erheblich.

Besonders hart getroffen sind die dezentralen innerdeutschen Strecken, die nicht direkt an die großen internationalen Drehkreuze Frankfurt und München angebunden sind. Das Angebot auf diesen dezentralen Routen liegt bei nur 17 Prozent des Referenzniveaus von 2018/2019 und schrumpft im Jahresvergleich um weitere zwölf Prozent. Dieser dramatische Schwund in der Regionalverbindung verdeutlicht einen strukturellen Bruch im nationalen Luftverkehrsnetz, bei dem viele direkte Inlandsflüge durch andere Verkehrsträger ersetzt oder komplett eingestellt wurden.

Experten sehen in der anhaltenden Schrumpfung des Inlandsverkehrs eine Verlagerung der strategischen Prioritäten der Airlines. Die Airlines konzentrieren ihre begrenzten Kapazitäten und Flugzeuge zunehmend auf profitable Langstrecken- und internationale Kurzstreckenverbindungen. Die dezentralen Inlandsstrecken gelten im Vergleich oft als weniger rentabel und sind anfälliger für den Wettbewerb durch Hochgeschwindigkeitszüge und andere Transportmittel.

Regionale Disparitäten an den Flughäfen

Die Entwicklung der Passagierzahlen und des Angebots ist an den deutschen Flughäfen äußerst ungleichmäßig. Die großen internationalen Drehkreuze zeigen zwar eine bessere Erholung als der Gesamtdurchschnitt, bleiben aber unter dem Vorkrisenniveau:

  • Drehkreuze: Frankfurt erreicht 88 Prozent und München 83 Prozent des Referenzwerts von 2018/2019. Ihre Funktion als internationale Umsteigepunkte sichert ihnen eine stärkere Position.
  • Größere Regionalflughäfen: Standorte wie Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Köln/Bonn und Stuttgart verzeichnen eine deutlich langsamere Erholung und liegen im Angebot noch erheblich hinter den Vorkrisenzahlen zurück. Dies ist laut BDL hauptsächlich auf das fehlende Angebot europäischer Punkt-zu-Punkt-Airlines und den weggebrochenen dezentralen Inlandsverkehr zurückzuführen.

Im Gegensatz dazu verzeichnen einige kleinere Regionalflughäfen eine überdurchschnittliche Entwicklung. Standorte wie Dortmund, Memmingen, Karlsruhe/Baden-Baden, Weeze und Nürnberg konnten ihr Angebot seit 2018/2019 teilweise verdoppeln. Dieser Anstieg ist jedoch fast ausschließlich auf die begrenzte Verlagerung von Kapazitäten durch Punkt-zu-Punkt-Airlines zurückzuführen, die von diesen Standorten aus hauptsächlich touristische Ziele bedienen. Die Erholung dieser Flughäfen ist somit stark vom saisonalen Urlaubsverkehr abhängig und spiegelt nicht die Wiederherstellung der wirtschaftlich wichtigen Konnektivität wider.

Die mangelnde Dynamik in Deutschland im Vergleich zu Europa, wo die Fluggesellschaften im Durchschnitt 113 Prozent des Vorkrisenniveaus erreichen, signalisiert eine strukturelle Schwäche. Während die europäischen Punkt-zu-Punkt-Carrier ihre Flugzeuge aggressiv auf den gesamten Kontinent verteilen, scheint Deutschland als Standort für diese Art des Verkehrs unterdurchschnittlich attraktiv zu sein, was zu einem anhaltenden Verlust an Konnektivität führt, insbesondere abseits der beiden Hauptdrehkreuze. Die Politik und die Luftverkehrswirtschaft stehen vor der Aufgabe, Strategien zu entwickeln, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu verbessern und die innerdeutsche sowie die europäische Anbindung der Regionen wieder zu stärken.

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