Die Zukunft des städtischen Luftverkehrs hat am 19. Dezember 2025 einen bedeutenden Fortschritt verzeichnet. Auf dem Testgelände von Embraer in Gavião Peixoto, im brasilianischen Bundesstaat São Paulo, absolvierte der erste Prototyp von Eve Air Mobility erfolgreich seinen Jungfernflug. Bei dem Test handelte es sich um einen unbemannten Schwebeflug, der ferngesteuert durchgeführt wurde und die Integration der kritischen Flugsysteme validierte.
Dieser Erstflug markiert den offiziellen Beginn eines umfassenden Testprogramms, mit dem das Tochterunternehmen des brasilianischen Flugzeugbauers Embraer die Zulassung für das Jahr 2027 anstrebt. Das vollelektrisch betriebene Fluggerät, das vertikal starten und landen kann (eVTOL), soll künftig als Lufttaxi in Metropolen eingesetzt werden, um die Bodeninfrastruktur zu entlasten und schnelle Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zu ermöglichen. Mit einem Auftragsbestand von bereits rund 2.800 Vorbestellungen und einer engen Zusammenarbeit mit der brasilianischen Luftfahrtbehörde ANAC positioniert sich Eve als einer der führenden Akteure in diesem technologisch anspruchsvollen Marktsegment.
Technische Validierung und Flugverhalten
Während des Erstflugs konzentrierten sich die Ingenieure vor allem auf die Überprüfung der Kontrollgesetze und die Energieverwaltung des Fluggeräts. Der Prototyp nutzt eine Konfiguration mit acht dedizierten Hubrotoren für den vertikalen Flug und einem separaten Schubpropeller für den Vorwärtsflug. Luiz Valentini, Chief Technology Officer bei Eve, zeigte sich nach dem Test zufrieden und betonte, dass das Verhalten des Flugzeugs exakt den zuvor erstellten mathematischen Modellen entsprach. Besonders im Fokus standen die dynamische Reaktion der Zelle sowie der akustische Fußabdruck, da eine niedrige Lärmemission für die Akzeptanz von Flugtaxis im urbanen Raum als entscheidend gilt.
Der Testflug in Gavião Peixoto diente zudem der Verifizierung der Fly-by-Wire-Technologie der fünften Generation, die direkt aus der jahrzehntelangen Erfahrung von Embraer in der zivilen Luftfahrt abgeleitet wurde. Durch diese technologische Basis will Eve eine Zuverlässigkeit erreichen, die den Sicherheitsstandards der kommerziellen Luftfahrt entspricht. Das Unternehmen plant nun, das Testfenster im Laufe des Jahres 2026 sukzessive zu erweitern. Dabei sollen Hunderte von Flügen durchgeführt werden, um den Übergang vom vertikalen Schwebezustand in den horizontalen Tragflächenflug – die aerodynamisch komplexeste Phase – im Detail zu erproben.
Serienfertigung und regulatorische Meilensteine
Parallel zu den Flugtests treibt Eve die Vorbereitungen für die industrielle Produktion voran. Als Standort für die erste Fabrik wurde Taubaté im Bundesstaat São Paulo ausgewählt. Die Anlage soll nach ihrer Fertigstellung eine Kapazität von bis zu 480 Einheiten pro Jahr erreichen. Um den Zertifizierungsprozess zu beschleunigen, beabsichtigt das Unternehmen, insgesamt sechs Prototypen zu bauen, die den endgültigen Serienstandards entsprechen (conforming prototypes). Diese Flugzeuge werden für die offizielle Zulassungskampagne unter Aufsicht der ANAC eingesetzt, wobei Eve auch eine parallele Zertifizierung durch die US-amerikanische FAA und die europäische EASA anstrebt.
Ein wichtiger Faktor für die finanzielle Absicherung des Programms ist die Unterstützung durch staatliche Institutionen. Kürzlich sicherte sich Eve ein Darlehen in Höhe von rund 40 Millionen US-Dollar von der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES. Diese Mittel fließen primär in die Integration des elektrischen Antriebssystems und die Vorbereitung der Testkampagnen. Mit einer Marktkapitalisierung von etwa 1,68 Milliarden US-Dollar und der Notierung an den Börsen in New York und São Paulo verfügt das Unternehmen über die notwendige Kapitalbasis, um die Phase bis zum Markteintritt im Jahr 2027 zu überbrücken.
Leistungsdaten und Einsatzszenarien des Eve-100
Das Design des Eve-100 ist auf maximale Effizienz im Kurzstreckenbereich ausgelegt. Mit einer Reichweite von rund 100 Kilometern zielt das Fluggerät auf typische Missionen innerhalb von Ballungsräumen oder zwischen Stadtzentren und Flughäfen ab. So könnte eine Fahrt durch das verkehrsreiche São Paulo, die am Boden oft bis zu 150 Minuten dauert, auf etwa 15 Minuten Flugzeit verkürzt werden. Die Kabine bietet Platz für vier Passagiere und deren Gepäck, wobei die Steuerung zunächst durch einen Piloten erfolgt. Für die Zukunft ist eine Erweiterung auf bis zu sechs Passagiere in einer vollautonomen Konfiguration vorgesehen.
Die Struktur des Fluggeräts besteht aus Kohlefaser-Verbundwerkstoffen, was ein optimales Verhältnis von Festigkeit zu Gewicht ermöglicht. Im Gegensatz zu einigen Konkurrenzmodellen verzichtet Eve auf schwenkbare Rotoren (Tilting Prototoypes) und setzt stattdessen auf ein einfaches „Lift-plus-Cruise“-Design. Diese Entscheidung reduziert die mechanische Komplexität und soll die Wartungskosten für die Betreiber senken sowie die Ausfallwahrscheinlichkeit technischer Komponenten minimieren. Große Panoramafenster und eine geräumige Kabine, die in Zusammenarbeit mit Spezialisten wie Recaro entwickelt wurde, sollen zudem den Passagierkomfort während der kurzen Flüge erhöhen.
Wettbewerb und Marktpositionierung
Der erfolgreiche Erstflug erfolgt in einer Phase intensiven Wettbewerbs in der Advanced Air Mobility (AAM) Branche. Während US-amerikanische Wettbewerber wie Joby Aviation bereits umfangreichere Flugstunden vorweisen können, setzt Eve auf eine methodische Vorgehensweise, die eng mit den industriellen Prozessen der Muttergesellschaft Embraer verzahnt ist. Analysten bewerten diesen Ansatz als vorteilhaft, da Eve auf bestehende Lieferketten und globale Service-Netzwerke zurückgreifen kann. Zu den Zulieferern gehören namhafte Unternehmen wie BAE Systems für die Batterien, Garmin für die Avionik sowie Liebherr und Honeywell für verschiedene Subsysteme.
Mit einem Auftragsbestand von 2.800 Einheiten im Wert von geschätzten 14 Milliarden US-Dollar hat Eve bereits eine solide Basis im Markt geschaffen. Zu den Kunden zählen nicht nur klassische Fluggesellschaften, sondern auch Hubschrauberbetreiber wie die brasilianische Revo, die bereits einen festen Auftrag über 50 Maschinen unterzeichnet hat. Die nächsten zwei Jahre werden entscheidend sein, um die theoretischen Modelle durch reale Flugdaten zu untermauern und die ehrgeizigen Ziele für die Inbetriebnahme im Jahr 2027 zu erreichen. Der Erstflug in Gavião Peixoto war hierfür das notwendige Startsignal.