Der amerikanische Flugzeugbauer Boeing, der in den vergangenen Jahren auf dem wichtigen chinesischen Markt mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert war, steht möglicherweise vor einem strategischen Durchbruch. Medienberichten zufolge laufen derzeit intensive Verhandlungen über den Verkauf von bis zu 500 Verkehrsflugzeugen an chinesische Fluggesellschaften.
Ein solch monumentaler Auftrag, der erste dieser Größenordnung seit einem Staatsbesuch im Jahr 2017, könnte eine Normalisierung der angespannten Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China signalisieren. Während die genauen Modelle und Lieferzeiten noch verhandelt werden, deuten Experten an, dass die Bestellung Teil eines umfassenderen Handelsabkommens sein könnte. Für Boeing wäre dies eine entscheidende Gelegenheit, den in China verlorenen Boden gegenüber seinem europäischen Hauptkonkurrenten Airbus und dem heimischen Hersteller Comac wieder aufzuholen und seine Präsenz im zweitgrößten Luftfahrtmarkt der Welt nachhaltig zu festigen.
Der steinige Weg in den chinesischen Markt
Der chinesische Luftfahrtmarkt gilt als einer der dynamischsten und wichtigsten der Welt. Er ist seit langem ein zentrales Schlachtfeld für die beiden führenden Flugzeugbauer, Boeing und Airbus. In den letzten Jahren hatte Boeing in China mit erheblichen Rückschlägen zu kämpfen. Nach den Unfällen zweier Boeing 737 Max und dem anschließenden weltweiten Flugverbot war China eines der letzten Länder, das die Wiederzulassung des Flugzeugtyps erteilte. Dieser Umstand, gepaart mit den allgemeinen Handelskonflikten zwischen Washington und Peking, führte zu einer fast vollständigen Unterbrechung der Auslieferungen neuer Flugzeuge nach China. Während dieser Zeit konnte der europäische Rivale Airbus seinen Marktanteil signifikant ausbauen.
Nach Angaben von Branchenanalysten dominiert Airbus den chinesischen Inlandsmarkt mit einer deutlich größeren Anzahl an Flügen und Sitzplätzen im Vergleich zu Boeing. Im August dieses Jahres entfallen demnach über 244.000 Inlandsflüge auf Airbus-Maschinen, während Boeing-Flugzeuge knapp 187.000 Flüge absolvierten. Dies zeigt, wie weit Boeing in den letzten Jahren zurückgefallen ist. Der aufstrebende chinesische Hersteller Comac spielt ebenfalls eine Rolle, wenn auch mit einer noch geringeren Anzahl an Flügen. Die Dominanz von Airbus unterstreicht, wie dringend Boeing eine Wende in diesem strategisch wichtigen Markt herbeiführen muss.
Ein Mega-Deal als Zeichen der Entspannung
Die nun bekanntgewordenen Verhandlungen über den Verkauf von bis zu 500 Flugzeugen deuten auf eine mögliche strategische Wende hin. Branchenexperten sind der Meinung, dass ein solcher Großauftrag nicht allein von wirtschaftlichen Überlegungen getrieben wird, sondern auch als politisches Signal der Entspannung im sino-amerikanischen Verhältnis gewertet werden kann. Berichten zufolge könnte die Flugzeugbestellung Teil eines umfassenderen Handelsabkommens zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China sein. Solche Deals waren in der Vergangenheit, etwa während der Amtszeit des ehemaligen Präsidenten Donald Trump, bereits ein Mittel, um diplomatische Beziehungen zu normalisieren und wirtschaftliche Spannungen abzubauen.
Sollte dieser Deal zustande kommen, wäre es der erste große chinesische Auftrag an Boeing seit dem Jahr 2017. Der konkrete Wert des Auftrags wurde nicht öffentlich gemacht, aber bei bis zu 500 Flugzeugen würde es sich um ein Volumen in zweistelliger Milliardenhöhe handeln. Der Aktienkurs von Boeing reagierte bereits positiv auf die Gerüchte und stieg um rund zwei Prozent an, was die Erwartungen der Investoren widerspiegelt. Die Verhandlungen über die genauen Modelle – es wird spekuliert, dass die 737 Max eine Schlüsselrolle spielen wird – sowie die Lieferzeiten laufen noch. Angesichts des derzeitigen Auftragsüberhangs bei Boeing, verursacht durch frühere Produktions- und Zertifizierungsprobleme, könnten sich die Lieferungen über mehrere Jahre erstrecken.
Die Rolle der 737 Max und die Konkurrenz
Ein zentraler Aspekt der Verhandlungen ist die Integration der Boeing 737 Max. Nach den beiden verheerenden Abstürzen 2018 und 2019 hatte China als eines der ersten Länder weltweit den Flugzeugtyp am Boden gelassen und als eines der letzten die Wiederzulassung erteilt. Dies führte zu einer erheblichen Belastung für die Geschäftsbeziehungen zwischen Boeing und seinen chinesischen Kunden. In den letzten Monaten schien es, als würden die Auslieferungen wieder anlaufen, bis ein erneuter Rückschlag im Rahmen von Handelsstreitigkeiten die Übergabe neuer Jets stoppte. Die Berichte, dass Lieferungen inzwischen wieder aufgenommen wurden, deuten auf einen vorsichtigen Optimismus hin.
Während Boeing mit seinen Problemen kämpfte, konnte der europäische Rivale Airbus seine Position in China festigen. Der europäische Flugzeugbauer hat in den letzten Jahren mehrere Grossaufträge von chinesischen Fluggesellschaften erhalten und konnte so seinen Vorsprung auf dem chinesischen Markt ausbauen. Auch der chinesische Hersteller Comac mit seinen C919-Maschinen stellt eine wachsende Konkurrenz dar, wenn auch der Anteil seiner Flugzeuge an den nationalen Flügen noch vergleichsweise gering ist. Ein Erfolg für Boeing würde dem Unternehmen nicht nur dringend benötigte Einnahmen verschaffen, sondern auch die Möglichkeit bieten, seinen Marktanteil in China wieder auszubauen und das Vertrauen der chinesischen Luftfahrtbehörden und Fluggesellschaften zurückzugewinnen. Der potentielle Auftrag ist daher mehr als nur ein Geschäft. Er ist ein Indikator für die zukünftige geopolitische und wirtschaftliche Entwicklung im Verhältnis zwischen den USA und China und ein entscheidender Test für Boeings Fähigkeit, seine Position in einem der wichtigsten Wachstumsmärkte der Welt zu behaupten.