Trotz zunehmender Spannungen in der Straße von Hormus und Berichten über knapper werdende Treibstoffvorräte sieht die Europäische Union derzeit keine Gefahr für großflächige Flugstreichungen.
EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas erklärte nach einer Krisensitzung mit den Verkehrsministern der Mitgliedstaaten, dass der Markt den aktuellen Belastungen standhalte. Zwar räumte die Kommission ein, dass die Vorräte an kommerziellem Flugkraftstoff in einigen Regionen unter Druck stehen, tatsächliche Engpässe seien jedoch momentan nicht feststellbar. Die jüngsten Flugannullierungen einiger Fluggesellschaften seien primär auf die mangelnde Rentabilität aufgrund hoher Einkaufspreise und nicht auf eine physische Knappheit des Treibstoffs zurückzuführen.
Im Gegensatz zu den beruhigenden Signalen aus Brüssel warnte die Internationale Energieagentur (IEA) kürzlich vor einer beginnenden Kerosinknappheit in mehreren europäischen Ländern innerhalb der nächsten sechs Wochen. Als Reaktion auf diese Prognosen plant die EU-Kommission die Einrichtung einer neuen Beobachtungsstelle für Transportkraftstoffe, um die Lagerbestände und Versorgungswege engmaschiger zu überwachen. Zudem wird geprüft, ob die Mitgliedstaaten künftig zur Haltung von strategischen Notfallvorräten für Kerosin verpflichtet werden sollen, ähnlich wie dies bereits bei Rohöl der Fall ist. Um die Abhängigkeit von Importen aus dem Nahen Osten zu verringern, wird verstärkt nach alternativen Bezugsquellen gesucht, wobei Lieferungen von Kerosin des Typs A aus den Vereinigten Staaten eine zentrale Rolle spielen könnten.
Ein wesentlicher Streitpunkt bleibt die rechtliche Einordnung von Flugausfällen im Kontext der Passagierrechte. Laut Kommission stellen Streichungen aus wirtschaftlichen Gründen, wie etwa zu hohen Treibstoffkosten, keinen „außergewöhnlichen Umstand“ dar, der die Airlines von Entschädigungszahlungen entbindet. Erst bei einem tatsächlichen, unverschuldeten Treibstoffmangel könnte sich die Rechtslage zugunsten der Unternehmen verschieben. Parallel dazu fordert der Branchenverband Airlines for Europe (A4E) mehr Flexibilität bei den Flughafen-Slots. Die Fluggesellschaften dringen darauf, dass Zeitfenster, die aufgrund von Luftraumsperrungen infolge des Nahost-Konflikts nicht genutzt werden können, nicht verfallen. Die Kommission hat angekündigt, hierzu zeitnah Erläuterungen und gegebenenfalls vorübergehende Erleichterungen vorzulegen.
Die geopolitische Lage zwingt die europäische Luftfahrt zudem zur Anpassung ihrer Logistikketten. Da die traditionellen Handelsrouten durch den Konflikt beeinträchtigt sind, steigen nicht nur die Beschaffungskosten, sondern auch die Transportdauern für Treibstoffimporte. Dies führt zu einer verstärkten Auslastung der Schienen- und Binnenschifffahrtskapazitäten innerhalb Europas, um das Kerosin von den Häfen zu den großen Flughafendrehkreuzen zu befördern. Branchenexperten weisen darauf hin, dass die Versorgungssicherheit in den kommenden Monaten maßgeblich von der Stabilität der alternativen Lieferrouten und der Wirksamkeit der koordinierten EU-Einkaufsstrategien abhängen wird, um extreme Preissprünge und damit einhergehende Marktverzerreffekte abzufedern.