Martin Gauss (Foto: Air Baltic).
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Führungswechsel bei Air Baltic: Martin Gauss tritt ab

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Nach 14 Jahren an der Spitze der lettischen Fluggesellschaft Air Baltic hat Martin Gauss überraschend seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender erklärt. Diese Entscheidung wurde am 7. April 2025 bekanntgegeben und markiert das Ende einer Ära, in der Gauss das Unternehmen durch zahlreiche Herausforderungen und Transformationen geführt hat.

Martin Gauss übernahm im November 2011 die Leitung von Air Baltic in einer Zeit, in der die Fluggesellschaft mit erheblichen finanziellen und operativen Schwierigkeiten konfrontiert war. Unter seiner Führung durchlief Air Baltic einen umfassenden Restrukturierungsprozess, der die Modernisierung der Flotte, die Einführung neuer Strecken und die Verbesserung der wirtschaftlichen Stabilität umfasste. Ein bedeutender Meilenstein während Gauss‘ Amtszeit war die Entscheidung, die gesamte Flotte auf den Airbus A220-300 zu vereinheitlichen, um Betriebskosten zu senken und den Passagieren ein verbessertes Flugerlebnis zu bieten.

Finanzielle Herausforderungen und Beteiligung der Lufthansa

Trotz der erzielten Fortschritte stand Air Baltic weiterhin vor finanziellen Herausforderungen. Im Februar 2024 wurde bekannt, dass die Fluggesellschaft innerhalb von sechs Monaten 200 Millionen Euro aufbringen müsse, um Anleihegläubiger aus dem Jahr 2019 auszuzahlen. Gauss äußerte sich damals zuversichtlich, dass das Unternehmen die erforderlichen Mittel beschaffen könne. Eine staatliche Unterstützung wurde nicht ausgeschlossen, wobei auch internationale Partnerschaften als mögliche Lösung ins Spiel gebracht wurden.

Im Januar 2025 wurde schließlich bekannt, dass die Lufthansa Group eine Beteiligung an Air Baltic in Höhe von zehn Prozent erwirbt. Die Investition in Höhe von rund 14 Millionen Euro sollte die europäische Präsenz der Lufthansa stärken und Air Baltic zusätzliche finanzielle Mittel für Wachstums- und Expansionspläne sichern. Im Rahmen der Vereinbarung erhielt die Lufthansa zudem einen Sitz im Aufsichtsrat von Air Baltic, was von lettischen Medien kritisch, aber auch als Zeichen internationaler Anerkennung gewertet wurde.

Hintergründe des Rücktritts

Trotz der finanziellen Unterstützung gab es in den vergangenen Jahren vermehrt Kritik an Gauss‘ Führungsstil und strategischen Entscheidungen. Besonders kontrovers war die Praxis, eine erhebliche Anzahl von Flugzeugen im sogenannten Wet-Lease-Verfahren an andere Fluggesellschaften – insbesondere innerhalb der Lufthansa-Gruppe – zu vermieten.

Diese Auslagerung von Kapazitäten führte dazu, daß der eigene Flugplan von Air Baltic eingeschränkt wurde, was bei Passagieren und in der lettischen Politik für Unmut sorgte. Gauss verteidigte dieses Vorgehen stets mit Verweis auf bestehende Verträge und wirtschaftliche Notwendigkeiten, räumte jedoch ein, daß das Vorgehen dem öffentlichen Bild der Airline schade.

Reaktionen und Übergangsphase

In einer offiziellen Mitteilung bedankte sich der Aufsichtsrat von Air Baltic bei Gauss für seine langjährige Führung und seine Verdienste um die Entwicklung des Unternehmens. Interimsweise wird der bisherige Operativchef Pauls Cālītis die Leitung übernehmen. Cālītis, der seit drei Jahrzehnten bei Air Baltic tätig ist, betonte das Engagement des Teams und die Fortsetzung der strategischen Ziele des Unternehmens – dazu gehört weiterhin die Vorbereitung auf einen möglichen Börsengang.

Der Verwaltungsratspräsident von Air Baltic, Andrejs Martinovs, erklärte, das Unternehmen werde seine Strategie unabhängig von der personellen Veränderung weiterverfolgen. Cālītis soll dabei vor allem für Stabilität sorgen, bis ein neuer Vorstandsvorsitzender dauerhaft benannt wird.

Zukünftige Perspektiven für Air Baltic

Die Fluggesellschaft steht nun vor wichtigen Entscheidungen. Der ursprünglich bereits für 2023 geplante Börsengang wurde mehrfach verschoben, aktuell ist das Jahr 2026 im Gespräch. Die wirtschaftliche Situation des Unternehmens bleibt angespannt, wenngleich die Beteiligung der Lufthansa als strategischer Lichtblick gewertet werden kann.

Gleichzeitig wächst der Druck aus der lettischen Politik, die Rolle von Air Baltic als nationale Fluggesellschaft zu stärken und deren Präsenz auf dem heimischen Markt zu sichern. Der Vorwurf, daß Air Baltic zu stark auf internationale Leasingverträge setze und die Bedürfnisse lettischer Fluggäste vernachlässige, hält sich hartnäckig.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob es dem Unternehmen gelingt, seine Position in einem sich wandelnden europäischen Luftverkehrsmarkt zu behaupten und das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederzugewinnen. Für Lettland bleibt Air Baltic nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein symbolischer Akteur – die Entwicklungen im Führungsteam stehen daher unter genauer Beobachtung.

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