Der amerikanische Flugzeughersteller Boeing sieht sich erneut mit einer potenziellen Notfall-Lufttüchtigkeitsanweisung (Airworthiness Directive, AD) der Federal Aviation Administration (FAA) konfrontiert, die alle Varianten seines Großraumflugzeugs 787 Dreamliner (787-8, 787-9 und 787-10) betreffen könnte. Die für Montag, den 17. November, zur Veröffentlichung vorgeschlagene Anweisung reagiert auf schwerwiegende Berichte über unbeabsichtigte Änderungen der über das Mode Control Panel (MCP) ausgewählten Flughöhe. Diese Störungen können ohne Eingabe der Piloten auftreten und haben bereits zu Zwischenfällen mit Verletzungen von Passagieren und Besatzung geführt.
Die FAA fordert in ihrem Entwurf den Austausch aller betroffenen MCPs (mit den Teilenummern 4091640-901, 902 und 903) gegen eine aktualisierte Version, gefolgt von einem Installationstest. Als Ursache für die unbeabsichtigten Höhenänderungen, die auf zwei Flügen der Fluggesellschaften United Airlines und LATAM zu dramatischen Zwischenfällen im Flug führten, werden Software-, Hardware- und interne Stromversorgungsprobleme genannt. Die Anweisung würde insgesamt 165 Boeing Dreamliner betreffen.
Die technischen Details der Notfall-Anweisung
Laut dem FAA-Bericht (Docket No. FAA-2025-3426; Project Identifier AD-2025-00342-T) sind von der vorgeschlagenen Lufttüchtigkeitsanweisung weltweit 165 aktive Boeing Dreamliner betroffen. Das kritische Bauteil, das Mode Control Panel (MCP), ist die zentrale Schnittstelle, über die Piloten unter anderem die Zielhöhe, Geschwindigkeit und Flugrichtung in den Autopiloten eingeben. Wenn dieses Panel unbeabsichtigt Änderungen vornimmt, kann dies zu abrupten und unerwarteten Flugmanövern führen.
Die beabsichtigten Maßnahmen umfassen den Austausch des gesamten MCP. Der geschätzte Zeitaufwand für die Durchführung der Arbeiten liegt bei lediglich zwei Stunden pro Flugzeug. Die Kosten pro Arbeitsstunde werden mit rund 85 US-Dollar beziffert, zuzüglich der Teilekosten. Honeywell International Inc., der Hersteller des MCP, hat bereits signalisiert, dass die Kosten für die Ersatzteile ganz oder teilweise unter die Herstellergarantie fallen könnten. Dies würde die wirtschaftlichen Auswirkungen für die Betreiber erheblich mindern. Weltweit sind derzeit 1.098 Dreamliner aller drei Varianten im aktiven Dienst.
Alle Betreiber des Dreamliners sind zur Einhaltung der Anweisung verpflichtet, sofern die Arbeiten nicht bereits durchgeführt wurden. Alternative Maßnahmen zur Erfüllung der Anweisung können nur in Ausnahmefällen in Betracht gezogen und müssen von der FAA’s Continued Operation Safety Branch (AIR-520) genehmigt werden.
Die Präzedenzfälle: Zwischenfälle bei LATAM und United Airlines
Die geplante Notfall-Anweisung ist die direkte Folge von zwei schwerwiegenden Zwischenfällen, bei denen die unbeabsichtigte Höhenänderung zu erheblichen Störungen und Verletzungen führte, was die Dringlichkeit der Maßnahme unterstreicht.
LATAM Flug 800: Der plötzliche Höhenverlust
Am 11. März 2024 erlitt LATAM Airlines Flug 800, eine Verbindung von Sydney nach Auckland, einen plötzlichen Höhenverlust. Etwa zwei Stunden nach dem Start in den dreistündigen Flug nach Neuseeland erfuhr der Dreamliner (eine 787-9) eine unerwartete, abrupte Bewegung. Passagiere und Besatzungsmitglieder, die nicht auf das Manöver vorbereitet waren, wurden durch die Kabine geschleudert.
Der Vorfall löste in Auckland einen Großalarm aus. Der Flug wurde von Rettungsdiensten empfangen, darunter 14 Krankenwagen und Notfallteams. Insgesamt wurden 50 Personen verletzt gemeldet, wobei 13 zur weiteren Behandlung in umliegende Krankenhäuser gebracht werden mussten; ein Fall wurde als ernst eingestuft. Der Weiterflug von Auckland nach Santiago musste annulliert werden. Nach dem Vorfall berichtete der Pilot den Passagieren über ein technisches Versagen der Ausrüstung, wobei die Anzeigen für ein bis zwei Sekunden ausgefallen seien. Die neuseeländische Untersuchungsbehörde (Transport Accident Investigation Commission) beschlagnahmte die Black Boxes des Flugzeugs zur detaillierten Analyse.
United Airlines Flug 613: Unerwartete Erschütterung
Bereits Anfang des Jahres erlebte United Airlines Flug 613, unterwegs von Lagos, Nigeria, nach Washington Dulles, eine unerwartete Störung. Kurz nach dem Start musste der Flug mit 245 Passagieren und elf Besatzungsmitgliedern zur Vorsicht nach Lagos zurückkehren. Flugdatenanalysen von Flightradar24 zeigten, dass das Flugzeug nur 93 Sekunden nach dem Start mehr als 1.000 Fuß an Höhe verlor. Die unerwartete Erschütterung führte zu Chaos in der Kabine, wobei Mahlzeiten, Getränke und persönliche Gegenstände durch den Innenraum geschleudert wurden.
Die Federal Airports Authority of Nigeria (FAAN) bestätigte, dass 38 Passagiere und Besatzungsmitglieder Verletzungen erlitten, darunter vier Passagiere und zwei Besatzungsmitglieder mit schweren Verletzungen. United Airlines erklärte zunächst, der Vorfall sei auf ein unerwartetes technisches Problem zurückzuführen, wobei Turbulenzen schnell als Ursache ausgeschlossen wurden.
Die Notwendigkeit präventiver Maßnahmen
Die FAA stuft die Gefahr eines unbeabsichtigten MCP-Höhenwechsels als potenzielles ernstes Sicherheitsrisiko ein, da es die Kontrolle der Flugbahn beeinträchtigen und zu plötzlichen, heftigen Flugmanövern führen kann. Notfall-Lufttüchtigkeitsanweisungen werden nur bei akuten Gefahren erlassen, die die Sicherheit des Flugbetriebs unmittelbar bedrohen. Die Tatsache, dass zwei unabhängig voneinander aufgetretene Zwischenfälle auf denselben mutmaßlichen Systemfehler hindeuten, hat die Regulierungsbehörde dazu bewogen, präventiv zu handeln, bevor es zu weiteren oder noch schwerwiegenderen Unfällen kommt.
Die vorgeschlagene Anweisung, die sich nur auf die 787-Varianten bezieht und nicht auf andere Boeing-Modelle ausgeweitet wird, zielt darauf ab, die strukturelle Integrität und die Betriebssicherheit der hochmodernen Dreamliner-Flotte zu gewährleisten. Die relativ geringen Kosten und der kurze Zeitaufwand für die Reparatur des MCP sind eine positive Nachricht für die Fluggesellschaften, die so eine kritische Sicherheitsanforderung schnell erfüllen können, um ihren Flugbetrieb aufrechtzuerhalten.