Die globale Luftfahrtindustrie erlebt zu Beginn des Jahres 2026 eine signifikante Verschiebung in ihren Zulieferstrukturen. Wie die Konzerne Safran und Embraer am 19. Januar 2026 gemeinsam bekannt gaben, wird die französische Safran-Gruppe ihre Anteile an dem Joint Venture EZAir an den brasilianischen Flugzeugbauer Embraer veräußern.
Damit endet eine langjährige Partnerschaft im Bereich der Flugzeuginnenausstattung am Standort Chihuahua in Mexiko. Das Abkommen sieht vor, dass Embraer künftig alleiniger Eigentümer der Fertigungsstätte wird, in der rund 1.100 Mitarbeiter mit der Produktion von Kabinenelementen beschäftigt sind. Die Transaktion umfasst neben dem Werk in Mexiko auch Engineering- und Fertigungsaktivitäten in Brasilien sowie den Bereich des Aftermarket-Service. Während Embraer durch diesen Schritt die vertikale Integration seiner Produktion stärkt und die Kontrolle über die Innenausstattung seiner Regionaljets der E-Jet-Familie erhöht, konzentriert sich Safran künftig auf andere Geschäftsbereiche innerhalb des mexikanischen Luftfahrtclusters. Die Übernahme steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch die zuständigen Regulierungsbehörden, gilt jedoch als wegweisend für die künftige Aufteilung der Kompetenzen zwischen den beiden Branchenriesen.
Strukturelle Details der Übernahme und operative Reichweite
Das Gemeinschaftsunternehmen EZAir wurde ursprünglich als 50/50-Joint-Venture konzipiert, um die spezifischen Anforderungen von Embraer an moderne Flugzeugkabinen effizient zu bedienen. Das Produktportfolio am Standort Chihuahua umfasst die komplette Innenausstattung für die Regionalflugzeugtypen E1 und E2. Dazu gehören unter anderem Gepäckfächer, Bordküchen (Galleys), Toiletteneinheiten, Seitenwände und Bodenpaneele. Durch die vollständige Übernahme sichert sich Embraer den direkten Zugriff auf diese essenziellen Komponenten und minimiert potenzielle Risiken in der Lieferkette.
Neben der physischen Produktion in Mexiko integriert Embraer auch die Aktivitäten von Safran Cabin Brazil, sofern diese direkt mit den Flugzeugprogrammen des brasilianischen Herstellers verknüpft sind. Ein Sprecher von Safran stellte jedoch klar, dass Engineering-Dienstleistungen, die keinen direkten Bezug zu Embraer haben, weiterhin im Portfolio der Franzosen verbleiben. Diese Trennung ermöglicht es Safran, seine Kapazitäten in Brasilien für andere internationale Kunden und Projekte beizubehalten, während Embraer seine spezialisierte Einheit für den Eigenbedarf optimieren kann. Der Standort Chihuahua bleibt somit ein zentraler Pfeiler der nordamerikanischen Luftfahrtproduktion, wechselt jedoch seine strategische Führung.
Die Bedeutung Mexikos als Luftfahrtstandort
Mexiko hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem der weltweit wichtigsten Hubs für die Luftfahrtindustrie entwickelt. Safran spielt in dieser Entwicklung eine Vorreiterrolle. Bereits im Jahr 1992 eröffnete das Unternehmen eine Fabrik für Innenausstattungen in Tijuana, bevor im Jahr 2000 der Grundstein für das Werk in Chihuahua gelegt wurde. Letzteres erlangte besondere Bedeutung durch die Fertigung von Bordküchen für die Boeing 737 MAX. Mit insgesamt über 15.000 Mitarbeitern an 20 verschiedenen Standorten im Land ist Safran heute der größte Arbeitgeber der Luftfahrtbranche in Mexiko.
Die Entscheidung, Anteile an EZAir zu verkaufen, bedeutet keinen Rückzug Safrans aus dem mexikanischen Markt. Vielmehr spiegelt sie eine Portfolio-Optimierung wider, bei der sich das Unternehmen auf hochkomplexe Systeme und Triebwerkstechnologien konzentriert, während standardisierte Kabinenelemente für spezifische Flugzeugtypen zunehmend in die Hand der Flugzeughersteller (Original Equipment Manufacturer, OEM) übergehen. Für den Standort Chihuahua bedeutet die Übernahme durch Embraer Kontinuität für die Belegschaft, da die Auslastung durch die erfolgreichen E-Jet-Programme E1 und E2 langfristig gesichert scheint. Die Region profitiert weiterhin von der Ansiedlung spezialisierter Zulieferer und einer hochqualifizierten Belegschaft, die in den letzten 25 Jahren kontinuierlich aufgebaut wurde.
