Die US-amerikanische Luftfahrtaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration (FAA) hat am 20. Oktober 2026 die Zulassung für das Passagierflugzeug Boeing 737 Max 10 erteilt. Damit ist der Weg frei für die Auslieferung der größten Variante der Schmalrumpfflugzeug-Familie des US-Herstellers an internationale Fluggesellschaften.
Nach Angaben des Konzerns sollen die ersten Übergaben an Kunden in den kommenden Monaten anlaufen. Die Entscheidung schließt den behördlichen Zertifizierungsprozess für die vier Hauptvarianten der Max-Baureihe ab, nachdem die kleinere Version Max 7 im August 2026 von der Aufsicht freigegeben worden war. US-Verkehrsminister Sean Duffy überreichte die Zertifizierungsdokumente im Rahmen einer Zeremonie am Boeing-Standort Everett im US-Bundesstaat Washington an Führungskräfte des Unternehmens. Die Zulassung markiert einen wichtigen Punkt für die operative Planung zahlreicher Fluggesellschaften weltweit, deren Flottenaufträge durch die mehrjährigen Verzögerungen im Zertifizierungsprogramm beeinträchtigt worden waren.
Wirtschaftliche Bedeutung und Auftragsbestand im Wettbewerb mit Airbus
Mit der Beendigung des Zulassungsverfahrens verfügt Boeing über ein größeres Flugzeugmodell, um im Marktsegment für Schmalrumpfflugzeuge mit hoher Passagierkapazität gegen das Konkurrenzmodell Airbus A321neo anzutreten. Die Max 10 bietet Platz für bis zu 230 Passagiere bei einer dichten Bestuhlung, während eine typische Zweiklassen-Konfiguration Raum für 185 bis 210 Fluggäste bietet. Boeing gibt die maximale Reichweite des Musters mit bis zu 3.100 nautischen Meilen (rund 5.740 Kilometer) an.
Für den Hersteller ist das Flugzeug kommerziell von zentraler Bedeutung: Über 1.555 Festbestellungen von mehr als 30 Kunden liegen für die Max 10 vor. Das Muster macht damit mehr als 30 Prozent des gesamten offenen Auftragsbuchs der Max-Familie aus. Zu den größten Erstkunden zählen internationale Fluggesellschaften wie United Airlines, Delta Air Lines, American Airlines, Alaska Airlines und die europäische Niedrigpreis-Fluggesellschaft Ryanair. Stephanie Pope, Präsidentin und Geschäftsführerin von Boeing Commercial Airplanes, betonte, dass der Abschluss des Testprogramms die Voraussetzungen schaffe, um ein Flugzeug auszuliefern, das neue Maßstäbe im zivilen Luftverkehr setzen soll. FAA-Administrator Bryan Bedford erklärte, die Entscheidung stütze sich auf eine gründliche Überprüfung des Entwurfs und der Sicherheitsanforderungen, wobei die Behörde die Fertigung im Rahmen ihrer Aufsicht weiter eng begleiten werde.
Hintergrund der Verzögerungen und technische Anpassungen am Flugzeug
Ursprünglich hatte Boeing geplant, die ersten Einheiten der Max 10 bereits im Jahr 2020 an Kunden zu übergeben. Der Zeitplan verzögerte sich jedoch erheblich infolge der weltweiten Flugverbote für die Max 8 nach zwei tödlichen Abstürzen in den Jahren 2018 und 2019 sowie nachfolgend verschärfter behördlicher Prüfvorschriften. Zusätzlich führten technische Anpassungen am Enteisungssystem der Triebwerke sowie Unstimmigkeiten in der Navigationssoftware, die noch im September 2026 korrigiert werden mussten, zu weiteren Verzögerungen im Prüfungsverlauf.
Eine zentrale technische Neuerung der Max 10 betrifft das Überwachungssystem für die Anstellwinkelsensoren (Angle of Attack, AoA). Fehlerhafte Sensordaten hatten bei den beiden Unfällen der Max 8 eine entscheidende Rolle gespielt. Das überarbeitete System überwacht das Verhalten der Sensoren kontinuierlich, erkennt abweichende Messwerte und blockiert fehlerhafte Daten vor der Weiterleitung an andere Flugzeugsysteme oder ersetzt sie durch Standardwerte. Zudem zeigt eine Warnmeldung auf den Primäranzeigen im Cockpit den betroffenen Sensor präzise an. Ergänzend wurde ein Schalter integriert, mit dem die Piloten eine fehlerhafte Stick-Shaker-Warnung bei Bedarf stummschalten können. Dieses verbesserte System wird Standard in der laufenden Max-Produktion und soll auch für bereits im Dienst befindliche Maschinen zur Nachrüstung angeboten werden.
Umfang des Zulassungsprogramms und gesetzliche Vorgaben
Die Zulassungsinitiative umfasste knapp 1.000 Testflüge mit mehr als 2.000 Flugteststunden sowie rund 1.000 Stunden Erprobung am Boden. Nach Angaben von Boeing ist die 737 Max 10 das erste Zivilflugzeug, das vollständig unter den Vorgaben des im Jahr 2020 vom US-Kongress verabschiedeten Aircraft Certification, Safety, and Accountability Act zertifiziert wurde. Dieses Gesetz schreibt unter anderem erweiterte Dokumentationspflichten bei Sicherheitsbewertungen sowie eine vertiefte Analyse der Interaktion zwischen Piloten und Flugzeugsystemen vor.
Für die Fluggesellschaften bedeutet die Freigabe der Max 10 das Ende einer mehrjährigen Planungsunsicherheit. In den kommenden Monaten steht nun der Hochlauf der Serienproduktion im Werk Renton sowie die Schulung der Besatzungen im Vordergrund. Die Auslieferungen an Erstkunden wie United Airlines werden zeigen, wie rasch das Flugzeug in den regulären Streckendienst integriert werden kann und in welchem Maße es gelingt, den Marktanteil im Wettbewerb mit den europäischen A321neo-Kapazitäten zu festigen.