Die lettische Fluggesellschaft Air Baltic hat einen ersten Schritt zur Abwendung einer unmittelbaren Liquiditätskrise vollzogen. Wie das Unternehmen am 17. August 2026 mitteilte, haben die Inhaber seiner Anleihe im Gesamtvolumen von 380 Millionen Euro und einem Zinssatz von 14,50 Prozent maßgeblichen Zugeständnissen zugestimmt.
Damit setzt das Management eine Übergangsregelung durch, die Zinszahlungen vorerst aussetzt und dem Carrier Atempause bei der Verfolgung eines umfassenden Sanierungsplans verschafft. Die Maßnahme geht mit einer drastischen Verkleinerung der Flugzeugflotte, einer Konzentration auf das Drehkreuz Riga sowie dem Versuch einher, weiteres Kapital im dreistelligen Millionenbereich einzuwerben.
Kapitalisierung von Zinsen und Aussetzung von Auflagen
Die Gläubiger billigten auf einer Gläubigerversammlung am 17. August 2026 Beschlüsse, die bereits am 28. Juli 2026 im Wege einer Ergänzungseinladung angekündigt worden waren. Die notwendigen Quoren wurden erreicht: Es waren Investoren anwesend, die mehr als 25 Prozent des ausstehenden Nennwerts vertraten, und mehr als 75 Prozent der abgegebenen Stimmen fielen zugunsten der Vorschläge aus.
Kern der Vereinbarung ist die Kapitalisierung der am 14. August 2026 und am 14. November 2026 fälligen Zinszahlungen. Diese Beträge werden nicht liquide ausgezahlt, sondern dem Hauptbetrag der bis 2029 laufenden Anleihe zugeschlagen. Darüber hinaus gewähren die Gläubiger ein vorübergehendes Aussetzen der Mindestliquiditätsquote bis zum 14. November 2026. Flankierend wurden Bestimmungen bezüglich des Reservekontos für den Schuldendienst ausgesetzt sowie Fristen und Beschlussfähigkeit für künftige Versammlungen angepasst. Diese Entlastungen bieten dem Unternehmen zwar kurzfristigen Spielraum, lösen das Grundproblem der hohen Schuldenlast jedoch nicht dauerhaft.
Restrukturierung und deutlicher Flottenrückbau
Das Flugunternehmen sieht sich zu einem tiefgreifenden Umbau gezwungen. Am 11. August 2026 legte das Management der Öffentlichkeit einen überarbeiteten Geschäftsplan vor, der eine deutliche Reduzierung der Betriebsgröße vorsieht. Frühere Pläne, die im Zusammenhang mit einem zwischenzeitlich ausgesetzten Börsengang standen und eine Aufstockung auf bis zu 100 Maschinen des Typs Airbus A220-300 vorsahen, wurden verworfen.
Stattdessen soll die Flotte von derzeit 54 Flugzeugen bis Ende des Jahres 2026 auf rund 36 Einheiten verkleinert werden. Bis zum Jahr 2031 ist lediglich ein moderater Wiederanstieg auf etwa 40 Flugzeuge vorgesehen. Das operative Geschäft konzentriert sich künftig stark auf den Heimatflughafen Riga. Gleichzeitig stutzt Air Baltic das Geschäft mit der Vermietung von Flugzeugen samt Besatzung an andere Airlines, das sogenannte ACMI-Leasing, auf ein reduziertes Ausmaß zurück. Das Ziel lautet, durch Effizienzsteigerungen und reduzierte Betriebskosten eine jährliche Entlastung von rund 45 Millionen Euro zu erreichen.
Ursachen der Krise und operative Belastungsfaktoren
Als Gründe für den finanziellen Engpass führt die Führung von Air Baltic ein verlangsamtes Ertragswachstum sowie gestiegene operative Kosten an. Zudem belasten die geopolitischen Spannungen in Osteuropa und dem Nahen Osten den regionalen Luftverkehrsmarkt. Ein erhebliches Problem stellen technische Engpässe bei den Pratt & Whitney-Triebwerken der Airbus-A220-Flotte dar. Wartungsverzögerungen und fehlende Ersatzteile führten in der Vergangenheit immer wieder dazu, dass Flugzeuge am Boden bleiben mussten und nicht verlässlich eingesetzt werden konnten.
Die finanziellen Kennzahlen spiegeln die Schieflage wider. Im ersten Quartal des Jahres 2026 verzeichnete das Unternehmen einen Nettoverlust von 70,1 Millionen Euro. Zwar stieg der Umsatz im selben Zeitraum um 12,3 Prozent auf 149,1 Millionen Euro, die Kostenentwicklungen zehrten die Einnahmen jedoch auf. Ratingagenturen stuften die Bonität der Anleihe im Vorfeld mehrfach herab. Infolgedessen fielen die Kurse der Anleihen am Sekundärmarkt auf ein sehr niedriges Niveau, was das Vertrauen der Anleger stark belastete.
Suche nach Zwischenfinanzierung und neuem Eigenkapital
Die am 17. August 2026 beschlossenen Erleichterungen sind lediglich eine Zwischenstation. Über den eigentlichen Finanzierungsbedarf wurde auf der Versammlung nicht abgestimmt, da dieser Punkt nicht auf der Tagesordnung stand. Das Unternehmen benötigt zur Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit eine Überbrückungsfinanzierung in Höhe von 225 Millionen Euro.
Darüber hinaus strebt das Management eine langfristige Rekapitalisierung an. Diese sieht die Einwerbung von 100 Millionen Euro an neuem Eigenkapital vor. Ergänzend ist geplant, einen Teil der bestehenden Anleihe über 380 Millionen Euro in Eigenkapital umzuwandeln und den verbleibenden Rest durch neue Schuldtitel mit geringerem Volumen von bis zu 125 Millionen Euro zu ersetzen.
Rolle des lettischen Staates und politische Verhandlungen
Ein zentraler Faktor im laufenden Prozess ist die lettische Regierung, die derzeit rund 88 Prozent der Anteile an Air Baltic hält. Die Politik strebt an, ihren Anteil im Zuge der Sanierung und der geplanten Umwandlung von Schulden in Eigenkapital auf mindestens 25 Prozent plus eine Aktie zu senken.
In den Verhandlungen geht es auch um staatliche Überbrückungshilfen. Die Regierung beantragte beim Parlament in Riga die Verlängerung der Rückzahlungsfrist für ein bestehendes Darlehen in Höhe von 30 Millionen Euro vom 31. August 2026 auf den 31. Dezember 2026. Gleichzeitig wird geprüft, ob sich der Staat mit weiteren 30 Millionen Euro an einer neuen Finanzierungsrunde beteiligt, sofern private Geldgeber ebenfalls Mittel bereitstellen. Die lettische Regierungsspitze betonte, dass noch keine abschließende Vereinbarung mit allen Gläubigern vorliegt. Der Flugbetrieb läuft unterdessen nach Angaben des Unternehmens nach dem regulären Flugplan weiter.