Vertikale Integration als strategischer Vorteil für Embraer
Für den brasilianischen Flugzeugbauer Embraer stellt der Kauf von EZAir einen logischen Schritt in seiner langfristigen Unternehmensstrategie dar. In einer Zeit, in der globale Lieferketten durch geopolitische Spannungen und Rohstoffknappheit unter Druck stehen, gewinnt die Inhouse-Fertigung kritischer Komponenten an Bedeutung. Durch die vollständige Kontrolle über das Design und die Herstellung der Kabineninnenräume kann Embraer schneller auf Kundenwünsche reagieren und die Produktionszyklen effizienter gestalten.
Die E2-Serie, das Flaggschiff der Regionalflotte von Embraer, steht im direkten Wettbewerb mit dem Airbus A220. Ein entscheidender Faktor für den Markterfolg ist dabei das Passagiererlebnis im Innenraum. Mit der Übernahme der Engineering-Kompetenzen von Safran Cabin Brazil kann Embraer Innovationen bei Leichtbaumaterialien und ergonomischen Kabinenlayouts direkt in die Serienfertigung überführen, ohne auf externe Partner angewiesen zu sein. Dies verbessert nicht nur die Margen pro Flugzeug, sondern stärkt auch die Position von Embraer im Aftermarket-Geschäft, da Wartung und Ersatzteilversorgung für die Kabinen nun aus einer Hand angeboten werden können.
Auswirkungen auf den globalen Markt für Flugzeuginnenausstattungen
Der Markt für Flugzeugkabinen ist durch einen hohen Konsolidierungsdruck geprägt. Während spezialisierte Anbieter wie Safran Cabin oder Collins Aerospace weiterhin breite Lösungen für verschiedene Flugzeugtypen anbieten, neigen große Hersteller dazu, Schlüsselkomponenten wieder stärker unter das eigene Dach zu holen. Die Transaktion zwischen Safran und Embraer wird in Branchenkreisen als Zeichen für eine reifere Partnerschaft gewertet, in der die Rollenverteilung klarer definiert wird.
Safran kann das durch den Verkauf freiwerdende Kapital nutzen, um in technologische Innovationen in anderen Bereichen zu investieren, etwa in die Entwicklung neuer Antriebssysteme oder fortschrittlicher Avionik. Gleichzeitig bleibt Safran ein wichtiger Partner für Embraer in anderen Segmenten, beispielsweise bei Triebwerkskomponenten oder Landegestellen. Die Auflösung des Joint Ventures EZAir ist somit weniger ein Bruch als vielmehr eine Anpassung an die veränderten Marktbedingungen des Jahres 2026, in denen Flexibilität und direkte Kontrolle über die Produktion über den wirtschaftlichen Erfolg entscheiden.
Zukunftsaussichten für die Standorte in Mexiko und Brasilien
Die operative Übergabe der EZAir-Anteile wird voraussichtlich im Laufe des Jahres 2026 abgeschlossen sein. Für die 1.100 Mitarbeiter in Chihuahua ändert sich vorerst wenig an ihrem Arbeitsalltag, da die Produktionslinien bereits auf die Spezifikationen von Embraer ausgerichtet sind. Es wird erwartet, dass Embraer zusätzliche Investitionen in den Standort tätigen wird, um die Fertigungskapazitäten für die steigende Nachfrage nach der E2-Serie zu erweitern.
In Brasilien wird die Integration der Engineering-Aktivitäten zu einer engeren Verzahnung von Entwicklung und Produktion führen. Die verbleibenden Safran-Einheiten in Mexiko und Brasilien werden sich künftig stärker auf markenübergreifende Lösungen konzentrieren, die an andere große Akteure wie Boeing oder Airbus geliefert werden. Die strategische Trennung schärft somit das Profil beider Unternehmen: Embraer als integrierter Flugzeugbauer mit hoher Eigenfertigungsquote und Safran als spezialisierter Technologiekonzern für die gesamte Luftfahrtindustrie. Die Branche wird genau beobachten, ob dieses Modell der vertikalen Integration auch bei anderen Regionalflugzeugprogrammen Schule macht.