Die Einführung des neuen europäischen Einreise-Ausreise-Systems (EES) im Oktober 2025 hat an den internationalen Verkehrsflughäfen des Schengen-Raums zu beispiellosen operativen Verwerfungen geführt. Wie der europäische Flughafenverband ACI Europe in einer dringlichen Mitteilung bekannt gab, sind die Wartezeiten an den Grenzkontrollpunkten seit dem Start des Systems um bis zu 70 Prozent angestiegen.
In den großen europäischen Drehkreuzen müssen Reisende aus Drittstaaten in Spitzenzeiten mit Verzögerungen von bis zu drei Stunden rechnen. Diese Entwicklung belastet nicht nur die Passagierlogistik, sondern gefährdet zunehmend die Einhaltung der Flugpläne und die Sicherheit in den Terminalgebäuden. Der Verband fordert daher von der Europäischen Kommission sowie den zuständigen Behörden wie Frontex und der IT-Agentur eu-Lisa sofortige Korrekturen, bevor eine geplante Verschärfung der Registrierungsquote im Januar 2026 die Situation unkontrollierbar werden lässt. Besonders kritisch wird die technische Unzuverlässigkeit der biometrischen Erfassungssysteme und das Fehlen unterstützender digitaler Lösungen für die Vorregistrierung bewertet.
Technische Mängel und infrastrukturelle Engpässe
Das Herzstück des EES ist die digitale Erfassung biometrischer Daten – darunter Gesichtsscans und Fingerabdrücke – von Reisenden, die nicht die Staatsangehörigkeit eines EU- oder Schengen-Mitgliedstaates besitzen. Ziel ist die Automatisierung und Digitalisierung der Grenzkontrolle, um manuelle Stempel im Reisepass zu ersetzen. Doch die Realität an den Flughäfen in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien sieht derzeit anders aus. ACI Europe berichtet von regelmäßigen Totalausfällen der zentralen Datenbanken, was die Grenzbeamten zur Rückkehr zu langsamen, manuellen Prozessen zwingt.
Ein wesentliches Problem stellt die mangelhafte Hardware-Infrastruktur dar. Die zur Entlastung gedachten Selbstbedienungskioske, an denen Passagiere ihre Daten eigenständig eingeben sollen, sind vielerorts nur in unzureichender Stückzahl vorhanden oder aufgrund technischer Inkompatibilitäten gar nicht erst in Betrieb genommen worden. Zudem können die bereits existierenden automatisierten Grenzkontrollsysteme, bekannt als eGates, in vielen Fällen die spezifischen Anforderungen des neuen EES noch nicht verarbeiten. Dies führt dazu, dass der Großteil der Drittstaatsangehörigen weiterhin persönlich durch Grenzschutzbeamte abgefertigt werden muss, was die Kapazitäten der Kontrollboxen bei Weitem übersteigt.
Verschärfung der Lage durch Personalmangel und Quotenregelung
Zusätzlich zur technischen Misere verschärft ein signifikanter Personalmangel bei den nationalen Grenzschutzbehörden die Lage. Die neue Art der Abfertigung erfordert pro Passagier deutlich mehr Zeit als das bisherige Verfahren. Experten schätzen, dass die Bearbeitungsdauer pro Ersteinreise durch die biometrische Registrierung um das Drei- bis Vierfache gestiegen ist. Wenn technische Systeme versagen, bricht das gesamte Abfertigungskonzept zusammen, da nicht genügend Beamte zur Verfügung stehen, um die Flut an Reisenden manuell zu bewältigen.
Besonders besorgniserregend ist die aktuelle Warnung von ACI-Europe-Generaldirektor Olivier Jankovec bezüglich der sogenannten Registrierungsschwelle. Aktuell wird das System in einer Übergangsphase betrieben, in der lediglich zehn Prozent der betroffenen Passagiere vollumfänglich biometrisch erfasst werden müssen. Trotz dieser minimalen Quote kommt es bereits zu massiven Staus. Der Zeitplan sieht vor, dass diese Schwelle bereits am 9. Januar 2026 auf 35 Prozent angehoben wird. Jankovec warnt eindringlich davor, dass ohne eine vollständige Lösung der technischen Probleme diese Erhöhung zwangsläufig zu systemischen Störungen führen wird, die über die Grenzkontrolle hinaus den gesamten Flughafenbetrieb und die Rotationspläne der Fluggesellschaften lahmlegen könnten.
