Ein beunruhigender Zwischenfall über dem Atlantik wirft erneut ein Schlaglicht auf die kaum sichtbaren, aber lebensgefährlichen Wirbelschleppen von Großflugzeugen. Am 27. Juli 2025 geriet ein Airbus A321LR der Fluggesellschaft Air Transat im Luftraum über Neufundland in die starken Wirbelschleppen eines in größerer Höhe kreuzenden Airbus A350-1000 von Ethiopian Airlines.
Das kleinere Flugzeug wurde heftig durchgeschüttelt, zwei Crewmitglieder stürzten, und eines verlor sogar kurzzeitig das Bewußtsein. Die kanadische Transportsicherheitsbehörde TSB hat eine Untersuchung eingeleitet, um die genauen Umstände des Beinahe-Unglücks zu klären. Dieser Vorfall ist eine eindringliche Mahnung an die Luftfahrtindustrie, die Abstandsregeln in einer immer voller werdenden Welt des Luftverkehrs zu überprüfen.
Ein Routineflug wird zum Schreckensmoment
Flug Air Transat 207 befand sich auf dem Weg von Manchester nach Toronto. An Bord der Maschine, einem Airbus A321LR mit dem Kennzeichen C-GOIR, waren 196 Passagiere und Besatzungsmitglieder. Der Routineflug über dem Nordatlantik, in einer Höhe von 34.000 Fuß (etwa 10.360 Meter), nahm eine dramatische Wendung, als das Flugzeug plötzlich von starken Turbulenzen erfaßt wurde. Die kanadische Transportsicherheitsbehörde TSB bestätigte in einer Mitteilung, daß der Auslöser die Wirbelschleppen waren, die von einem überfliegenden Airbus A350-1000 von Ethiopian Airlines (Flug ET-BAX) stammten.
Die Ethiopian-Maschine, Flug Ethiopian Airlines 501 von Washington nach Addis Abeba, kreuzte die A321LR von Air Transat in einer Höhe von 35.000 Fuß. Obwohl sich zwischen den beiden Flugzeugen ein vertikaler Abstand von 1.000 Fuß (rund 300 Meter) befand, reichte dies nicht aus, um die Air Transat-Maschine vor den starken Verwirbelungen der A350 zu schützen. Diese Verwirbelungen, die sich an den Flügelspitzen größerer Flugzeuge bilden, können für nachfolgende Flugzeuge, insbesondere kleinere Maschinen, eine erhebliche Gefahr darstellen.
Infolge des heftigen Durchschüttelns stürzten zwei Flugbegleiter in der Kabine, und eines der Crewmitglieder verlor kurzzeitig das Bewußtsein. Dies verdeutlicht die plötzliche und unkontrollierbare Gewalt der Wirbelschleppen. Die Besatzung der A321LR ging nach den ersten Schockmomenten zunächst davon aus, in die Wirbelschleppen eines noch größeren Flugzeugs, wie eines Airbus A380, geraten zu sein, was die Stärke der Turbulenzen zusätzlich unterstreicht.
Die unsichtbare Gefahr: Wirbelschleppen und ihre Physik
Wirbelschleppen, auch Wirbelzöpfe oder „Wake Turbulences“ genannt, sind eine unsichtbare und gefährliche Erscheinung in der Luftfahrt. Sie entstehen durch den Druckunterschied zwischen der Unter- und Oberseite der Tragflächen. Bei der Erzeugung des Auftriebs strömt die Luft unter dem Flügel mit höherem Druck und über dem Flügel mit niedrigerem Druck. An den Flügelenden versucht der Hochdruckbereich, in den Niedrigdruckbereich auszugleichen, wodurch sich rotierende Wirbel bilden. Diese Wirbel können sich über weite Strecken hinter dem Flugzeug ausbreiten und eine erhebliche Abwärtsströmung erzeugen.
Die Stärke und Lebensdauer dieser Wirbel hängen von verschiedenen Faktoren ab: dem Gewicht des Flugzeugs, seiner Geschwindigkeit und der atmosphärischen Bedingung. Großflugzeuge wie die A350, A380 oder Boeing 747 erzeugen besonders starke Wirbelschleppen, die für kleinere Flugzeuge verheerende Folgen haben können. Die Luftfahrtbehörden, wie die Federal Aviation Administration (FAA) in den USA oder die European Union Aviation Safety Agency (EASA), haben daher strenge Mindestabstände und -zeiten festgelegt, die zwischen den Flugzeugen eingehalten werden müssen. Diese Abstände sind in der Regel nach der Gewichtsklasse des vorausfliegenden Flugzeugs gestaffelt, um die Sicherheit zu gewährleisten.
Der Vorfall über Neufundland, bei dem ein Abstand von 1.000 Fuß nicht ausreichte, legt jedoch nahe, daß diese Abstandsregeln möglicherweise nicht mehr ausreichend sind, insbesondere bei der Begegnung von Flugzeugen mit deutlich unterschiedlichen Größen. Die kanadische TSB wird in ihrer Untersuchung wahrscheinlich die Stärke der Wirbelschleppen der A350-1000, die Flughöhen und die Wetterbedingungen zum Zeitpunkt des Vorfalls detailliert analysieren.
Die Folgen und die Lehren für die Luftfahrt
Der Zwischenfall mit der Air Transat-Maschine endete glücklicherweise glimpflich. Das Flugzeug konnte sicher weiterfliegen und landete schließlich in Toronto. Dennoch ist der Vorfall eine eindringliche Erinnerung an die Risiken, die mit dem stetig wachsenden Luftverkehr verbunden sind.
Die Untersuchung der TSB wird entscheidend sein, um mögliche Mängel in den aktuellen Sicherheitsvorschriften zu identifizieren. Ein solcher Vorfall könnte zu einer Neubewertung der Abstandsregeln zwischen Flugzeugen führen, insbesondere im Bereich der Höhenstaffelung, um zukünftige Zwischenfälle zu vermeiden. Angesichts der zunehmenden Zahl von Langstreckenflügen und der wachsenden Dichte des Luftverkehrs, auch über dem Nordatlantik, ist eine ständige Überprüfung und Anpassung der Sicherheitsstandards unerläßlich. Fluggesellschaften und Piloten müssen sich der Gefahren von Wirbelschleppen jederzeit bewußt sein. Obwohl moderne Flugzeuge mit Systemen zur Erkennung von Turbulenzen ausgestattet sind, bleiben Wirbelschleppen oft unentdeckt. Die Sicherheit in der Luftfahrt ist das Ergebnis einer kontinuierlichen Verbesserung und Anpassung an neue Gegebenheiten. Der Zwischenfall über Neufundland ist ein Weckruf, der die Branche daran erinnert, daß die unsichtbaren Gefahren am Himmel niemals unterschätzt werden dürfen.