Die irische Billigfluggesellschaft Ryanair, bekannt für ihre rigorosen Kostenkontrollen und ihren ebenso direkten Chef, Michael O’Leary, hat überraschend positive Nachrichten von ihrem Hauptlieferanten Boeing erhalten. Wie in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters bekannt wurde, kann Ryanair mit der Auslieferung von 25 bestellten 737 Max 8-200 Flugzeugen deutlich früher als geplant rechnen. Statt wie ursprünglich avisiert im Frühjahr 2026, sollen die Jets bereits bis Oktober 2025 zur Flotte stoßen. Dieser Vorzug verschafft der Fluggesellschaft einen entscheidenden Vorteil in einem hart umkämpften Markt und könnte die zuletzt angespannten Beziehungen zwischen den beiden Luftfahrtriesen entspannen.
Die Beziehung zwischen Ryanair und Boeing war in den letzten Jahren von Spannungen geprägt. Nach dem tragischen Zwischenfall mit einer Alaska Airlines 737 Max 9 im Januar 2024, bei dem sich ein Rumpfsegment im Flug löste, wurden die Produktionsraten von Boeings meistverkauftem Flugzeugtyp drastisch reduziert. Diese Maßnahmen hatten erhebliche Auswirkungen auf die Auslieferungspläne von Fluggesellschaften weltweit, einschließlich Ryanair. Michael O’Leary hatte in der Vergangenheit wiederholt seine Frustration über die Verzögerungen geäußert und öffentlich Druck auf den Flugzeughersteller ausgeübt.
Die jüngste Ankündigung Boeings, die Lieferungen vorzuziehen, ist daher ein Zeichen der Entspannung. Erst im Juli 2025 hatte O’Leary noch betont, dass er „zuversichtlich“ sei, die restlichen 29 737 Max 8-200 aus der Gesamtauftragsliste von 210 Maschinen „deutlich vor dem Sommer 2026“ zu erhalten. Die Nachricht über die vorgezogene Auslieferung von 25 Jets ist daher ein unerwarteter Vertrauensbeweis von Boeing und eine klare Reaktion auf die Bedürfnisse eines seiner wichtigsten Kunden. Die Zufriedenheit O’Learys ist spürbar, als er gegenüber Reuters die gelieferte Qualität der Flugzeuge lobte: „Die Qualität dessen, was sie liefern, ist exzellent, wir sind also wirklich beeindruckt.“
Strategische Expansion und Flottenplanung
Die vorzeitige Ankunft der „Gamechanger“-Jets, wie Ryanair die 737 Max 8-200 intern nennt, kommt zu einem strategisch wichtigen Zeitpunkt für die Fluggesellschaft. Ryanair nutzt diese Jets, eine auf Billigfluggesellschaften zugeschnittene Version der 737 Max 8 mit einer Kapazität von bis zu 200 Passagieren, um ihre Kostenstruktur weiter zu optimieren. Durch die höhere Passagierkapazität pro Flug im Vergleich zu älteren Modellen kann Ryanair die Stückkosten pro Sitzplatz senken und damit seine aggressive Preispolitik fortsetzen.
Die zusätzlichen Flugzeuge ermöglichen Ryanair eine weitere Expansion in neue und bestehende Märkte. Erst kürzlich hatte die Fluggesellschaft Pläne bekanntgegeben, ab April 2026 eine neue Basis am Flughafen von Tirana in Albanien zu eröffnen, um ihren Marktanteil in der Region auszubauen. Zudem wird die Flotte am Standort Newcastle für den Winter 2025/26 um ein drittes Flugzeug verstärkt, was die Aufnahme von fünf neuen Routen ermöglicht. Die vorgezogenen Lieferungen von Boeing unterstützen diese Expansionspläne erheblich. Ohne die neuen Flugzeuge wäre es für Ryanair schwierig, eine so aggressive Wachstumsstrategie zu verfolgen und gleichzeitig ihre bestehende Flotte zu erneuern.
Ausblick auf die Zukunft der 737 Max-Familie
Die positiven Nachrichten von Boeing beschränken sich nicht nur auf die 737 Max 8-200. Michael O’Leary gab in dem Interview auch Updates zur Zertifizierung der kleineren und größeren Varianten der 737 Max. Er äusserte die Erwartung, dass die kleinste Version, die 737-7, bis Ende dieses Jahres ihre Zertifizierung erhalten sollte. Die größte Variante, die 737-10, soll Anfang des nächsten Jahres folgen. Diese Einschätzungen sind bedeutsam, da die Zertifizierung der 737-10, an der auch die FAA strengste Maßstäbe anlegt, von vielen Fluggesellschaften weltweit mit Spannung erwartet wird. Ryanair selbst hat eine beträchtliche Anzahl an 737-10 Maschinen bestellt, um seine Flotte weiter zu vergrößern.
Trotz der aktuellen Positivnachrichten bleibt der Ruf der 737 Max eine Herausforderung für Boeing. Die Fluggesellschaften und Aufsichtsbehörden beobachten die Produktion und die Sicherheitsauflagen genau. Die FAA hat erst kürzlich angekündigt, die Produktionsrate erst nach Abschluss von strengen Überprüfungen zu erhöhen. Die Tatsache, dass Boeing nun einen seiner größten Kunden bevorzugt, könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Hersteller versucht, das Vertrauen der Fluggesellschaften zurückzugewinnen und die Effizienz seiner Produktion zu steigern. Für Ryanair, das sich in einem intensiven Wettbewerb mit anderen Billigfluggesellschaften wie Wizz Air, Easyjet oder der neu aufgestellten Play befindet, ist die schnelle Modernisierung der Flotte von entscheidender Bedeutung, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und die eigenen Wachstumsprognosen zu erfüllen.