Die internationale Luftverkehrsvereinigung (IATA) hat am 9. Dezember 2025 eine eindringliche Warnung an die globale Luftfahrtbranche und die Politik gerichtet: Die Produktion von Flugzeugen und Triebwerken steuert auf einen erneuten, tiefgreifenden Kapazitätsengpass zu. Aktuelle Zahlen belegen, dass das Lieferdefizit bei über 5.300 Flugzeugen liegt. Gleichzeitig ist der globale Auftragsbestand auf über 17.000 Maschinen angewachsen – ein Volumen, das bei den derzeitigen Produktionsraten der Hersteller eine Auslastung von nahezu zwölf Jahren bedeutet. Diese kritische Diskrepanz zwischen steigender Nachfrage und der begrenzten Verfügbarkeit neuer Flugzeuge droht, die Erholung der Branche nachhaltig zu bremsen und die Betriebskosten der Fluggesellschaften in die Höhe zu treiben.
Die IATA schätzt, dass die begrenzte Flugzeugverfügbarkeit der Airline-Industrie allein im Jahr 2025 Kosten von über elf Milliarden US-Dollar verursachen wird. Diese Kosten entstehen durch höhere Leasinggebühren, eine eingeschränkte Planungsflexibilität, einen erhöhten Bedarf an suboptimalen, oft älteren Flugzeugtypen und allgemein gestiegene Betriebskosten. Willie Walsh, der Generaldirektor der IATA, betonte die Dringlichkeit der Situation und forderte, keine Mühen zu scheuen, um Lösungen zu beschleunigen, bevor die Auswirkungen noch akuter werden. Auch Reisende bekommen die Engpässe bereits zu spüren, da die knappen Kapazitäten in Verbindung mit der hohen Nachfrage zu höheren Ticketpreisen führen.
Anhaltende Produktionsengpässe und deren Ursachen
Die anhaltenden Lieferkettenprobleme in der Luftfahrt sind vielschichtig und haben sich seit der globalen Pandemie verfestigt. Die IATA identifiziert mehrere neue und verschärfte Herausforderungen in der Produktion. Ein zentrales Problem ist die Asynchronität zwischen der Flugzeugzellen- und der Triebwerksproduktion, wobei die Rumpfherstellung die Triebwerkslieferungen überholt. Triebwerkshersteller, insbesondere im Segment der hochmodernen, effizienten Antriebe, kämpfen mit der Komplexität ihrer Produkte und den Ausfällen kleinerer Zulieferer, die den Abschwung während der Pandemie nicht überlebt haben.
Darüber hinaus haben sich die Zertifizierungszeiten für neue Flugzeugmuster auf vier bis fünf Jahre verlängert. Regulatorische Hürden und die zunehmende Komplexität moderner Luftfahrtsysteme tragen zu diesen Verzögerungen bei. Die Produktion wird zusätzlich durch einen allgemeinen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in der Fertigung behindert, was die Fähigkeit der Hersteller, ihre Produktionsziele zu erreichen, direkt einschränkt. Auch geopolitische Faktoren, wie beispielsweise Zölle auf Metalle und Elektronik, die aus den Handelsspannungen zwischen den USA und China resultieren, haben zu weiteren Verzögerungen in den global verzweigten Lieferketten beigetragen. Rohstoffe wie Aluminium und Titan sind von diesen Engpässen ebenfalls betroffen.
Die alternde Flotte und ihre Auswirkungen
Ein unmittelbares Resultat des Mangels an Neuauslieferungen ist die Alterung der globalen Flugzeugflotte. Das Durchschnittsalter der Flotte ist auf 15,1 Jahre angestiegen. Während mehr als 5.000 Flugzeuge weiterhin konserviert sind, zum Teil auch aufgrund technischer Probleme wie Triebwerksinspektionen, die durch Lieferkettenprobleme bei Ersatzteilen und Wartungskapazitäten erzwungen werden, verdeutlicht dies die Kluft zwischen Nachfrage und verfügbaren, modernen Flugzeugen.
