Ein europäisches Forschungskonsortium unter Beteiligung führender technischer Universitäten widmet sich ab dem 1. Januar 2026 der Entwicklung eines neuartigen Flugkraftstoffs. Im Rahmen des EU-Projekts „ToFuel“ soll untersucht werden, wie Restbiomasse aus der Tomatenproduktion industriell zur Herstellung von Sustainable Aviation Fuel (SAF) genutzt werden kann.
Das Konsortium besteht aus elf Partnern aus sieben Ländern, darunter die TU Graz, die TU Wien und die Montanuniversität Leoben sowie die Fraunhofer-Gesellschaft. Mit einem Budget von 3,5 Millionen Euro über eine Laufzeit von vier Jahren zielt das Vorhaben darauf ab, die bislang weitgehend ungenutzten Nebenprodukte der Agrarindustrie stofflich zu verwerten.
Die Europäische Union gehört mit einer jährlichen Ernte von rund 17 Megatonnen zu den weltweit größten Produzenten von Tomaten. Bei der Ernte und Verarbeitung fallen erhebliche Mengen an Abfällen an, die aus Stängeln, Blättern, Schalen und Samen sowie beschädigten Früchten bestehen. Schätzungen der Projektbeteiligten zufolge könnten diese Rückstände theoretisch etwa drei Prozent des europäischen Bedarfs an alternativem Flugkraftstoff bis zum Jahr 2030 decken. Bisher werden diese organischen Reste zumeist thermisch verwertet oder entsorgt, ohne dass ihr energetisches Potenzial für den Luftverkehrssektor ausgeschöpft wird.
Technologisch setzt das Projekt auf zwei unterschiedliche Verfahren zur Fraktionierung der Biomasse. Zum einen kommt die Extrusion zum Einsatz, bei der organisches Material unter hohem Druck und Hitze aufgebrochen wird, damit Mikroorganismen daraus Lipide für die Treibstoffproduktion gewinnen können. Zum anderen wird die hydrothermale Verflüssigung untersucht, die Biomasse in Bioöl und Biokohle transformiert. Die Einbindung großer Industriepartner wie Mutti und Podravka stellt sicher, dass ausreichende Mengen an Rohmaterial für die Pilotanlagen zur Verfügung stehen. Ziel ist die Entwicklung eines Verfahrens, das einen wirtschaftlich konkurrenzfähigen Verkaufspreis für den resultierenden Kraftstoff ermöglicht.
Die Ergebnisse von „ToFuel“ könnten wegweisend für die Nutzung von Agrarabfällen in der chemischen Industrie sein. Durch die Zusammenarbeit von Instituten aus Portugal, Kroatien, Finnland und Österreich wird die gesamte Wertschöpfungskette von der Rohstoffquelle bis zur finalen Kraftstoffveredelung abgedeckt. Die Luftfahrtbranche zeigt bereits großes Interesse an solchen Projekten, da die gesetzlichen Quoten für die Beimischung alternativer Treibstoffe in den kommenden Jahren stetig ansteigen. Die technische Machbarkeit und die Skalierbarkeit der Prozesse auf industrielles Niveau stehen dabei im Mittelpunkt der vierjährigen Forschungsphase.