Der Flugzeughersteller Boeing hat einen wichtigen Schritt in Richtung vollständiger Digitalisierung der komplexen Luftfahrt-Lieferketten unternommen. In einer Pionierleistung wurde das erste Flugzeugteil – eine gewartete Batterie – erfolgreich mit einem digitalen 8130-3-Zertifikat ausgeliefert. Dieses elektronische Dokument ersetzt das traditionelle Papierzertifikat und markiert einen Wendepunkt in der Authentifizierung und Rückverfolgbarkeit von Ersatzteilen in der Luftfahrt. Die erstmalige Nutzung des digitalen Zertifikats erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Fluggesellschaft Southwest Airlines und dem Technologieanbieter Aeroxchange.
Das FAA-Formular 8130-3 dient als Authorized Release Certificate der US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) und ist ein zentrales Dokument, das die Lufttüchtigkeit von Flugzeugteilen, Komponenten und Artikeln bescheinigt. Durch die Umstellung auf eine verschlüsselte elektronische Datei wird nicht nur die Identität des autorisierten Unterzeichners authentifiziert, sondern auch die Integrität des Dokuments über den gesamten Lebenszyklus des Teils hinweg gewährleistet. Dieser Technologieschritt gilt als entscheidend für die Verbesserung der Sicherheit und Effizienz der gesamten Branche und bietet eine Antwort auf die Herausforderungen, die durch das Auftreten unzulässiger Ersatzteile in der Lieferkette entstehen.
Eine Reaktion auf Sicherheitsdefizite und steigende Anforderungen
Die Initiative zur Digitalisierung des 8130-3-Zertifikats kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Transparenz und Sicherheit der Luftfahrt-Ersatzteillieferkette intensiv diskutiert werden. Jüngere Vorfälle, bei denen gefälschte oder nicht autorisierte Teile in den Markt gelangten, haben die Dringlichkeit einer robusten Authentifizierungslösung unterstrichen. Die Aviation Supply Chain Integrity Coalition (ASCIC), eine branchenübergreifende Organisation, in der auch Boeing, Southwest Airlines und Aeroxchange aktiv sind, hatte die Ausweitung des Einsatzes digitaler Freigabezertifikate als eine zentrale Empfehlung zur Verhinderung des Eintritts nicht zugelassener Teile ausgesprochen.
Das herkömmliche Papierformat war anfällig für Fälschungen und Verlust, was zu erheblichen Verzögerungen bei der Wartung und Instandhaltung von Flugzeugen führen konnte, da die lückenlose Rückverfolgbarkeit eines Teils nicht mehr gewährleistet war. Das digitale Zertifikat hingegen schafft einen unveränderlichen und überprüfbaren Nachweis für die Echtheit eines Teils. Dieser digitale Zwilling des Zertifikats ermöglicht es den Empfängern, wie im Fall von Southwest Airlines in Dallas, die Echtheit und Flugtauglichkeit der gelieferten Komponenten sicher und schnell zu überprüfen.
Die technische Umsetzung der digitalen Authentifizierung
Die Umstellung auf das digitale 8130-3-Formular wurde durch die Aeroxchange eARC-Plattform ermöglicht. Diese Technologie fungiert als sichere Schnittstelle für die elektronische Übermittlung des Freigabezertifikats. Der Prozess beginnt bei der Wartungs- oder Reparatureinrichtung – im Pilotprojekt das Product Repair Service Center von Boeing in Davie, Florida –, wo das Teil gewartet und die elektronische Version des 8130-3-Formulars erstellt und autorisiert wird.
Der Schlüsselaspekt des neuen Verfahrens liegt in der Kryptografie. Die digitale Signatur des autorisierten Unterzeichners ist verschlüsselt, wodurch die Integrität des Dokuments geschützt wird. Jede nachträgliche Manipulation des Zertifikats würde die Signatur ungültig machen und sofort offengelegt. Damit übertrifft die digitale Lösung das Papierdokument in puncto Fälschungssicherheit und Verifizierbarkeit bei weitem. Die Umstellung auf elektronische Aufzeichnungssysteme, elektronische Signaturen und digitale Handbücher ist ein logistisches und technisches Großprojekt, das eine engen Abstimmung mit den regulatorischen Behörden wie der FAA erfordert.
Ausweitung und Herausforderungen der digitalen Transformation
Boeing hat angekündigt, den Einsatz des digitalen 8130-3-Zertifikats auf alle neun Reparaturzentren der Produktsparte ausweiten zu wollen. Die geschrittene Einführung ist dabei an die jeweilige Genehmigung der FAA für die Nutzung der elektronischen Systeme an den einzelnen Standorten geknüpft.
Die breite Akzeptanz und Implementierung dieser digitalen Lösung stellt jedoch die gesamte Branche vor Herausforderungen. Zum einen muss die technische Infrastruktur bei allen Beteiligten – von großen Herstellern über Zulieferer bis hin zu Fluggesellschaften und unabhängigen Wartungsbetrieben (MROs) – auf den neuesten Stand gebracht werden, um die sichere Verarbeitung der verschlüsselten Daten zu gewährleisten. Zum anderen erfordert die Umstellung eine Änderung etablierter Prozesse und eine Schulung des Personals. Die jahrelang gewohnte Papierdokumentation muss durch digitale Workflows ersetzt werden, was in einer traditionell konservativen und regulierten Branche einen signifikanten Wandel darstellt. Darüber hinaus muss die Interoperabilität der digitalen Lösungen zwischen verschiedenen Ländern und ihren jeweiligen Luftfahrtbehörden sichergestellt werden. Ähnlich wie die FAA das 8130-3-Formular verwendet, nutzt die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) das EASA Form 1 zur Freigabe von Teilen. Um den grenzüberschreitenden Austausch von Flugzeugteilen nahtlos zu gestalten, müssen die digitalen Systeme beider Seiten kompatibel sein oder zumindest eine Dual-Release-Fähigkeit bieten. Die erfolgreiche Umsetzung dieses Pilotprojekts durch Boeing wird voraussichtlich einen Katalysator für die raschere Digitalisierung ähnlicher Zertifizierungsdokumente in der Luftfahrt weltweit darstellen, um die Effizienz und Integrität der globalen Ersatzteillieferketten nachhaltig zu steigern.