Geografische Schwerpunkte und wirtschaftliche Auswirkungen
Die Auswirkungen der Krise konzentrieren sich derzeit auf die großen touristischen und wirtschaftlichen Zentren Europas. In Frankreich sind vor allem die Pariser Flughäfen betroffen, während in Deutschland Frankfurt und München mit den Folgen der verzögerten Abfertigung kämpfen. Auch im Mittelmeerraum, insbesondere in Griechenland, Portugal und Spanien, führt die Situation zu erheblichen Problemen, da diese Länder überproportional viele Reisende aus Drittstaaten empfangen. Neben den direkten Wartezeiten für Passagiere entstehen den Fluggesellschaften erhebliche Kosten durch verpasste Anschlussflüge und die notwendige Umbuchung von Reisenden.
Die logistische Kette an einem Flughafen ist eng getaktet. Wenn Passagiere drei Stunden in der Grenzkontrolle feststecken, erreicht das Gepäck oft vor dem Besitzer das Ziel, oder Maschinen müssen mit leer bleibenden Sitzen abheben, um ihre Slots an anderen Flughäfen nicht zu verlieren. Diese Ineffizienz beeinträchtigt die wirtschaftliche Rentabilität des gesamten Sektors. Zudem berichten Flughafenbetreiber von wachsenden Sicherheitsrisiken durch überfüllte Ankunftshallen, die ursprünglich nicht für derart lange Wartezeiten und Menschenansammlungen konzipiert wurden. Crowd-Management-Teams müssen verstärkt eingesetzt werden, um die Passagierströme zu lenken und Panik oder gesundheitliche Notfälle in der Enge zu vermeiden.
Forderungen nach Flexibilität und digitaler Nachbesserung
Der Flughafenverband betont, dass er die Modernisierung der Grenzkontrollen grundsätzlich befürwortet, fordert jedoch eine pragmatische Herangehensweise der Politik. Ein zentraler Kritikpunkt ist das Fehlen einer funktionsfähigen Mobil-App zur Vorregistrierung. Eine solche Anwendung würde es Reisenden ermöglichen, ihre biometrischen Daten und Reisedokumente bereits vor der Ankunft am Flughafen hochzuladen, was die Zeit am Kontrollschalter massiv verkürzen würde. Dass das System ohne ein solches Werkzeug scharf geschaltet wurde, wird von Branchenkennern als schwerwiegender Planungsfehler angesehen.
Sollten die Stabilitätsprobleme und die infrastrukturellen Lücken bis Anfang Januar 2026 nicht behoben sein, verlangt ACI Europe eine Aussetzung der Quotensteigerung oder zumindest eine größere Flexibilität für die Mitgliedstaaten bei der Umsetzung. Die operative Realität dürfe nicht ignoriert werden. Es bestehe die Gefahr, dass das Vertrauen in die Reisefreiheit und die Effizienz des Schengen-Raums nachhaltig beschädigt wird, wenn die Einreise nach Europa zum logistischen Albtraum gerät. Die kommenden Wochen bis zum Jahreswechsel gelten als entscheidend für die Stabilisierung der Systeme, wobei die IT-Agentur eu-Lisa unter massivem Druck steht, die Verlässlichkeit der zentralen Datenbanken zu garantieren.
Ausblick auf die Reisesaison 2026
Die Luftfahrtbranche blickt mit Sorge auf das kommende Jahr. Sollte keine Lösung gefunden werden, droht die Reisewelle zum Jahresbeginn und die darauffolgende Frühjahrssaison im Chaos zu versinken. Die Integration des EES ist ein Mammutprojekt, das die Zusammenarbeit von IT-Spezialisten, Grenzschutzbeamten, Flughafenbetreibern und Fluggesellschaften erfordert. Bisher scheint die Koordination auf europäischer Ebene jedoch den praktischen Anforderungen vor Ort hinterherzuhinken. Die Warnrufe aus den Terminals sind unüberhörbar: Europa riskiert einen Stillstand an seinen Toren, wenn die digitale Grenze zur unüberwindbaren Hürde wird.