Airbus A320 in Catania (Foto: Robert Spohr).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Etihad Airways leistet Millionenzahlung zur Beilegung des Alitalia-Rechtsstreits

Werbung

Die nationale Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, Etihad Airways, hat eine umfassende rechtliche Auseinandersetzung über ihre gescheiterte Beteiligung an der italienischen Traditionsairline Alitalia durch einen finanziellen Vergleich beendet. Nach jahrelangen Verhandlungen, die bis in höchste diplomatische Kreise zwischen Rom und Abu Dhabi reichten, wurde eine Zahlung von über 300 Millionen Euro vereinbart.

Der Konflikt gründete auf Vorwürfen der italienischen Insolvenzverwaltung, wonach Etihad trotz einer formellen Minderheitsbeteiligung von 49 Prozent die faktische Kontrolle über die operative Geschäftsführung von Alitalia ausgeübt habe. Dieser Kontrollanspruch und das daraus resultierende Management sollen laut der Klägerseite maßgeblich zur wirtschaftlichen Schieflage und dem späteren Zusammenbruch der Fluggesellschaft beigetragen haben. Etihad hingegen wies diese Darstellungen stets zurück und machte Missmanagement auf italienischer Seite für den Totalverlust ihrer Milliardeninvestition verantwortlich. Die Einigung markiert das Ende eines der komplexesten Kapitel der jüngeren Luftfahrtgeschichte, in dem wirtschaftliche Ambitionen, juristische Aufarbeitung und zwischenstaatliche Diplomatie untrennbar miteinander verwoben waren.

Die strategische Allianz und der wirtschaftliche Niedergang

Der Ursprung der Auseinandersetzung liegt im Jahr 2014, als Etihad Airways im Rahmen einer großangelegten Expansionsstrategie, der sogenannten Equity-Alliance-Strategie, 49 Prozent der Anteile an Alitalia erwarb. Die Transaktion hatte ein Gesamtvolumen von rund 1,76 Milliarden Euro und wurde seinerzeit als Rettung der chronisch defizitären italienischen Fluglinie gefeiert. Das Paket umfasste nicht nur Kapitalspritzen durch italienische Banken und Investoren, sondern auch eine weitreichende Umschuldung, den Erwerb wertvoller Start- und Landerechte am Flughafen London-Heathrow sowie eine Mehrheitsbeteiligung am Vielfliegerprogramm Mille Miglia. Ziel war es, Alitalia als Premium-Marke zu revitalisieren und in das globale Netzwerk von Etihad zu integrieren.

Trotz der massiven Investitionen gelang der Turnaround nicht. Während der Phase der engen Zusammenarbeit mit Etihad verzeichnete Alitalia Verluste in Höhe von rund 900 Millionen Euro. Die strategischen Differenzen zwischen dem emiratischen Management und den lokalen Gegebenheiten in Italien traten immer deutlicher hervor. Im Jahr 2017 eskalierte die Situation, als die Belegschaft von Alitalia einen strengen Sanierungsplan ablehnte, der drastische Kostensenkungen vorsah. In der Folge zog Etihad die finanzielle Unterstützung zurück, was am 2. Mai 2017 zum Antrag auf außerordentliche Verwaltung durch Alitalia führte. Damit war das Investment für Abu Dhabi faktisch verloren.

Der Vorwurf der faktischen Kontrolle und die juristische Aufarbeitung

Ein zentraler Streitpunkt des Rechtsstreits war die Frage der Leitungsmacht. Die Insolvenzverwalter von Alitalia argumentierten, dass Etihad die Airline aus den Emiraten de facto wie eine Tochtergesellschaft geführt habe. Sie verwiesen darauf, dass Schlüsselpositionen im Management systematisch mit Etihad-Personal besetzt worden seien. So fungierte Cramer Ball als Geschäftsführer, James Hogan als Vizepräsident und Duncan Naysmith als Finanzchef. Diese personelle Verflechtung diente den Klägern als Beleg dafür, dass Etihad entgegen der formellen Minderheitsbeteiligung die Richtlinien der Politik und die operative Steuerung dominierte.

Die Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft weiteten sich in der Folge massiv aus. Zeitweise standen 21 Personen im Fokus der Untersuchungen, bevor sich der Kreis auf 15 Verdächtige einengte. Die Vorwürfe wogen schwer: Den Managern und ehemaligen Kommissaren wurden Insolvenzverschleppung, falsche Unternehmenskommunikation sowie die Behinderung von Aufsichtsfunktionen vorgeworfen. Etihad hielt dagegen, dass man lediglich als Investor aufgetreten sei und keinen rechtlichen Status als kontrollierendes Unternehmen innegehabt habe. Vielmehr sah sich die Airline selbst als Opfer von Missmanagement und unkontrollierbaren Kostenstrukturen innerhalb der italienischen Organisation.

Diplomatische Verwerfungen und zwischenstaatliche Annäherung

Der Rechtsstreit zwischen Etihad und der Insolvenzverwaltung von Alitalia belastete über Jahre hinweg auch die bilateralen Beziehungen zwischen Italien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die wirtschaftlichen Spannungen übertrugen sich auf die politische Ebene und führten zu einer Abkühlung der diplomatischen Verhältnisse. Besonders deutlich wurde die Krise im Jahr 2021, als Italien Waffenexporte in die Emirate einschränkte. Abu Dhabi reagierte prompt mit einer Sperre des emiratischen Luftraums für italienische Staatsflugzeuge, was eine erhebliche Behinderung für diplomatische Missionen und militärische Logistik darstellte.

Die Beilegung des Rechtsstreits im März 2023 wird daher auch als Erfolg diskreter diplomatischer Bemühungen gewertet. Beide Staaten hatten ein Interesse daran, die belastenden Dossiers der Vergangenheit zu schließen, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit in anderen Bereichen wieder zu intensivieren. Der Vergleich über die Summe von mehr als 300 Millionen Euro, über den zuerst die italienische Zeitung Corriere della Sera berichtete, diente als notwendiger Befreiungsschlag. Durch die Zahlung entgeht Etihad langwierigen und öffentlichkeitswirksamen Gerichtsverfahren in Italien und kann das Kapitel Alitalia endgültig abschließen.

Die neue Ära im italienischen Luftverkehr

Während der juristische Konflikt nun beigelegt ist, hat sich die italienische Luftfahrtlandschaft bereits grundlegend gewandelt. Im Oktober 2021 wurde mit Ita Airways die offizielle Nachfolgegesellschaft von Alitalia gegründet. Die neue Airline startete mit einer deutlich verschlankten Struktur und einer reduzierten Flotte, um die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Die Verhandlungen über eine Beteiligung der deutschen Lufthansa an Ita Airways zeigen, dass der italienische Markt weiterhin von strategischem Interesse für große Airline-Gruppen bleibt, jedoch unter völlig neuen Vorzeichen und regulatorischen Rahmenbedingungen.

Für Etihad Airways bedeutet der Vergleich eine schmerzhafte, aber notwendige Bereinigung der Bilanz. Die Ära der Beteiligungen an europäischen Fluggesellschaften, zu der auch Engagements bei Air Berlin und Darwin Airline gehörten, ist damit weitgehend aufgearbeitet. Die Strategie der Airline aus Abu Dhabi hat sich seither gewandelt und fokussiert sich nun stärker auf organisches Wachstum und selektive Partnerschaften statt auf riskante Mehrheitsbeteiligungen in schwierigen Märkten. Der Fall Alitalia bleibt somit als Mahnmal für die Komplexität internationaler Airline-Investitionen in der Luftfahrtgeschichte bestehen.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung