Der britische Finanzinvestor Attestor bereitet die vollständige Übernahme der deutschen Ferienfluggesellschaft Condor vor. Nach Informationen aus Branchenkreisen beabsichtigt die Investmentgesellschaft, die verbliebenen 49 Prozent der Unternehmensanteile, die sich derzeit im Besitz der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Hessen befinden, bis zum 30. September 2026 zu erwerben.
Dieser Schritt wird möglich, nachdem Condor einen ausstehenden Kredit bei der staatlichen Förderbank KfW vorzeitig zurückgezahlt hat. Unabhängig von diesem Eigentümerwechsel setzt der Investor die Suche nach einem Partner aus der Luftfahrtbranche fort. Die Fluggesellschaft mit rund 60 Maschinen gilt auf dem sich rasch konsolidierenden europäischen Markt im Alleingang als vergleichsweise klein.
Ausübung der Kaufoption und Ablösung der Staatskredite
Mit dem geplanten Erwerb der verbleibenden Anteile macht Attestor von einer Kaufoption Gebrauch, die bereits beim Einstieg des Investors im Mai 2021 vertraglich geregelt worden war. Damals hatte der Vermögensverwalter, der vor allem Mittel für Universitätsstiftungen und Familiengesellschaften verwaltet, 51 Prozent der Anteile an der Fluggesellschaft übernommen. Die Vereinbarung umfasste eine Zusage von insgesamt 450 Millionen Euro, wovon 200 Millionen Euro als Eigenkapital flossen und weitere 250 Millionen Euro für die Erneuerung der Fahrzeug- beziehungsweise Flugzeugflotte bereitgestellt wurden.
Voraussetzung für das Ziehen der Option war die vollständige Tilgung der staatlichen Hilfsgelder. Nachdem Condor den ausstehenden Kredit bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau vorzeitig abgewickelt hat, ist der Weg für den Ausstieg des Staates frei. Bislang wurden die 49 Prozent der Geschäftsanteile treuhänderisch über die SG Luftfahrtgesellschaft gehalten. Weder der Finanzinvestor noch die Fluggesellschaft oder Vertreter der Bundesregierung wollten den Vorgang auf Nachfrage kommentieren.
Vorgeschichte der Rettungsmaßnahmen und staatlichen Beteiligung
Die Beteiligung des Staates an dem Traditionsunternehmen war das Resultat zweier schwerer Krisen innerhalb kurzer Zeit. Im September 2019 geriet Condor durch die Insolvenz des britischen Mutterkonzerns Thomas Cook in eine existenzbedrohende Lage. Eine damals zugesagte Übernahme durch die polnische Luftfahrt-Holding PGL scheiterte im Frühjahr 2020 kurz vor dem Abschluss infolge des Ausbruchs der weltweiten Reisebeschränkungen.
Um den Fortbestand des Unternehmens und die Arbeitsplätze der rund 5.500 Beschäftigten zu sichern, griffen der Bund und das Land Hessen der Fluggesellschaft mit Überbrückungskrediten und Bürgschaften unter die Arme. Nach dem Durchlaufen eines Schutzschirmverfahrens stieg Attestor im Jahr 2021 als Mehrheitseigner ein. Das Ziel des Finanzinvestors war von Beginn an darauf ausgerichtet, das Unternehmen operativ zu stabilisieren und die ausstehenden Kredite schrittweise abzutragen.
Notwendigkeit einer Einbindung in eine größere Unternehmensgruppe
Trotz der Modernisierung der Flotte und einer kontinuierlichen Passagierauslastung mit knapp zehn Millionen Fluggästen pro Jahr verweisen Branchenkenner auf die Grenzen eines isolierten Geschäftsmodells. Der Markt für Ferienflüge ist geprägt von starkem Wettbewerbsdruck und schwankenden Treibstoffpreisen. Condor-Chef Peter Gerber bekräftigte vor diesem Hintergrund, dass die Fluggesellschaft mittelfristig den Anschluss an eine größere Gruppe suchen werde.
Eine Verbindung mit dem deutschen Marktführer Lufthansa ist aus kartellrechtlichen Gründen ausgeschlossen. Daher richten sich die Blicke auf internationale Bewerber. Als denkbare Partner gelten große Fluggesellschaften aus der Golfregion oder Unternehmen wie Turkish Airlines. Auch asiatische Unternehmen, die Zugang zum europäischen Markt suchen, kommen in Betracht. Der Finanzinvestor arbeitet hierbei mit der Investmentbank Barclays zusammen, um Interessenten für eine Minderheitsbeteiligung zu gewinnen. Der Erwerb der restlichen Staatsanteile soll jedoch unabhängig davon abgeschlossen werden, ob bis Ende September 2026 ein Partner feststeht.
Zunehmender Konsolidierungsdruck im europäischen Luftfahrtmarkt
Der geplante Eigentümerwechsel bei Condor fällt in eine Phase veränderter Rahmenbedingungen in der europäischen Luftfahrtbranche. Der Markt bewegt sich zunehmend in Richtung einer stärkeren Konzentration auf wenige große Unternehmensverbünde. So laufen derzeit Verfahren zur Teilprivatisierung der portugiesischen Staatsgesellschaft TAP Air Portugal, während um andere Anbieter Übernahmeverhandlungen geführt werden.
Zusätzlich belasten hohe Treibstoffkosten infolge internationaler Konflikte im Nahen Osten die Bilanzen vieler Marktteilnehmer. Branchenvertreter wie Willie Walsh von der International Air Transport Association sowie das Management großer Flottenbetreiber rechnen damit, dass der anhaltende Kostendruck den Druck auf schwächere Marktteilnehmer erhöht und weitere Zusammenschlüsse beschleunigen wird. Für Condor soll die Vollübernahme durch Attestor vorübergehend Handlungssicherheit schaffen, bis eine langfristige Einbindung in einen Branchenverbund realisiert werden kann.