Die längere Nutzungsdauer älterer Flugzeuge hat direkte finanzielle Folgen. Eine von der IATA beauftragte Studie des Beratungsunternehmens Oliver Wyman bezifferte die Mehrkosten für die Airlines auf Milliardenhöhe. Dazu zählen erweiterte Ersatzteillager, höhere Leasingkosten für Ersatztriebwerke und stark erhöhte Wartungsausgaben. Laut Berichten belasten erhöhte Wartungskosten für alternde Flotten und Lohninflation die Betriebskosten der Fluggesellschaften zusätzlich. Die Fluggesellschaften sind auf neuere, treibstoffeffizientere Jets angewiesen, um ihre Betriebskosten signifikant zu senken, was durch die Lieferverzögerungen blockiert wird. Jedes neue Flugzeugmodell kann laut Experten den Verbrauch und die Wartungskosten um bis zu 30 Prozent reduzieren.
Herausforderungen im Frachtsektor
Auch die Luftfrachtflotte steht vor neuen Herausforderungen. Die Verfügbarkeit von Flugzeugen für die Umrüstung von Passagier- in Frachtflugzeuge nimmt ab, da die Fluggesellschaften ihre älteren Großraumflugzeuge aufgrund des Mangels an Neubauten länger im Passagierbetrieb halten. Gleichzeitig verzögern sich die Lieferungen neuer Großraumflugzeuge, die oft als Basis für künftige Frachter dienen, und ältere Frachtflugzeuge stehen kurz vor der Ausmusterung.
Obwohl Frachtflugzeuge tendenziell weniger intensiv genutzt werden als Passagiermaschinen, ist der Bedarf an einer modernen Flotte für den globalen Warentransport und den E-Commerce-Sektor entscheidend. Die Verzögerungen in diesem Sektor können die Kapazität im internationalen Warenverkehr beeinträchtigen und sich auf die globalen Handelsströme auswirken.
Langfristige Erholungsperspektiven
Die IATA prognostiziert, dass die Lücke zwischen der Nachfrage der Fluggesellschaften und der tatsächlichen Flugzeugproduktion voraussichtlich nicht vor 2031 bis 2034 vollständig geschlossen werden kann. Dieser lange Zeithorizont ist auf „irreversible Verluste bei den Lieferungen in den letzten fünf Jahren und einen rekordhohen Auftragsbestand“ zurückzuführen.
Angesichts dieser langfristigen Herausforderungen empfiehlt die IATA eine Reihe von Maßnahmen zur Stärkung der Lieferkette und zur Verbesserung der Wartungs- und Reparaturkapazitäten (MRO). Dazu gehört die Erhöhung der Unabhängigkeit der MRO-Betriebe von den Originalausrüstungsherstellern (OEMs), die Verbesserung der Transparenz in der Lieferkette, die verstärkte Nutzung von Daten für vorausschauende Wartung und der Ausbau der Kapazitäten für Reparaturen und Ersatzteile. Ein stärkerer Fokus auf die MRO-Sparte soll die Ausfallzeiten von Flugzeugen verkürzen und die betriebliche Stabilität der Fluggesellschaften erhöhen. Die gesamte Luftfahrtindustrie, von den Herstellern über die Zulieferer bis hin zu den Fluggesellschaften, muss strategische Investitionen tätigen und sich anpassen, um ein nachhaltiges Wachstum in einem Umfeld permanenter Kapazitätsbeschränkungen zu gewährleisten.
Folgen für Passagiere und Wirtschaft
Die Auswirkungen des Kapazitätsengpasses sind direkt auf die Verbraucher übertragbar. Die knappe Verfügbarkeit von Sitzplätzen in Verbindung mit der stark gestiegenen Reisenachfrage führt zu einem erhöhten Kostendruck und somit zu höheren Flugpreisen für Passagiere. Die Fluggesellschaften sind gezwungen, die gestiegenen Betriebs- und Leasingkosten durch höhere Tarife an die Endkunden weiterzugeben.
Darüber hinaus beeinträchtigt die mangelnde Flottenverfügbarkeit die operative Stabilität der Fluggesellschaften. Dies kann zu einer geringeren Pünktlichkeit, vermehrten Flugplanänderungen und einem generell weniger zuverlässigen Flugbetrieb führen, was die Reiseerfahrung der Passagiere direkt verschlechtert. Die komplexen Verflechtungen des globalen Luftverkehrs, in denen unplanmäßige Ereignisse weitreichende Konsequenzen haben, werden durch die Engpässe zusätzlich destabilisiert. Das Problem der Flugzeugknappheit ist somit nicht nur ein Problem der Fluggesellschaften und Hersteller, sondern eine zentrale Herausforderung für die Mobilität und die globale Wirtschaft insgesamt.